"Gedrucktes aus dem Lande Luthers" - Einzug der historischen Bibliothek der Deutschen ins Goethehaus am Corso

Casa di Goethe - Erweiterung; Foto: AKA studio architettiGoethes Bücherfundus in der Via del Corso 18 bekommt historischen Zuwachs: durch die räumliche Erweiterung der Casa di Goethe ist nach fast 200 Jahren ein definitiver und idealer Standort für ein Zeitdokument ersten Ranges gefunden: den bedeutenden Altbestand der 1821 gegründeten deutschen (Künstler)bibliotheken zu Rom.

Lang und wechselvoll ist die Geschichte der Bestände, ihrer Namen und Standorte. Die Stempel in den Büchern, die jetzt im 2. Stockwerk über den Museumsräumen aufbewahrt werden, erzählen von über hundert Jahren unterschiedlicher Provenienzen.

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts gibt es in Rom einen kleinen deutschen Leseverein. Päpstliche Zensur gegen „Gedrucktes aus dem Lande Luthers" (so Friedrich Noack 1927) und hohe Zollabgaben erschweren den Deutschrömern um 1800 die Beschaffung von muttersprachlicher Lektüre. Große Zustimmung erfährt deshalb die 1821 vom preußischen Gesandten Carl Bunsen mit weiteren Mitstreitern ins Leben gerufene „Bibliothek der Deutschen" mit anfangs nur 344 Büchern. Eine Zeit lang ist sie in der damaligen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli untergebracht, später auch in den Privatwohnungen der Mitbegründer. Einmal pro Woche, am Sonntagabend können alle Deutschen (die meisten sind Künstler) ihr Literaturbedürfnis stillen - gegen einen Mitgliedsbeitrag von drei Paoli und die Zahlung einer Leihgebühr von zwei Scudi. Es lohnt sich - Romane, Reise- , Kunst- und Architekturbeschreibungen oder Nachschlagewerke, fremdsprachliche Lektüre: viele Privatschenkungen haben die Bücherei inzwischen bereichert.

1832 kommt es zu einem Konflikt, der auch zu einer vorübergehenden Schließung führt. Die zahlenmäßig am stärksten vertretenen Künstler wollen ab sofort Nicht-Künstler von der Benutzung ausschließen. Nur mit der Unterstützung von König Ludwig I. von Bayern, der sogar seine Spenden für die „Bibliothek der Deutschen" zurücknimmt, gelingt ihnen die Gründung einer Bibliothek der Deutschen Künstler, die in der römischen Ludwig-Residenz Villa Malta untergebracht wird und ihre Unabhängigkeit betont. Die traditionelle „Bibliothek der Deutschen" gibt sich eine neue Satzung und steht weiterhin unter dem Schutz der deutschen Regierungen, den die Künstlerbibliothek nur begrenzt genießt.

Mitte des 19. Jahrhunderts bemüht sich der neugegründete Künstlerverein erfolglos um die Bibliotheken und gründet deshalb eine dritte Sammlung, die Bibliothek des Deutschen Künstlervereins, die auf dem Nachlass des Prinzen Heinrich von Preußen und weiteren Schenkungen aufbaut. Mit seinen Gesellschaftsabenden, Ausstellungen und Veranstaltungen wird der Kulturverein zu einem wichtigen Treffpunkt der Deutschrömer und Romreisenden, darunter z.B. auch Goethes Lieblingsenkel Wolfgang Maximilian, der 1852 als preußischer Legationssekretär in die Ewige Stadt gekommen war. Nach Verkauf der Villa Malta sind die beiden ersten „gegnerischen" Bestände ab 1873 nach wieder zusammen unter einem Dach im Palazzo Caffarelli, in den achtziger Jahren geraten sie in Vergessenheit.

Erst 1900 werden dem Deutschen Künstlerverein die Bände offiziell überschrieben, nun sind rund 6000 Bücher in einer Bibliothek vereint. Nach Auflösung des Künstlervereins von 1926 übernimmt die Nachfolgeorganisation „Deutsche Vereinigung Rom" die Sammlung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Bücher und das Aktenmaterial nach und nach auf verschiedene deutsche Institute in Rom verteilt. Darunter sind die Deutsche Akademie Villa Massimo und die im August 1955 vom Auswärtigen Amt gegründete „Deutsche Bibliothek" (Biblioteca Germanica), die einen Teilbestand als Grundstein für ihre Bücherei übernimmt. Leiter dieses ersten Zentrums für deutsche Kulturvermittlung im Ausland, das später durch das Goethe-Institut ersetzt wird, ist der deutsche Schriftsteller Reinhard Raffelt. Viele heutige Deutschrömer erinnern sich noch heute an ehemaligen Sitz der Bibliothek in der Via del Corso 267.

Einweihung der neuen Räume der Casa di Goethe Rom am 20. September 2012 Foto: Alberto Novelli, Rom

Der Nachlass des Künstlervereins wird 1974 dem Max-Planck-Institut/Bibliotheca Hertziana zur Verwahrung gegeben. Ende der Siebziger Jahre tauchen Bücher mit den Stempeln aus den historischen Beständen auf deutsch-römischen Weihnachtsmärkten auf. Durch eine Initiative des Deutschen Archäologischen Instituts, wo sich ebenfalls ein Teilbestand befindet, wird die vollständige Auflösung verhindert und ein Großteil der Bestände im Institut als Dauerleihgabe zusammengeführt und vorläufig gesichert.

Jahrzehntelang schlummert die für die archäologische Forschung uninteressante und besitzerlose Bibliothek in den Archivlagern des Instituts. Nun hat dieser Spiegel der Leseinteressen der Deutschrömer des 19. Jahrhunderts nach Einigung aller beteiligten Institutionen ein definitives Zuhause bekommen. Mit ihrem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm knüpft die Casa di Goethe an die Tradition des Deutschen Künstlervereins in idealer Weise an. In ihren Räumen wird nicht nur die Erinnerung an Goethe, sondern auch mehrere deutsch-römische Künstlergenerationen wachgehalten.

Nach ihrer wissenschaftlichen Erschließung und Bearbeitung soll die kulturhistorisch wertvolle Sammlung für die Forschung zugänglich gemacht und gleichzeitig der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Auch der Nachlass des deutschen Künstlervereins befindet sich jetzt in der Casa di Goethe.

Ein schönes Geschenk für den Goethe, der sich in Bibliotheken fühlte wie in „der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet". Und auch für die heutigen Deutschrömer - die Bibliothek der „Vorfahren" ist nun wieder vereint. Und wenn sie zuhause vielleicht noch Bücher mit entsprechenden Stempeln entdecken: die Ausleihfrist ist auch nach 200 Jahren noch nicht abgelaufen.

Dorothee Hock

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