Lutz Seiler
Im
Oktober des Jahres 1997 wurde das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst als Gedenkstätte und
Literaturhaus eröffnet. Fast 20 Jahre lebte dort der Dichter Peter Huchel (1903-1981),
den Joseph Brodsky neben Gottfried Benn den bedeutendsten deutschen Dichter der
Nachkriegszeit nannte. Zur Eröffnung lasen die Freunde Huchels Ludvik Kundera und Reiner
Kunze. Als einen Ort des stummen Widerstands" würdigten Frau Dr.
Seebacher-Brandt und Minister Steffen Reiche das Haus am Hubertusweg, mit dessen
Einweihung der Lyriker Huchel sechzehn Jahre nach seinem Tod in seine märkische Heimat
zurückkehren konnte.
Huchels Ruhm gründet auch auf seiner Arbeit als
Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form", die Walter Jens einmal das
geheime Journal der Nation" nannte. 1962 wurde Huchel das Heft von
SED-Funktionären aus der Hand genommen. Es folgten neun Jahre der Isolation und
Überwachung. Bis zu seiner Ausreise 1971 war das Haus im Hubertusweg Treffpunkt von
Schriftstellern, die in Opposition zum SED-Regime standen. Wolf Biermann, Ludvik Kundera,
Günter Kunert, Reiner Kunze und andere kamen zu Huchel, auch Heinrich Böll und Max
Frisch zählten zu den Besuchern.
Nach Peter Huchel lebte der Dichter Erich Arendt
(1903-1984) im Haus am Hubertusweg. Arendt, der am Spanienkrieg teilgenommen hatte, war
bis 1950 im kolumbianischen Exil. Als Nachdichter hat Arendt die moderne spanische und
lateinamerikanische Lyrik im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Seine
expressionistische Sprache im Gedicht sperrte sich gegen politische Vereinnahmung und war
ermutigendes Vorbild für die jüngere Dichtergeneration im Osten.
In den unteren Räumen des Hauses ist die Gedenkstätte
untergebracht, eingerichtet mit einer Ausstellung zu Leben und Werk Peter Huchels. Die
Ausstellung entstand 1995 auf Initiative des Brandenburgischen Literaturbüros und wurde
vordem als Wanderausstellung u.a. in Dresden, Potsdam und Staufen gezeigt. Die
Gedenkstätte ist für Besucher an jedem Wochenende geöffnet. Im Dachgeschoss des Hauses
befindet sich der Redaktionssitz der Literaturzeitschrift moosbrand. neue
texte" und das Ludvik-Kundera-Institut", das die tschechische Literatur in
deutscher Sprache fördern will. Die Organisatoren dieses Instituts sind beteiligt an der
Herausgabe einer auf 33 Bände bemessenen Bibliothek der tschechischen Literatur in
deutscher Sprache, die seit einem Jahr in der Deutschen Verlagsanstalt erscheint.
Außerdem hat das Institut mit Unterstützung der Bosch-Stiftung einen Übersetzerpreis
für junge tschechische Übersetzer deutscher Literatur ausgeschrieben, der in diesem Jahr
erstmals vergeben wird.
In verschiedenen Veranstaltungen und Projekten im Haus
wird an den Dichter Peter Huchel und seine Zeit erinnert. Gleichzeitig bemüht sich das
Haus in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen um ein literarisches
Veranstaltungsprogramm, das vielfältige Akzente setzt. In der Reihe Hubertusweg.
Lesungen und Gespräche mit Freunden Peter Huchels" hat es seit der Eröffnung des
Hauses 14 Veransaltungen gegeben, die großen Zuspruch beim Publikum fanden. In Lesung und
Gespräch kam eine Reihe von Autoren zu Wort, die die deutsche Literatur der
Nachkriegszeit entscheidend mitprägten, wie Jürgen Becker, Reiner Kunze, Christoph
Meckel und Friedrich Christian Delius. Zum 95. Geburtstag Erich Arendts las Adolf Endler
Erinnerungen an den expressionistischen Autor. Zu Lesung und Gespräch lädt auch eine
Reihe von Veranstaltungen mit den Peter-Huchel-Preisträgern ein. Den renommierten Preis
vergeben seit 1984 der Südwestfunk und das Land Baden-Württemberg.
Gelesen haben bereits Durs Grünbein, Guntram Vesper, Elke Erb, Wulf Kirsten, Michael
Krüger, Brigitte Oleschinski, Sarah Kirsch und Günter Herburger. Geplant sind weitere
Lesungen u.a. mit Raoul Schrott (16.11.) und Thomas Kling (1.12.). Aus Aufzeichnungen
dieser Abende sind Rundfunksendungen entstanden, die im Juni/Juli 1999 in der
Literaturzeit" auf *radio kultur (SFB/ORB) ausgestrahlt wurden, so am 27. Juni
mit Sarah Kirsch. In einer dritten, kleineren Reihe mit Podiumsdiskussionen werden im
Peter-Huchel-Haus Literaturzeitschriften vorgestellt, in diesem Jahr die Zeitschrift
Sprache im technischen Zeitalter", weiterhin Der Monat" und
schließlich zum 50-jährigen Jubiläum die Zeitschrift Sinn und Form". Diese
Reihe wird unterstützt von der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften.
Neben
den größeren Reihen bietet das Haus auch Raum für verschiedene Einzelveranstaltungen:
Auf einem Kolloquium zur geplanten Ausgabe der Briefe Peter Huchels werden
Literaturwissenschaftler diskutieren. Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland"
hieß eine Präsentation von Malerei, Grafik, Skulpturen und Künstlerbüchern zum Werk
Peter Huchels, in der die Vielfalt der bildnerischen Bezüge zu Gedichten Huchels
überraschte. Schließlich steht das Haus offen für Treffen jüngerer Autoren, die seit
ihrer Gründung der Literaturzeitschrift moosbrand" nahe stehen.
Die Renovierung des Peter-Huchel-Hauses war durch die
Unterstützung der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank und des Landes Brandenburg
ermöglicht worden. Die Einrichtung des Hauses unterstützten das BMI und die Firma
Siemens. Träger des Hauses ist der gemeinnützige Verein Peter-Huchel-Gedenkstätte
e.V.", Vereinsvorsitzender ist der Berliner Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Hans
Dieter Zimmermann.