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Kulturberichte 2/00: Jakob Steinhardt (1887-1968) Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik und illustrierte Bücher - Eine Ausstellung im Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg

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Gerhard Leistner

Das Museum Ostdeutsche Galerie zeigt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin und dem Jüdischen Museum in Berlin eine Retrospektive zu Jakob Steinhardt, einem der herausragenden Vertreter des graphischen Expressionismus. 

Jakob Steinhardt, Selbstporträt - Foto: Fotowerkstatt Hans-Joachim Bartsch

Jakob Steinhardt, Selbstporträt
1922, schwarze Kreide
Stiftung Stadtmuseum Berlin

In Berlin bei Lovis Corinth (Malerei) und Hermann Struck (druckgraphische Techniken) sowie in Paris in der Académie Julian und bei Henri Matisse ausgebildet, ist Steinhardts Gesamtwerk stark geprägt vom Leben und Glauben des mittelosteuropäischen Judentums. Das jüdische Leben der armen, tiefreligiösen Menschen in Litauen, wo er sich als Soldat zwischen 1914 und 1916 aufhielt, machte einen nachhaltigen Eindruck auf den jungen Künstler. So schöpfte er zeitlebens seine Themen vornehmlich aus dem Alten Testament oder aus dem religiösen Alltag der Juden. Steinhardts Werke haben jedoch auch einen stark zeitgeschichtlichen Bezug: So beschwören am Vorabend des Ersten Weltkrieges Bilder wie "Übergang über das Rote Meer", "Kain" und "Lots Flucht", Propheten vor Stadtlandschaften in spitzwinklig kubofuturistischer Form bereits Untergangsvisionen (Apokalypsen).

Mit dem eng befreundeten Ludwig Meidner und Richard Janthur gründete der Künstler 1912 die expressionistische Gruppe "Die Pathetiker", die mit einer Ausstellung in Herwarth Waldens avantgardistischer Galerie "Der Sturm" für Aufsehen sorgt: "Wir waren mit der bestehenden Kunstauffassung nicht einverstanden. [...] Kurz, wir beschlossen, gegen diese Kunstauffassung aufzutreten. Wir überzeugten einen dritten Maler und gründeten in einer kleinen Kutscherkneipe in einem Vorort Berlins im Jahre 1911 mit begeisterten Reden die Künstlergruppe `Die Pathetiker'. Was wollten die Pathetiker? Sie wollten den Bildern Inhalte geben. Sie wollten große erregende Inhalte. Sie wollten wieder eine Kunst schaffen, die Volk und Menschheit packt und nicht nur die ästhetischen Bedürfnisse einer kleinen Schicht befriedigt. Wir malten nun drauf los. Die Themen waren: Die Großstadt, Sintflut, der Prophet, Weltuntergang, Apokalypse, der Krieg, die Seuche, Jeremias u.s.w." Es ging um existentielle Fragen im allgemeinen Sinne: den Verlust von Identität, der Heimat, des Bundes mit Gott. Während der Hochphase des "Pathetiker-Stils" bediente sich Steinhardt unter dem Eindruck des Kubismus und des Futurismus, aber auch El Grecos einer formalen Zersplitterung des Bildgegenstandes mittels scharfkantiger Lineatur. 1913 entstand sein Hauptwerk "Der Prophet".

Jakob Steinhardt, Tanzender Chassid - Foto: Fotowerkstatt Hans-Joachim Bartsch

Jakob Steinhardt, Tanzender Chassid
(Illustration zu Samuel Josef Agnon: Three Tales)
1936, Feder in Schwarz, Bleistift
Stiftung Stadtmuseum Berlin

Nach dem ekstatischen Pathos des Expressionismus versachlichte sich in den 20er-Jahren sein Stil. Porträts von Berliner Freunden des kulturellen Lebens, Stadtreportagen mit Caféhausszenen und eine Reihe herausragender Buchillustrationen (u.a. "Legenden" "Musikalische Novellen") bestimmen diese Zeit. Er dürfte das Phänomen Caféhaus als flüchtige, vielleicht sogar etwas dekadente Ausschweifung empfunden haben. Seine Darstellungen wahren eine gewisse Distanz, sie fangen Gruppen, Typen und Individuen offensichtlich von diesen unbemerkt ein und bewegen sich dabei im Grenzbereich zwischen nüchterner Wahrnehmung und veristischer Entlarvung mit einem Hang zur Karikatur.

In Abständen hat Steinhardt immer wieder Porträtzeichnungen ihm Nahestehender angefertigt. Handelte es sich anfangs um Verwandte, Nachbarn und Studienkollegen, so waren es 1913 und dann noch einmal verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg bis Mitte der zwanziger Jahre Freunde und Weggefährten; danach rückten durch Heirat und Geburt der Tochter Josefa wieder Familienbildnisse in den Vordergrund seines Interesses. Mit dem Selbstporträt von 1922 kündigt sich ein Stilwandel an. Unter Einsatz einer energischen Strichführung auf Licht- und Schattenspiel angelegt, ist das Blatt eher der Erfassung des Augenscheins als einer interpretierenden Physiognomik verpflichtet. Es handelt sich um vergleichsweise flüchtige Impressionen. Im Spätwerk finden sich weniger Porträts.

Landschaften als reine Impressionen, wie sie anlässlich Jakobs und Minnis Hochzeitsreise im Frühjahr 1922 in Wendefurt (Harz) entstanden, bilden die Ausnahme in Steinhardts Werk. Zuweilen verbirgt sich hinter dem Landschaftlichen ein höherer Sinn. Das gleißende Licht Palästinas, wie Steinhardt es auf seiner ersten Palästinareise (1925) erlebte, veranlasste ihn zu bildnerischen Experimenten. Nach der Rückkehr nach Berlin malte Steinhardt erneut vereinzelt Landschaften, vor allem auch während ausgedehnter Reisen mit seiner Familie nach Dalmatien, Frankreich, Dänemark und in die Schweiz. In den fünfziger Jahren führte ihn die karge, sonnenverbrannte Natur Israels zum Komponieren endzeitlicher Landschaften, deren amorphe Formen auch in Zusammenhang mit der Beobachtung von Naturphänomen wie Kumuluswolken stehen. 

Jakob Steinhardt, Abtransport - Foto: Fotowerkstatt Hans-Joachim Bartsch
Jakob Steinhardt, Abtransport
1946, Holzschnitt
Jüdisches Museum, Berlin

1933 entschloss sich Steinhardt nach einem Verhör durch die SA zur Flucht über Dalmatien nach Palästina und ließ sich mit seiner Familie in Jerusalem nieder. Der Stadt war er schon 1925 begegnet, sie hatte ihn fasziniert, die mit dem Ortswechsel verbundene künstlerische Herausforderung hatte er bereits damals gespürt. Das Heilige Land war für Steinhardt von Beginn an eine Inspirationsquelle seiner Kunst gewesen, dennoch bedeutete es einen Unterschied, dort nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zuhause zu sein. 1949 wurde er Leiter der Graphik-Klasse in der New Bezalel School (Jerusalem), deren Direktorenschaft er schließlich zwischen 1953 und 1957 innehatte. Steinhardt spürte den historischen Stätten des Judentums nach, gleichzeitig erkundete er auch die profanen Seiten der neuen Umgebung. Er durchstreifte die pittoreske Jerusalemer Altstadt mit ihrer orientalischen Atmosphäre, aber auch die modernen Vororte und fing dabei Altertümer, verwinkelte Gassen sowie neuerbaute Siedlungen ein. Daneben beschäftigten ihn laufend Illustrationen wie zu Samuel Josef Agnons "Three Tales", wobei er von ihm beobachtete Motive nutzen konnte.

Obwohl es Steinhardt nach 1933 schrittweise gelang, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, beunruhigten ihn dennoch die mit dem nationalsozialistischen Deutschland und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verbundenen Ereignisse. Politisch nahm er regen Anteil, reagierte künstlerisch jedoch nur ausnahmsweise konkret.

Kritzeleien, in denen durch den Äther aufgeschnappte Namen von Schlachtorten und Personen sich mit surrealen Gebilden und topographischen Skizzen von Stätten und Landschaften des Heiligen Landes verbinden, können als introvertierte, gleichwohl besonders authentische Äußerungen verstanden werden. Das Spektrum seiner Reaktion nach 1945 reicht von der "realistischen" Schilderung eines "Abtransports" - einem Illustrationsentwurf zu den Gedichten von Sch. Schalom - über eine dicht gedrängte Figurenkonstellation mit dem allgemein gehaltenen Titel "Vertriebene" bis zu einem Monster in Gestalt eines Zyklopen.

Monster, Dämonen und Alpträume spielten schon in Steinhardts Frühwerk eine Rolle. Beispielsweise erscheinen in einer Radierung von 1913, "Höllensturz", furchteinflößende Wesen. 1931 tauchte erstmals ein Phantasiegebilde in Form eines bizarren Konglomerats von Fratzen und Tierleibern auf, der surrealistischen Écriture automatique verwandt, also dem Unterbewusstsein entsprossen und daher auf die relativ spontan zu handhabende Technik der Zeichnung angewiesen. In den fünfziger Jahren, als Steinhardt das Wissen um den Holocaust verarbeitete, kam er darauf zurück.

Im Spätwerk dominieren wieder Werke, die sich als Kommentare zu allgemeinen Menschheitsfragen sowie aktuellen politischen Vorkommnissen verstehen, wobei hier mehr Wert auf summarische Form als auf zeichnerischen Duktus gelegt wird. Oftmals handelt es sich um Kompositionsentwürfe, wovon viele farbig angelegt sind. In thematischer Hinsicht knüpfen sie an das an, was Steinhardt seit seiner ersten Reise nach Palästina umtrieb und was mit Gründung des Staates Israel und dem jüdisch-arabischen Konflikt an Relevanz noch gewann: das Schicksal des jüdischen Volkes.

Steinhardts letzte Werke entstanden 1967 nach dem Sechstagekrieg. Hinsichtlich des arabisch-israelischen Konflikts nahm er eine unparteiische Haltung ein. Obwohl er die Wiedervereinigung Jerusalems begrüßte, wurde er nicht von der allgemeinen Siegeseuphorie erfasst. In den "Klageliedern" knüpfte er an die Szenen der Zerstörung, die er in der "Pathetiker-Periode" verwendet hatte, an. Es handelt sich um eine Folge von zehn Holzschnitten, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Die "Klagelieder auf den Krieg (Elegies of War)" stellen eine Quintessenz von Steinhardts künstlerischem Schaffen dar und zugleich einen Beleg seines zutiefst humanistischen Weltbilds.

Am 11. Februar 1968 starb Jakob Steinhardt in Nahariyya (Israel).

Hintergrund der Ausstellung in Regensburg ist eine Schenkung von 478 Zeichnungen aus dem Nachlass des Künstlers an die Stiftung Stadtmuseum Berlin. Die Tochter des Künstlers, Frau Josefa Bar-On Steinhardt (Israel), übereignete diesem Museum 1999 den wohl größten zusammenhängenden Bestand an Zeichnungen. Er war bislang nur Kennern zugänglich und blieb bis auf wenige Ausnahmen unpubliziert. Aus diesem Konvolut wird nun in Regensburg eine Auswahl herausragender Zeichnungen gezeigt, ergänzt durch bedeutende Gemälde und zahlreiche Blätter aus der Druckgraphik Steinhardts, die weitgehend aus den Beständen des Stadtmuseums Berlin und des Jüdischen Museums in Berlin stammen. Neben den Dokumenten zu Leben und Werk des Künstlers sind rund 20 Gemälde, 75 Zeichnungen, 80 Blätter der Druckgraphik und illustrierte Bücher aus der Zeit von 1902 bis 1967 zu sehen, wobei der Schwerpunkt der Ausstellung auf den Arbeiten vor 1930 liegt.

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Dr. Gerhard Leistner ist Sammlungsleiter (Gemälde/Plastik) im Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg

(Teile des Beitrags gehen zurück auf Texttafeln von Dominik Bartmann für die Ausstellung "Jakob Steinhardt, Zeichnungen, Schenkung Josefa Bar-On Steinhardt", Stiftung Stadtmuseum Berlin, 24. Juni bis 3. September 2000.)

Dauer der Ausstellung: 5.11.2000 - 14.1.2001

Begleitende Kataloge

Jakob Steinhardt, Der Prophet, Ausstellungs- und Bestandskatalog, Jüdisches Museum im Berlin Museum, Berlin 1995, 180 S. mit 30 farbigen und 170 s/w-Abbildungen, 29 DM;
Jakob Steinhardt, Zeichnungen, Schenkung Josefa Bar-On Steinhardt, hrsg. von Dominik Bartmann, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Berlin 2000, 132 S. mit 20 farbigen und 90 s/w Abbildungen, 39 DM

 

 

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