Gerhard Leistner
Das Museum Ostdeutsche Galerie zeigt in Zusammenarbeit mit der Stiftung
Stadtmuseum Berlin und dem Jüdischen Museum in Berlin
eine Retrospektive zu Jakob Steinhardt, einem der herausragenden Vertreter des graphischen
Expressionismus.
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Jakob Steinhardt, Selbstporträt
1922, schwarze Kreide
Stiftung Stadtmuseum Berlin
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In Berlin bei Lovis Corinth (Malerei) und Hermann Struck (druckgraphische Techniken)
sowie in Paris in der Académie Julian und bei
Henri Matisse ausgebildet, ist Steinhardts
Gesamtwerk stark geprägt vom Leben und Glauben des
mittelosteuropäischen Judentums. Das jüdische
Leben der armen, tiefreligiösen Menschen in
Litauen, wo er sich als Soldat zwischen 1914 und
1916 aufhielt, machte einen nachhaltigen Eindruck
auf den jungen Künstler. So schöpfte er
zeitlebens seine Themen vornehmlich aus dem Alten Testament oder aus dem religiösen Alltag der
Juden. Steinhardts Werke haben jedoch auch einen stark zeitgeschichtlichen Bezug: So
beschwören am Vorabend des Ersten Weltkrieges Bilder
wie "Übergang über das Rote
Meer", "Kain" und "Lots Flucht",
Propheten vor Stadtlandschaften in spitzwinklig kubofuturistischer
Form bereits Untergangsvisionen (Apokalypsen).
Mit dem eng befreundeten Ludwig Meidner und Richard Janthur gründete der Künstler
1912 die expressionistische Gruppe "Die
Pathetiker", die mit einer Ausstellung in Herwarth
Waldens avantgardistischer Galerie "Der Sturm" für
Aufsehen sorgt: "Wir waren mit der
bestehenden Kunstauffassung nicht einverstanden. [...]
Kurz, wir beschlossen, gegen diese Kunstauffassung aufzutreten. Wir überzeugten einen dritten
Maler und gründeten in einer kleinen Kutscherkneipe in einem Vorort Berlins im Jahre
1911 mit begeisterten Reden die Künstlergruppe
`Die Pathetiker'. Was wollten die Pathetiker? Sie wollten den Bildern Inhalte geben. Sie
wollten große erregende Inhalte. Sie wollten wieder
eine Kunst schaffen, die Volk und Menschheit packt und nicht nur die ästhetischen Bedürfnisse
einer kleinen Schicht befriedigt. Wir malten nun
drauf los. Die Themen waren: Die Großstadt,
Sintflut, der Prophet, Weltuntergang, Apokalypse,
der Krieg, die Seuche, Jeremias u.s.w." Es ging
um
existentielle Fragen im allgemeinen Sinne: den Verlust von Identität, der Heimat, des Bundes
mit Gott. Während der Hochphase des "Pathetiker-Stils" bediente sich Steinhardt unter dem
Eindruck des Kubismus und des Futurismus, aber auch El Grecos einer formalen Zersplitterung
des Bildgegenstandes mittels scharfkantiger Lineatur. 1913 entstand sein Hauptwerk
"Der Prophet".
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Jakob Steinhardt, Tanzender Chassid
(Illustration zu Samuel Josef Agnon: Three Tales)
1936, Feder in Schwarz, Bleistift
Stiftung Stadtmuseum Berlin
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Nach dem ekstatischen Pathos des Expressionismus versachlichte sich in den 20er-Jahren
sein Stil. Porträts von Berliner Freunden des
kulturellen Lebens, Stadtreportagen mit
Caféhausszenen und eine Reihe herausragender
Buchillustrationen (u.a. "Legenden" "Musikalische Novellen") bestimmen diese Zeit. Er dürfte
das Phänomen Caféhaus als flüchtige, vielleicht
sogar etwas dekadente Ausschweifung empfunden haben. Seine Darstellungen wahren eine
gewisse Distanz, sie fangen Gruppen, Typen und
Individuen offensichtlich von diesen unbemerkt ein und bewegen sich dabei im Grenzbereich
zwischen nüchterner Wahrnehmung und
veristischer Entlarvung mit einem Hang zur Karikatur.
In Abständen hat Steinhardt immer wieder Porträtzeichnungen ihm Nahestehender
angefertigt. Handelte es sich anfangs um
Verwandte, Nachbarn und Studienkollegen, so waren es
1913 und dann noch einmal verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg bis Mitte der zwanziger Jahre Freunde und Weggefährten; danach
rückten durch Heirat und Geburt der Tochter Josefa
wieder Familienbildnisse in den Vordergrund seines Interesses. Mit dem Selbstporträt von 1922
kündigt sich ein Stilwandel an. Unter Einsatz
einer energischen Strichführung auf Licht- und
Schattenspiel angelegt, ist das Blatt eher der
Erfassung des Augenscheins als einer
interpretierenden Physiognomik verpflichtet. Es handelt
sich um vergleichsweise flüchtige Impressionen.
Im Spätwerk finden sich weniger Porträts.
Landschaften als reine Impressionen, wie sie anlässlich Jakobs und Minnis Hochzeitsreise
im Frühjahr 1922 in Wendefurt (Harz)
entstanden, bilden die Ausnahme in Steinhardts Werk.
Zuweilen verbirgt sich hinter dem Landschaftlichen ein höherer Sinn. Das gleißende Licht
Palästinas, wie Steinhardt es auf seiner ersten
Palästinareise (1925) erlebte, veranlasste ihn zu
bildnerischen Experimenten. Nach der Rückkehr
nach Berlin malte Steinhardt erneut vereinzelt
Landschaften, vor allem auch während
ausgedehnter Reisen mit seiner Familie nach Dalmatien,
Frankreich, Dänemark und in die Schweiz. In
den fünfziger Jahren führte ihn die karge,
sonnenverbrannte Natur Israels zum Komponieren endzeitlicher Landschaften, deren amorphe
Formen auch in Zusammenhang mit der Beobachtung
von Naturphänomen wie Kumuluswolken stehen.
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Jakob Steinhardt, Abtransport
1946, Holzschnitt
Jüdisches Museum, Berlin
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1933 entschloss sich Steinhardt nach einem Verhör durch die SA zur Flucht über
Dalmatien nach Palästina und ließ sich mit seiner
Familie in Jerusalem nieder. Der Stadt war er schon
1925 begegnet, sie hatte ihn fasziniert, die mit
dem Ortswechsel verbundene künstlerische
Herausforderung hatte er bereits damals gespürt.
Das Heilige Land war für Steinhardt von Beginn
an eine Inspirationsquelle seiner Kunst gewesen, dennoch bedeutete es einen Unterschied,
dort nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zuhause zu sein. 1949 wurde er Leiter der Graphik-Klasse in der New Bezalel School
(Jerusalem), deren Direktorenschaft er schließlich
zwischen 1953 und 1957 innehatte. Steinhardt
spürte den historischen Stätten des Judentums
nach, gleichzeitig erkundete er auch die profanen
Seiten der neuen Umgebung. Er durchstreifte die pittoreske Jerusalemer Altstadt mit ihrer
orientalischen Atmosphäre, aber auch die
modernen Vororte und fing dabei Altertümer,
verwinkelte Gassen sowie neuerbaute Siedlungen ein.
Daneben beschäftigten ihn laufend Illustrationen
wie zu Samuel Josef Agnons "Three Tales",
wobei er von ihm beobachtete Motive nutzen konnte.
Obwohl es Steinhardt nach 1933 schrittweise gelang, in seiner neuen Heimat Fuß zu
fassen, beunruhigten ihn dennoch die mit dem
nationalsozialistischen Deutschland und dem
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verbundenen
Ereignisse. Politisch nahm er regen Anteil,
reagierte künstlerisch jedoch nur ausnahmsweise
konkret.
Kritzeleien, in denen durch den Äther
aufgeschnappte Namen von Schlachtorten und Personen sich mit surrealen Gebilden und
topographischen Skizzen von Stätten und Landschaften
des Heiligen Landes verbinden, können als
introvertierte, gleichwohl besonders authentische
Äußerungen verstanden werden. Das Spektrum
seiner Reaktion nach 1945 reicht von der "realistischen" Schilderung eines "Abtransports"
- einem Illustrationsentwurf zu den Gedichten von Sch. Schalom - über eine dicht gedrängte
Figurenkonstellation mit dem allgemein gehaltenen Titel "Vertriebene" bis zu einem Monster in
Gestalt eines Zyklopen.
Monster, Dämonen und Alpträume
spielten schon in Steinhardts Frühwerk eine Rolle.
Beispielsweise erscheinen in einer Radierung von 1913, "Höllensturz", furchteinflößende
Wesen. 1931 tauchte erstmals ein Phantasiegebilde
in Form eines bizarren Konglomerats von Fratzen und Tierleibern auf, der surrealistischen
Écriture automatique verwandt, also dem Unterbewusstsein entsprossen und daher auf die relativ
spontan zu handhabende Technik der Zeichnung angewiesen. In den fünfziger Jahren, als
Steinhardt das Wissen um den Holocaust verarbeitete,
kam er darauf zurück.
Im Spätwerk dominieren wieder Werke, die sich als Kommentare zu allgemeinen
Menschheitsfragen sowie aktuellen politischen Vorkommnissen verstehen, wobei hier mehr Wert
auf summarische Form als auf zeichnerischen Duktus gelegt wird. Oftmals handelt es sich um
Kompositionsentwürfe, wovon viele farbig
angelegt sind. In thematischer Hinsicht knüpfen sie an
das an, was Steinhardt seit seiner ersten Reise
nach Palästina umtrieb und was mit Gründung
des Staates Israel und dem jüdisch-arabischen
Konflikt an Relevanz noch gewann: das Schicksal des jüdischen Volkes.
Steinhardts letzte Werke entstanden 1967 nach dem Sechstagekrieg. Hinsichtlich des
arabisch-israelischen Konflikts nahm er eine
unparteiische Haltung ein. Obwohl er die
Wiedervereinigung Jerusalems begrüßte, wurde er nicht von der
allgemeinen Siegeseuphorie erfasst. In den "Klageliedern" knüpfte er an die Szenen der
Zerstörung, die er in der "Pathetiker-Periode"
verwendet hatte, an. Es handelt sich um eine Folge
von zehn Holzschnitten, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Die "Klagelieder auf
den Krieg (Elegies of War)" stellen eine
Quintessenz von Steinhardts künstlerischem Schaffen dar
und zugleich einen Beleg seines zutiefst humanistischen Weltbilds.
Am 11. Februar 1968 starb Jakob Steinhardt in Nahariyya (Israel).
Hintergrund der Ausstellung in Regensburg ist eine Schenkung von 478 Zeichnungen aus
dem Nachlass des Künstlers an die Stiftung
Stadtmuseum Berlin. Die Tochter des Künstlers,
Frau Josefa Bar-On Steinhardt (Israel),
übereignete diesem Museum 1999 den wohl größten
zusammenhängenden Bestand an Zeichnungen. Er
war bislang nur Kennern zugänglich und blieb bis
auf wenige Ausnahmen unpubliziert. Aus diesem Konvolut wird nun in Regensburg eine
Auswahl herausragender Zeichnungen gezeigt,
ergänzt durch bedeutende Gemälde und zahlreiche
Blätter aus der Druckgraphik Steinhardts, die
weitgehend aus den Beständen des Stadtmuseums Berlin und des Jüdischen Museums in
Berlin stammen. Neben den Dokumenten zu Leben und Werk des Künstlers sind rund 20 Gemälde,
75 Zeichnungen, 80 Blätter der Druckgraphik
und illustrierte Bücher aus der Zeit von 1902 bis
1967 zu sehen, wobei der Schwerpunkt der Ausstellung auf den Arbeiten vor 1930 liegt.