Beispiele aus dem Spannungsfeld von Poesie, Typografie
und Buchgestaltung - Ausstellung der Stiftung Buchkunst in Der Deutschen Bibliothek
Frankfurt am Main
Uta Schneider
Die Welt ist eckig - wird in der Buchstabenanimation "Ist" von Nauka Kirschner
behauptet. Zumindest Bücher sind eckig. Meistens.
Dass die Stiftung Buchkunst in ihrer Ausstellung "Wort für Wort / Seite für Seite" Bücher
zeigt, ist nichts Ungewöhnliches. Dass sie aber
nicht prächtig illustrierte Bücher ausstellt, sondern
so etwas "Pures" wie Typografie, das mag
manchem riskant erscheinen. Riskant, weil Text sich
nicht so leicht erschließt wie Bild, und doppelt
riskant, weil allgemein wenig Übung darin besteht,
Typografie nicht nur als Text zu lesen, sondern
auch als Bild anzuschauen.
Eine Ausstellung von Büchern mit Lyrik
kann sogar noch als Steigerung des Puren, des Reduzierten wahrgenommen werden. Dass mit
Lyrik kein Staat zu machen ist, ist bekannt. Dass aber sowohl Lyrik als auch deren
typografische oder lautsprachliche Umsetzung sinnlich ist - mit Genuss zu lesen, zu sehen und auch zu
hören ist - von dieser Sinnlichkeit möchte die
Ausstellung erzählen.
So ist diese Ausstellung eine Hommage an die Lyrik und an die Typografie. Eine Hommage
an alle, die künstlerisch mit Sprache arbeiten - die Schriftstellerinnen und Autoren auf der einen Seite, und die Typografinnen und
Buchgestalter, die dieses sprachliche Material experimentell
ins Visuelle umsetzen, auf der anderen Seite. Und nicht zuletzt ist es eine Hommage an all die
Verlage, die sich um diese Randbereiche der Buchwelt bemühen.
Lyrik und Poesie sind die Bereiche der Literatur, in denen die Autor/innen ein ganz
besonderes Augenmerk auf die Formen richten
müssen, sich ganz bewusst mit dem Formulieren von
Sprache auseinander setzen.
Poiésis bezeichnet eigentlich alles
Schaffen. Wird Lyrik oder Poesie nicht sprachlich
vorgetragen, sondern schriftlich formuliert, so ist
meist Papier Träger des Textes. Und so ist der
Schritt nicht mehr weit, die sprachliche
Formulierung auch visuell in Form zu bringen - sichtbar
zu machen.
So wie beim Sprechen alles in Bewegung gerät, so still wird es bei der Atempause.
Atmen, sprechen, Luft holen. Um Sprechen und
Schweigen auf die Typografie, auf die
Buchgestaltung zu übertragen, bedarf es der Schwärze der
Buchstaben und der Weiße des Papiers.
Weißräume sind Pausen.
In ihren Manuskripten geben Lyriker meist typografische Parameter mit. Zeilenfall wird
definiert, manchmal auch die Zeilenplatzierung.
Zeilenabstand und Weißräume übernehmen
trennende oder gruppierende Funktion. Pausen
werden signalisiert. Und immer ist es die Autorin,
der Lyriker, die diese Markierungen setzen - spätestens seit Mallarmé.
Sprachrhythmus oder lyrischer Rhythmus kann mit typografischen Elementen sichtbar
gemacht werden. Der Raum des Buches, der
Doppelseite - der Weißraum auf dem Papier - sind dabei
wichtige visuelle Instrumente. Und selbst wenn
Zeilenfall und -platzierung genau vorgeschrieben
sind, bleibt es doch die Entscheidung des
Typografen, die Weißräume auch im Detail zu
konkretisieren: Wahl der Schriftart und -größe im Verhältnis
zu Zeilenabstand und Format definieren die Pausen präzise.
Diese Ausstellung führt die Sinnlichkeit
von Sprache vor Augen. Nicht mehr. Nicht weniger. Sie folgt nicht der chronologischen Einteilung
in die bekannten buchgestalterischen Epochen, und schon gar nicht den Einteilungen in
literaturwissenschaftliche Kategorien.
Die Auswahl der gezeigten Bücher beginnt
zeitlich mit Stéphane Mallarmé und seinem
Meilen
stein für spätere Typografie: mit dem Buch "Un coup de Dés" (von 1897). Bei Stéphane
Mallarmé folgt die Typografie (Schriftart, Größe,
Platzierung auf dem Format) der Sprache, ihrer
Akzentuierung. "Daraus ergibt sich eine aktive
Beteiligung der weißen, unbedruckten Fläche an der
inhaltlichen Aussage, die es so in der Typografie
bislang nicht gegeben hatte (1897). Hier liegt der Ursprung aller späteren Bemühungen,
Sprache und Typografie in Einklang zu bringen." (H.P.
Willberg)
Text, Typografie und Bild beanspruchen in einem Buch ihre eigenen Rechte, ganz zu
schweigen von denen des Weißraums - "diesem
bedeutungsvollen Schweigen", wie Mallarmé
es nennt.
Die Ausstellung zeigt Bücher der Futuristen
(um 1909), in deren "Futuristischem Manifest" u.a.
zu lesen steht: "Ich bin gegen alles, was als
Harmonie des Setzens bekannt ist. ... Einen
Aufschrei werden wir in fetten Typen wiedergeben,
Flüchtiges durch kursive Schrift. Jede Druckseite
wird eine neue, bildhafte typografische Gestaltung gebären."
Oder die Bücher der Dadaisten und - parallel dazu - die Arbeiten von Kurt Schwitters, El
Lissitzky, den Schlüsselfiguren der typografischen
Revolution. Die radikale Neuformung der Typografie (um 1915) beeinflusste noch viele
Generationen späterer Buchgestalterinnen und Typografen.
Dann die Bücher rund um das Bauhaus (um 1919). Damals wurde die Visualisierung der
inhaltlichen Aussage durch verschiedene - verbale und nonverbale - Elemente aktiviert.
Die Scheuche, Märchen
Herbert Lang & Cie AG, 1975, Nachdruck
Gestaltung: Kurt Schwitters, Käte Steinitz,
Theo van Doesburg
Leihgabe des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Leipzig
Dann, mit großer zeitlicher Unterbrechung durch den 2. Weltkrieg (zumindest in
Deutschland), beginnen in den 50er Jahren die
Experimente der Visuellen Poesie, der konkreten
Poesie. Aus der engen Verbindung von Sprache, Schrift und Wortbild entstanden Sehtexte
und Schriftbilder. Um nur einige, wenige Namen zu nennen: Emmett Williams, Franz
Mon,
Gerhard Rühm, Hansjörg Mayer, Carlfriedrich Claus,
Guillermo Deisler.
In den siebziger Jahren dann die Versuche, aus der buchgestalterischen Enge auszubrechen.
Die Zeit des Fluxus hat nicht nur in der Kunst
Spuren hinterlassen, sondern auch in der Buchgestaltung. "Es wird das Experiment gestartet,
verschieden gestaltete Bild- und Leseerlebnisse zu
verbinden." (K.-D. Roth). Das Buch wird zu
einem weiteren Forum für Happenings.
Schließlich sind sowohl zeitgenössische
Gestaltung von Poesie, die sich noch im Medium Buch präsentiert, zu sehen, als auch ein
Ausflug in die Neuen Medien. Dort, wo Buchstaben in Bewegung geraten, führen Cyberlyrik oder
Computerlyrik zu ganz neuen literarischen und
typografischen Formen. Dies ist die geradlinige
Fortentwicklung der visuellen Poesie der 50er Jahre.
Es gibt kein Richtig oder Falsch beim Lesen von Lyrik. Lyrik, gerade visuelle, ist nicht
linear. Eine runde Sache wird daraus, wenn man
quer liest. Es gibt vieles zu entdecken, auch für
Nicht-Typografen.
Jérome Rothenberg gibt uns eine sinnreiche
/ sinnliche Hilfe: "Buchstaben und Worte sind
Sterne am weißen Himmel der Seite. ...
Buchstaben erscheinen auf der Seite und treffen sich,
um Worte zu formen. Sie stehen in Gruppen beisammen und singen. Sie diskutieren ihre
jeweilige Bedeutung. Sie erinnern und sie vergessen."

"Licht", Einzelseite aus: UNI/vers(;)
visuelle und experimentelle poesie international
Halle 1994
(Umschlag: Guillermo Deisler)
Leihgabe des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Leipzig