Smell it! Geruch in der Kunst

Richard Earlom, Fischmarkt, undatiert, Mezzotinto, Foto: Kunsthalle BremenZehn Ausstellungen im Bundesland Bremen

Dass der Geruchssinn eine entscheidende Rolle in unserem Leben spielt, wird uns spätestens bewusst, seit der momentan unabdingbare Filter einer Maske zwischen unserer Nase und der Außenwelt eingezogen ist. Unsere Wahrnehmung verzichtet durch diesen Zustand auf ein bemerkenswertes synästhetisches Element: Der Geruchsinn ist der ursprünglichste aller Sinne und wird ohne Filterung des Gehirns direkt im limbischen System aufgenommen. Dort wird er mit Emotionen sowie in besonderem Maße auch mit Erinnerungen verknüpft, triggert unser implizites Gedächtnis und kann blitzschnell Empfindungen oder Gemütszustände hervorrufen. Gerüche sind in der Lage, instinktive Verhaltens- und Entscheidungsmuster bei uns Menschen zu erzeugen und stellen eine außergewöhnliche Möglichkeit der Beeinflussung dar.

Während die visuelle Kunst den Sehsinn anspricht wie die Musik den Hörsinn, hat sich für den Geruchssinn lange keine weiterentwickelte Kunstform herausgebildet. Seit dem frühen 20. Jahrhundert kann jedoch eine deutliche Neubewertung des Geruchssinns festgestellt werden, die sich in der geradezu als revolutionär aufzufassenden Einbeziehung geruchssinnlicher Aspekte der Geruchskunst oder „Olfactory Art" in der bildenden Kunst spiegelt. Im Kontext einer Entgrenzung der Kunst möchte „Smell it!" dabei der nur wenig erforschten Auseinandersetzung der Kunst mit Geruch begegnen.

Ab dem 8. Mai 2021 widmen sich zehn Ausstellungen in acht Museen im Bundesland Bremen – darunter mit der Kunsthalle Bremen und dem Gerhard-Marcks-Haus zwei AsKI-Mitgliedsinstitute – dem Thema Geruch in der Kunst. Kern des Projektes sind individuelle Ausstellungen, eine wissenschaftliche Vortragsreihe sowie ein gemeinsames Begleitprogramm. In „Smell it!" werden die vielfältigen Aspekte des Geruchssinns als Mittel der menschlichen Welterschließung in olfaktorisch geprägter Kunst verhandelt und dargestellt. Entstanden sind zehn Einzelprojekte, die durch individuelle Herangehensweisen in einem wechselseitigen Prozess zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft generiert werden. Im Rahmen von „Smell it!" werden dafür mit Geruch arbeitende zeitgenössische Künstler eingeladen, ihre Positionen zum Thema unter individuellen Voraussetzungen umzusetzen oder bestehende Sammlungen olfaktorisch zu befragen. Die künstlerischen Fragestellungen werden sich dabei der generellen Faszination gegenüber dem Geruchssinn und dessen unmittelbarer Verbindung zu Emotionen und Erinnerungen widmen. Die Nutzung des Geruchsinns als manipulatives Element einer Konsumgesellschaft und seine Verbindung zu gesellschaftlichen Machtstrategien wird ein weiterer Fokus künstlerischer Auseinandersetzungen sein. Auch die Gerüche im urbanen Kontext Bremens sowie dessen Wandel in verschiedenen Zeitaltern werden künstlerisch befragt.

Piero Manzoni, Merda d'artista (Künstlerscheiße), 1961,Neuauflage 1983, Zentrum für Künstlerpublikationen

Die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen lädt dazu ein, weniger mit der Nase unter der Maske als vielmehr mit den Augen zu riechen: Welche Gestalt hat Geruch und wie erkennen wir durch ihn die Welt? Und wie wird Geruch im menschlichen Miteinander inszeniert? Gemälde, Graphiken, Fotografien und Skulpturen aus verschiedenen Jahrhunderten kommen dafür in der Ausstellung zusammen. Speziell für die Ausstellung in Bremen kreiert der kolumbianische Geruchskünstler Oswaldo Maciá (*1960) dazu als aktuelle Arbeit eine raumgreifende Installation. Inspiriert durch die Blumengemälde Modersohn-Beckers hat die zeitgenössische Künstlerin Camilla Nicklaus-Maurer (*1983) eine olfaktorische Intervention entwickelt. Ein begeh­bares Feld aus am Boden befestigten Samen, setzt durch das Betreten einen leicht karottigen, nussigen Duft frei. Besucher des Paula Modersohn-Becker Museums erleben so eine synästhetische Erfahrung, die über die symbolischen Aspekte hinaus geht. In der Städtischen Galerie Bremen entstehen durch experimentelle Herangehensweisen verschiedener olfaktorischer Künstler Kunstwerke, welche spezifische Ortsgebundenheiten von Gerüchen innerhalb Bremens thematisieren. Die Aspekte internationaler Kunstschaffender wie Peter de Cupere (*1970), Maki Ueda (*1974) und Brian Goltzenleuchter (*1976) folgen dabei gemeinsam mit der Bremer Kunstszene originellen Ansätzen, in denen Geruch als Material und Medium eingesetzt wird. Die Weserburg Museum für moderne Kunst zeigt eine Einzelausstellung des italienischen Künstlers Luca Vitone (*1964). Im Zentrum der Ausstellung steht die Arbeit Imperium. Dafür ließ Luca Vitone einen Geruch kreieren, der Assoziationen von institutionalisierter Macht wecken soll. Einen Geruch, der Vorstellungen von muffigen Behördenfluren, monumentaler Architektur, Hochfinanz, Politik oder Herrschaftswissen zusammenbringt. Ebenfalls in der Weserburg zeigt das Zentrum für Künstlerpublikationen in einer Gruppenausstellung, wie Gerüche und konzeptuelle Kunstwerke zusammenkommen. Die Präsentation führt damit Werke aus den 1960er- und 1970er-Jahren bis in die Gegenwart zusammen, die gesellschaftspolitische Relevanz und Infragestellungen über den Weg des Geruches thematisieren. Es werden unter anderem Werke von Gerhard Rühm, Dieter Roth und Joseph Beuys zu sehen sein.

Durch Beobachtung, eigene Sinnesempfindungen und Experimente erforscht die Künstlerin Kornelia Hoffmann seit Jahren die sie umgebende Welt – vom kleinsten Teilchen bis hin zum Universum. Eine raumgreifende Installation im Gerhard-Marcks-Haus, welche über den Köpfen der Besucher wächst, verströmt durch Moose, Flechten und Pilze den »Duft der Erde«. Bei Berührung entstehen allerdings neue Gerüche, wodurch der Widerspruch zwischen Gesehenem und Gerochenem bewusst irritiert. Das kek Kindermuseum entwirft facettenreiche Mitmachstationen und bietet viele Vermittlungsaktionen für das Projekt. Die Stationen beschäftigen sich mit der Nase als Organ, dem Duft als Phänomen, der Bedeutung des Dufts im Alltag und in der Kunst. Hands-On-Objekte, Duftspaziergänge, mobile Dufthäuser in der Stadt und weitere partizipative Angebote werden Teil des umfangreichen Programms von „Smell it!" sein.

Die Konfrontation mit den Fähigkeiten des Geruchssinns eröffnet durch spezifisch künstlerische Positionen neue Perspektiven, die vor allem und bisweilen ausschließlich durch Kunst wahrnehmbar werden. In welchen Zusammenhängen sind wir bestimmt von Gerüchen und welche davon nehmen wir überhaupt bewusst wahr? Besucher können sich auf spektakuläre Ausstellungen freuen, die vielen Angebote von „Smell it!" sind ein echtes Highlight in der bisher nahezu geruchslosen Ausstellungswelt. Diesem Sinn durch künstlerische Fragestellungen eine derartige Aufmerksamkeit zu schenken, erscheint ab der ersten Geruchserfahrung überfällig!

Saskia Benthack |
Projektkoordinatorin "Smell it!"


 

AK Gesellschaft für Aktuelle Kunst

  • GAK Projekte
    Effrosyni Kontogeorgou „Substrate" (08.05.–04.07.2021)
  • Gerhard-Marcks-Haus
    Kornelia Hoffmann – „scentrubbing" (08.05.–18.07.2021)
  • Künstlerhaus Bremen
    Geist (08.05.– 01.07.2021)
  • Kunsthalle Bremen
    Mit den Augen riechen. Geruchsbilder seit der Renaissance (08.05–15.08.2021)
  • Kunstverein Bremerhaven
    Stefani Glauber ≈ 350 (08.05.–27.06.2021)
  • Städtische Galerie Bremen
    Olfaktor. Geruch gleich Gegenwart. (08.05.–11.07.2021)
  • Weserburg Museum für moderne Kunst
    Luca Vitone Macht (08.05.–04.07.2021)
  • Zentrum für Künstlerpublikationen
    DUFT, SMELL, OLOR, ... Multiple Darstellungen des Olfaktorischen in der zeit­genössischen Kunst (08.05.–15.08.2021)
  • Kek Kindermuseum
    DUFTE – Nose ON!

Mitmachstationen tauchen ab dem 08.05.2021 in vielen Smellit!-Ausstellungen auf. Es erscheint eine wissenschaftliche Publikation zum Projekt: www.smellit.eu

AsKI kultur leben 1/2021

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