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G. Ulrich Großmann
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Behaim-Globus: Der "Erdapfel" des
Martin Behaim Nürnberg, 1491-93
nach einem Entwurf von Martin Behaim (1459-1507)
bemalt von Georg Glockendon d. Ä. (gest. 1514)
Kugel: Ruprecht Kolberger (1470-1505)
Leihgabe der Bayerischen Landesstiftung |
Am 16. August 1852 trat in Dresden unter Vorsitz des Kronprinzen und späteren Königs
Johann von Sachsen ein Kollegium von Historikern
zusammen, die die wichtigsten deutschen Geschichtsvereine repräsentierten. Sie waren
mit der Absicht gekommen, den Vereinen feste Strukturen zu geben und ihre Arbeit auf diese
Weise zu koordinieren. So wurden zwei Beschlüsse gefasst: Am 16. August gründeten sie einen
Gesamtverband der Geschichts- und Altertumsvereine, am 17. August 1852 das
Germanische Nationalmuseum. Auf beide Entscheidungen
hatte Hans von Aufseß maßgeblichen Einfluss,
aber auch die Vertreter anderer Geschichtsvereine mussten lange auf diese Tage warten. Zu
ihnen zählt etwa der hessische Historiker Georg Landau, der bis zu seinem Tode dem
Gelehrtenausschuss des Germanischen Nationalmuseums
angehören sollte.
Wie war es zur Gründung des Museums
überhaupt gekommen?
Der fränkische Adlige Hans von und zu
Aufseß hatte ein wirklich zukunftsweisendes
Konzept entwickelt. Nicht die Präsentation von
Macht, sondern von geschichtlichen und
kulturgeschichtlichen Zusammenhängen bestimmte sein
Interesse. Im Jahre 1832 ließ er den ersten Band
des "Anzeiger(s) für die Kunde des deutschen
Mittelalters" veröffentlichen, der allerdings 1839
wieder eingestellt werden musste. In dieser Zeit
sammelte Aufseß im Stillen, was ihm persönlich
als Kulturgut für den "germanischen" Raum, also
die deutschsprachige Zone inmitten Europas sowie deutsche Enklaven im Osten Europas, typisch
zu sein schien. Er sammelte diese Exponate auf seiner Burg Unteraufseß, wo er im Bergfried
auch ein eigenes Studierzimmer einrichtete, das
heute noch zu besichtigen ist. Die Sammlung in unmittelbarer Nähe Nürnbergs anzusiedeln war
dabei eine hervorragende Entscheidung. Mehr als ein halbes Jahrtausend stand Nürnberg im
Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches
Deutscher Nation, das eine feste Hauptstadt nie gekannt hatte. Nur Wien hätte ähnliche
Bedingungen bieten können - dort gab es jedoch
bereits die seit dem späten 16. Jahrhundert
zusammengetragene Sammlung des allerhöchsten
Kaiserhauses, was die Gründung einer weiteren
Sammlung eher behindert als befördert hätte.
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Armilla (Oberarmschmuck)
Kupfer, vergoldet, Email,
Rhein-Maas-Gebiet, 1170-80
Germanisches Nationalmuseum
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Trotz des Scheiterns der Revolution von 1848/49, die dem Land mit seinen vielen
Kleinstaaten eigentlich eine demokratische Einigung
bringen sollte, blieb der Gedanke wach, sich im
kulturellen und geschichtlichen Bereich mit der
Nation ohne die lästigen Grenzen zu beschäftigen.
Mehrfach machte Hans von Aufseß Anstalten in
diese Richtung. 1852 gelang es ihm schließlich
den Beschluss herbeizuführen, dass "1. die
weitere Begründung und Ausbildung des
Germanischen Museums der Generalversammlung dringend
anzuempfehlen sei," und "2. das Museum von
dem heutigen Datum als begründet betrachtet"
werden solle. Das Gründungsdatum war somit
der 17. August 1852.
Bereits am 18. Juli 1853 erfolgte die Anerkennung der neuen Einrichtung als "nationales
Unternehmen" durch die Deutsche Bundesversammlung in Frankfurt, fortan wurde das
Museum als "Germanisches Nationalmuseum"
bezeichnet. Es sollte allerdings noch fünf Jahre
dauern, bis ein Standort für das Museum
gefunden war. Zwar favorisierte man Nürnberg, doch
wollte man die Unterstützung des bayerischen
Königs haben, der sich mit seiner Entscheidung
viel Zeit ließ. Stattdessen gab es Offerten, das
Museum auf der Wartburg oder in Coburg anzusiedeln, also in Sachsen, und es mit den
jeweiligen fürstlichen Sammlungen zu vereinen.
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Albrecht Dürer
Bildnis des Malers Michael Wolgemut
Nürnberg 1516, Gemälde auf Holz
Leihgabe der Bayer. Staatsgemäldesammlung |
1857 schließlich schenkte der bayerische
König dem neuen Museum - bis dahin
provisorisch im Nürnberger Tiergärtner Turm untergebracht - das ehemalige Kartäuserkloster am Südrand
der Altstadt. Zudem half er beim Aufbau des
zuletzt als Militärarsenal genutzten und dadurch stark
in Mitleidenschaft gezogenen Gebäudes. Einen festen Etat für das Museum gab es nicht,
Ankäufe musste man durch Spenden finanzieren,
selbst die Kosten für das Personal mühsam
einwerben. Dennoch waren die der Gründung
folgenden Jahrzehnte überaus erfolgreich. Aus
allen deutschsprachigen Gebieten - von den Niederlanden über die Schweiz bis nach Österreich
- kamen bedeutende Geschenke oder Leihgaben an das Museum, das seinem Rang als
Nationalmuseum schon bald gerecht werden konnte.
Die Präsentation der Sammlung in einem mittelalterlichen Kloster entsprach dem
Geschichtsbezug des Museumsauftrags. Als Aufgabe
des Museums wurde von seinem Gründer Hans von Aufseß festgelegt, es solle ein
"wohlgeordnetes Generalrepertorium über das ganze
Quellenmaterial für die deutsche Geschichte, Literatur
und Kunst, vorläufig von der ältesten Zeit bis zum
Jahr 1650, herstellen." Ziel war es, das gesamte
Wissen um diese Bereiche zu gliedern und zu ordnen, zu sammeln und verfügbar zu machen.
Dieses Wissen bestand aus Büchern, Akten und Kunstwerken, aber auch aus Gebäuden, die
man allerdings nicht komplett ins Museum
übertragen, sondern nur bildlich dokumentieren wollte.
Ein Repertorium ist in erster Linie eine Sammlung von Daten, weniger von Originalen. So war
die Abschrift einer Urkunde, der Abdruck eines Siegels oder der Gipsabguss einer Skulptur ein
dem Original gleichwertiger Sammlungsgegenstand.
Erst heute ist man wieder in der Lage zu verstehen, wie wichtig beispielsweise Gipsabgüsse
der Mitte des 19. Jahrhunderts sind.
Selbstverständlich befindet sich das Original des
Braunschweiger Löwen heute immer noch in
Braunschweig, doch der Abguss im Germanischen Nationalmuseum zeigt diese Skulptur ohne die
Umweltbeeinträchtigungen der letzten anderthalb
Jahrhunderte. Ein direkter Vergleich der Bronzetüren
von Hildesheim, Augsburg und Nowgorod wird durch einen Besuch im Germanischen
Nationalmuseum ermöglicht, wo sich die entsprechenden
Gipsabgüsse unmittelbar nebeneinander befinden.

Veit Stoß, Der Erzengel Raphael und der junge Tobias
1516, Lindenholz, ungefasst
Leihgabe Jakobskirche Nürnberg und Stadt Nürnberg |
Schon im Jahre nach der Gründung 1852 erschien der erste "Anzeiger für Kunde der
deutschen Vorzeit" in Kooperation mit dem
Leipziger Verlag Friedrich Fleischer, ab 1853 wurden
auch jährlich Publikationen des Museums
herausgebracht: der Jahresbericht, die Denkschriften und bereits damals der "Anzeiger": Er enthielt vor
allem Berichte über Ankäufe und
organisatorische Änderungen des Museums und entwickelte
sich zu einer bedeutenden wissenschaftlichen Zeitschrift, später ergänzt durch die
"Mitteilungen". Seit 1853 werden diese Bücher in einem
eigenen "Verlag der literarisch-artistischen
Anstalt" des Germanischen Nationalmuseums
veröffentlicht - somit im ältesten Museumsverlag der
Welt, der bis heute noch besteht!
Die Entstehung der Sammlung
Schon der erste Katalog von 1855/56 listete Tausende von Objekten auf, Originale ebenso
wie Abgüsse. Zeitlich war die Sammeltätigkeit auf
die Epochen des Mittelalters und der frühen
Neuzeit "vorläufig bis um 1650" beschränkt. Einige
Jahre nach Gründung des Museums wurde der
Auftrag um den Bereich der Vor- und Frühgeschichte
erweitert, wodurch man in direkte Konkurrenz zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum in
Mainz trat - mit dem Erwerb einer großen Privatsammlung 1881 konnte man auch hier die führende
Rolle übernehmen. In den 80er und 90er Jahren
erschien eine Reihe von Bestandskatalogen aus allen Bereichen der Kunst- und Kulturgeschichte.
Direktor des Germanischen Nationalmuseums war von 1866 bis 1892 August von
Essenwein, ihm folgte 1894 bis 1920 Gustav von Bezold, beide waren als Architektur- und
Bauhistoriker bekannt geworden. Ihnen ist es zu
verdanken, dass das Museum nicht mehr vorwiegend
Kopien, Abschriften, Abgüsse im Sinne eines
Repertoriums sammelte, sondern sich vielmehr um
die Originale bemühte. Diese kamen in großer
Zahl und nicht zuletzt dank ungeheurem
Bürgerengagement ins Museum, das binnen weniger
Jahrzehnte auch seinen Anspruch als Nationalmuseum von
europäischem Rang durch die Bedeutung seiner Exponate begründen konnte.
Heute wäre es selbst mit erheblichem
Geldaufwand nicht mehr möglich, eine Sammlung ähnlicher Qualität zusammenzustellen. Beide Direktoren
legten außerordentlichen Wert darauf, dass nicht
die "Ereignisgeschichte", die im 19.Jahrhundert
sonst so sehr interessierte, im Mittelpunkt der Sammeltätigkeit stand, sondern die "materielle
Kultur". Gemälde, Skulpturen und
Kunsthandwerk, vor- und frühgeschichtliches Grabungsgut,
volkskundliche Objekte und Musikinstrumente, Objekte der Zunft, der Rechtsaltertümer und des
Handels sollten das Leben der Menschen in den
vergangenen Epochen dokumentieren. Aspekte des Hausbaus und der Architektur blieben dabei
natürlich nicht ausgespart.
Zum Nachfolger Gustav von Bezolds wurde 1920 Ernst Heinrich Zimmermann bestellt,
bei Amtsantritt erst 33 Jahre alt und damit der
jüngste Direktor, den das Museum jemals hatte.
Von der Ausbildung her Kunsthistoriker, wandelte
er das Konzept der Sammlung stark in diese Richtung ab. Sammlungen wie die zum Bereich
der Architektur gerieten in der folgenden Zeit ins
Hintertreffen. Von Bedeutung war aber die Erweiterung des Sammlungskonzeptes um den
Barock, also bis in die Jahre um 1800: Malerei und
Skulptur dieser Zeit sammelte Zimmermann in
großem Umfang - mangels eines Etats allerdings oft
im Tausch mit ihm weniger wichtig erscheinenden gotischen Bildwerken aus
Nordwestdeutschland. Die dadurch entstandenen Lücken sollen sich
erst jetzt nach mehr als 75 Jahren schließen.
1936 wurde Heinrich Kohlhausen zum Direktor gewählt. Zu seinen Leistungen zählt es,
das Museum auf einer Gratwanderung durch die Zeit des Nationalsozialismus gebracht zu haben,
ohne die politischen Machthaber gegen sich
aufzubringen, aber auch ohne sich zu sehr in ihre
Abhängigkeit zu begeben. Während Nürnberg zur
Stadt der Reichsparteitage erkoren wurde und die
verbrecherischen Rassegesetze seither mit dem Namen der Stadt untrennbar verbunden
sind, blieb das Haus von offiziellen "Führerbesuchen" verschont. Das Germanische
Nationalmuseum wurde für die Nationalsozialisten zwar
kein Identifikationspunkt, es ganz zu ignorieren,
konnten sie sich allerdings auch nicht erlauben - dies mag die Zwitterstellung des Museums in der
Zeit des Dritten Reichs erklären.
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Schrank, Alpbachtal, Tirol
um 1770, Fichtenholz, bemalt
Germanisches Nationalmuseum |
Nach den Angriffen deutscher Bomber auf Spanien 1937 und England 1940 geriet das
Museum in eine Zwickmühle: Maßnahmen zur
Sicherung gegen Bombenangriffe hätten signalisiert,
dass man der nationalsozialistischen Propaganda misstraute, der Verzicht auf diese Maßnahmen hätte jedoch die Preisgabe wertvollsten
Kulturgutes bedeutet. Kohlhausen gelang es allen
Widrigkeiten zum Trotz, den größten Teil des
wertvollen Museumsbestandes in einem Umkreis von rund 100 km um Nürnberg in
Auslagerungsdepots sicherzustellen und vor Schaden zu
bewahren. Gravierende Zerstörungen erlitt
allerdings das Museumsgebäude selbst durch mehr
als 1000 Treffer von Granaten und Bomben. Viele
der nicht ausgelagerten oder nicht auslagerungsfähigen Objekte gingen verloren, darunter
wesentliche Teile der Gipsabguss-Sammlung und das berühmte Heilsbronner Kirchenportal.
Von den Auslagerungsstätten brannte eine aus
(die Cadolzburg), eine andere wurde geplündert
(die Plassenburg), möglicherweise von den mit
der Auslagerung Beschäftigten selbst, evtl. aber
auch bei Kriegsende von ausländischen Truppen - der Verbleib der wertvollen Elfenbeinsammlung des Museums ist daher bis heute ungeklärt. Da
Kohlhausen auch für die Auslagerung der
Kunstschätze der Stadt Nürnberg zuständig war, wurden
die Ausstattungen der bedeutenden Kirchen und der von den nationalsozialistischen
Machthabern nach Nürnberg verschleppte Krakauer Marienaltar des Veit Stoß ebenfalls gesichert.
1945 musste Kohlhausen sein Amt in
Nürnberg aufgeben, wurde jedoch bald darauf Direktor
des Museums auf der Veste Coburg. Anbiederung an den Nationalsozialismus wird man ihm
weitaus weniger vorwerfen können als vielen, die
nach 1945 in ihren Ämtern blieben.
Erneut wurde ein junger Kunsthistoriker zum Direktor des Museums gewählt: Ernst
Troche,
bei Amtsantritt 36 Jahre alt. Nutzbarmachung beschädigter Räume und erste kleine
Ausstellungen gehörten in dieser wohl schwierigsten
Zeit des Museums zu seinen wesentlichen Aufgaben. Als herausragend sollte sich der 1949 neu
gewählte Verwaltungsratsvorsitzende erweisen: Prof. Dr. Theodor Heuss, bald darauf erster
Bundespräsident, der das Ehrenamt in Nürnberg
als Einziges in den folgenden zehn Jahren
beibehielt und sich außerordentlich für das Museum
engagierte. 1952 wurde Ludwig Grote zum Direktor ernannt. Im Jahre 1958 begann die Reihe
von Museumsneubauten, mit denen die schweren Verluste ausgeglichen werden sollten, die
der Krieg, aber auch die Abrisswut in der
Nachkriegszeit verursacht hatten. Abgeschlossen wurde
die umfassende Wiederaufbauphase erst Mitte der 70er Jahre.
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Tee-Extrakt-Kännchen, nach 1924
Entwurf: Marianne Brandt (1893-1983)
Weimar, Bauhaus-Werkstatt
Kupfer, innen verzinnt, Ebenholzgriffe
Germanisches Nationalmuseum
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Von nachhaltiger Bedeutung sollte sich eine inhaltliche Änderung erweisen, die Ludwig
Grote stillschweigend eingeführt hatte: In jungen
Berufsjahren selber mit dem Dessauer Bauhaus in Berührung gekommen, erweiterte er das
Sammlungskonzept um den Bereich der aktuellen Kunst, mit der das Museum nunmehr
Kulturgeschichte von den Anfängen bis in die
Gegenwart dokumentiert. Gerade durch diesen
kulturgeschichtlichen Ansatz des Museums zeichnet
sich die Sammlung aus, werden hier doch Malerei
und Skulptur in direkter Konfrontation mit
Gebrauchsgegenständen und Design gezeigt. Zudem wird die Sammeltätigkeit nicht auf die
"Westkunst" beschränkt, so dass die aktuelle Kunst und
Kultur im Germanischen Nationalmuseum das wiedervereinigte Deutschland umfassender
repräsentiert als dies in irgendeiner der
klassischen Sammlungen zur Moderne geschieht.
Einen wichtigen Impuls sollte Mitte der sechziger Jahre die Gründung des Archivs für
Bildende Kunst geben. Das Archiv vereinigt
inzwischen mehr als 1200 Nachlässe und schriftliche
Aktenbestände zu Künstlern, Kunst- und Kulturwissenschaftlern sowie wissenschaftlichen
Vereinigungen im deutschsprachigen Raum und kann als Gegenstück zur entsprechenden
literarischen Sammlung des Deutschen Literaturarchivs
in Marbach angesehen werden.
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Dani Karavan, Straße der Menschenrechte
(Kartäusergasse), 1993
Blick auf die Eingangshalle des
Germanischen Nationalmuseums |
Galten die 60er und 70er Jahre des Museums unter den Generaldirektoren Erich
Steingräber und Arno Schönberger der Vollendung des
Wiederaufbaus und der Konsolidierung der Sammlung im eben beschriebenen Sinne, so kam
es unter Gerhard Bott in den 80er Jahren zu einer bedeutenden baulichen Ergänzung. Mit
einem neuen glasüberkuppelten Eingangsbau an
der Westseite erhielt das Museum einen der
größten Erweiterungsbauten der Nachkriegszeit in
der Bundesrepublik, gestaltet von der Architektengruppe ME DI UM (Störmer + Weiß). Dieser
Bau bezieht die angrenzende Kartäusergasse in
das Museumskonzept mit ein durch das wichtigste moderne Kunstwerk des Germanischen
Nationalmuseums: "Die Straße der Menschenrechte"
von Dani Karavan (1993). In demselben Jahr unter dem Verwaltungsratsvorsitzenden
Bundespräsident a. D. Walter Scheel und
Generaldirektor Gerhard Bott eingeweiht, konnte der Neubau
jedoch erst 1996 vollendet werden.
Wenn die Depotflächen der Sammlungen heute bereits wieder ausgeschöpft sind, liegt dies
nicht zuletzt an einer der herausragenden
Neuerwerbungen der 80er Jahre: Die 1867
gegründete Sammlung der Bayerischen
Landesgewerbeanstalt - eine der traditionsreichsten
kunstgewerblichen Sammlungen des 19. Jahrhunderts und bis in die jüngste Gegenwart fortgeführt
- gelangte als Dauerleihgabe in das Germanische Nationalmuseum. Damit konnte die
Sammlung um einen wichtigen Bestand ostasiatischer
Werke erweitert werden.
Die Jahre ab 1970 waren eine Phase viel beachteter Großausstellungen, für die zwanzig
Jahre lang Finanzmittel schier unbegrenzt zur
Verfügung standen. Von höchster Bedeutung
waren die Dürer-Ausstellung 1971 und die
Luther-Ausstellung 1983, die Ausstellung der
Sammlung Thyssen-Bornemisza 1986 und Juden in
Bayern 1988, die umfassende Präsentation der
Sammlung Peter und Irene Ludwig (LudwigsLust)
1993. Ausstellungen dieser Größenordnung
werden künftig zunehmend seltener werden, da die
Gefährdung der Objekte groß ist, zudem die
Mittel auf absehbare Zeit geringer werden.
Im Jubiläumsjahr 2002 - 150 Jahre Germanisches Nationalmuseum - und darüber
hinaus besteht die Hauptaufgabe der nächsten Jahre
in der Erneuerung der Dauerausstellung. Daneben soll auch die Vermittlung aktueller
Forschungsergebnisse eine herausragende Rolle spielen - innerhalb des deutschen Museumswesens betreibt das Germanische Nationalmuseum in besonderem Maße Grundlagenforschung.
Mehr als zwanzig Jahre nach Abschluss der Wiederaufbauphase sind sowohl eine
bauliche Sanierung als auch eine konzeptionelle
Umstrukturierung erforderlich: Beide können
angesichts der Größe des Museums und des Bemühens,
die wesentlichen Abteilungen geöffnet zu halten,
nur schrittweise erfolgen. Grundlegend ist dabei
die Erschließung von Sammlungsbereichen, die
gegenwärtig vollständig im Depot ruhen
müssen. Namentlich die Sammlungen zum 19.
Jahrhundert und zur mittelalterlichen Kunst sowie zu
den Textilien, besonders der bäuerlichen
Kleidung, sollen in den nächsten Jahren eine neue
Aufstellung finden.
Im wiedervereinigten Deutschland kann das Germanische Nationalmuseum zu Beginn
des dritten Jahrtausends seine Rolle als das deutsche Nationalmuseum verwirklichen:
Präsentation und Erforschung der Kultur im
deutschsprachigen Raum von der Vorgeschichte bis zur
Gegenwart mit der größten Sammlung dieser Art
in Deutschland. Vergleichbar den Landesmuseen auf Bundesländerebene, vertritt das
Nationalmuseum den gesamtstaatlichen Rahmen und, aufgrund der deutschen Geschichte,
teilweise auch über die Grenzen der heutigen
Bundesrepublik hinaus. Wie zu Hans von Aufseß'
Zeiten steht es nicht für einen Staat und gegen
andere, sondern für einen mitteleuropäischen
Kulturraum im gesamteuropäischen Kontext. |
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Prof. Dr. G. Ulrich Großmann
ist Generaldirektor
des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg |
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