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Kulturberichte 2/98 - Der Monumentale Totentanz

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Eine Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur Kassel

Reiner Sörries

Nur wenige ikonographische Erfindungen des Mittelalters sind bis heute so lebendig geblieben wie das Motiv des Totentanzes. Es hat Eingang in die Umgangssprache gefunden, so daß jede Begegnung mit dem Tod als Tanz mit dem Tod verstanden werden kann, und in dieser Form rezipiert die Kunst das Thema auch noch in der Moderne.

Die Ausstellung will den Wurzeln dieses Sujets nachgehen und seine Entwicklung durch die Jahrhunderte verfolgen. Wissenschaftlich und konzeptionell neu ist der Ansatz, den Totentanz in seiner monumentalen Gestalt - so wie ihn Menschen früher an Kirchhofsmauern, an Beinhäusern, in Kirchen, ja sogar auf Brücken im öffentlichen Raum betrachten und erleben konnten - als eigene Gattung zu verstehen, ganz im Gegensatz zu jenen Totentänzen im Buch oder in der der persönlichen Betrachtung vorbehaltenen Graphik.

Monumental heißt hier deshalb auch wirklich groß, denn diese Totentänze erreichten durchaus Lebensgröße und entwickelten sich etwa auf Friedhofsmauern zu Bildfriesen von bis zu 80 Metern Länge. Einzelne Totentanzfolgen, deren substantielle Idee in einer Begegnung aller Stände mit dem Tod von Papst und Kaiser bis hin zu Bettler und Kind besteht, erreichen bis zu 70 Szenen.

Der Umgang mit diesen gewaltigen Bildformaten stellt museal eine besondere Herausforderung dar, hinzu kommt die Schwierigkeit, daß die auszustellenden Totentänze ihrem Charakter entsprechend eigentlich standortfest und nicht ins Museum zu bringen sind, und schließlich sind die meisten der berühmten Totentänze im Laufe der Zeit verlorengegangen. So fielen die weltbekannten Totentänze in Bern und Basel bereits 1660 bzw. 1805 Straßenerweiterungen zum Opfer. Manche Totentänze wurden erst durch die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört, so der berühmte Totentanz in Lübeck, St. Marien, jene in Ulm und in Freiburg, aber auch der gänzlich unbekannte im oberbayerischen Vachendorf.

Im Original können solche Totentänze also nur in Teilen, etwa bei solchen, die auf Tafeln gemalt sind, oder als abgenommene Fresken pars pro toto präsentiert werden. Zu den herausragenden Objekten der Ausstellung werden zwei Originalfragmente des Baseler Totentanzes aus der Zeit um 1440 zählen, die das Historische Museum Basel zur Verfügung stellt, und auch die abgenommenen und gegenwärtig noch in Restaurierung befindlichen Fresken des sog. Totentanzes von Badenweiler, eigentlich eine Darstellung der Legende von den drei Lebenden und den drei Toten. Ebenfalls bemerkenswert sind in der Ausstellung ausgewählte Tafeln aus den Totentänzen von Luzern, Wolgast und Wasserburg sowie ein Antependium aus Bruchhausen mit Totentanzszenen. Bei anderen Totentänzen, die nicht ins Museum kommen können, dienen auch die Vorzeichnungen oder Skizzen zu deren Veranschaulichung, beispielsweise für den Totentanz in Herten bei Rheinfelden. Als Zeugnisse der Totentanztradition im 20. Jahrhundert werden u.a. die Entwurfszeichnungen von Mahlau für die Lübecker Totentanzfenster gezeigt.

Den Überblick über das gesamte Repertoire liefern teilweise seltene und erstmals gezeigte graphische Reproduktionen, die außerdem die schon früh einsetzende Rezeption der einzelnen monumentalen Totentänze belegen. Frühe Graphiken in Form von Leporellos von bis zu vier Metern Länge bieten als Gesamtabwicklung einen Eindruck von ihrem ursprünglichen Umfang. Erstmals wird ein großformatiges Textil des 17. Jahrhunderts mit einer Totentanzbordüre aus dem Kasseler Landesmuseum gezeigt. Einen Großteil der Graphiken, die zu sehen sein werden, verdankt das Museum dem erst kürzlich erfolgten Ankauf der "Sammlung Gelbert", den die Kulturstiftung der Länder in Berlin, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und die Hessische Kulturstiftung gemeinsam ermöglichten. Außerdem stehen die bisher noch nie gezeigten Bestände von zwei Privatsammlern zur Verfügung. Für manche verlorenen Totentänze sind Postkarte oder historisches Foto die einzigen Medien der Vermittlung. Hier wird erhofft, Objekte aus der wichtigen Sammlung Meister, die sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet, zu erhalten.

So wird es möglich sein, die Entwicklung der Totentänze vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart in einer bisher nicht erreichten Vollständigkeit darzustellen. Den wissenschaftlichen Anspruch des Ausstellungsprojektes unterstreicht der Katalog, der die Erfassung sämtlicher bekannter monumentaler Totentänze zum Ziel hat, wobei auch jene berücksichtigt werden sollen, von deren Existenz nur noch archivalische Belege zeugen, von denen nur noch literarische Beschreibungen, Skizzen oder sonstige Informationen vorliegen. Damit greift der Katalog noch weit über die Ausstellung hinaus, die aufgrund des Gegenstandes in Teilen nur fragmentarisch sein kann.

Den Entschluß zu dieser, in mancherlei Hinsicht akademisch zu nennenden Ausstellung befruchtete der IX. Internationale Totentanzkongreß, der vom 17. bis zum 19. September 1998 in Kassel stattfindet, und aus dessen Anlaß die Idee zu dieser Sonderausstellung geboren wurde. Denn hier bot sich auch die einmalige Gelegenheit, die reichen Bestände des Museums zu diesem Themenbereich, die in der Dauerausstellung nur ausschnitthaft gezeigt werden, zu präsentieren.

Getragen wird der Internationale Totentanzkongreß, der in zweijährigem Turnus abgehalten wird, von der Europäischen Totentanzvereinigung und deren nationalen Sektionen. Programme können beim Museum für Sepulkralkultur oder beim Präsidenten der Deutschen Totentanzvereinigung, Herrn Karl-Josef Steininger, Dr. Blaich-Straße 12 in Fürstenfeldbruck angefordert werden.

Die Ausstellung gliedert sich in einen Vorspann und zehn Abteilungen:

Der Übergang von den mittelalterlichen Todeslegenden zu den Totentänzen; hier werden beispielhaft die Legende von den drei Lebenden und den drei Toten, die Legende von den dankbaren und helfenden Toten, der Triumph des Todes und andere Vorläuferthemen dargestellt.
Die spätmittelalterlichen "echten" Totentänze, die den Totentanz als wirklichen Reigen- oder Paartanz abbilden. Berühmte Beispiele sind die Totentänze in Lübeck oder Reval bzw. in Basel oder Metnitz.
Die genrehaften sog. Totentänze im Gefolge von Hans Holbein: Die Toten tanzen nicht mehr. Das früheste Beispiel dieser neuen Auffassung befand sich ursprünglich im erzbischöflichen Palais in Chur, um dessen Ausleihe zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Berichtes noch heftig gerungen wurde. Es galt lange Zeit als Werk von Hans Holbein selbst.
Totentänze im Spannungsbogen der Reformation. Hierher gehören Totentänze, in denen die Auswirkungen der Reformation mit ihrer verschärften Kirchenkritik besonders deutlich werden, oder die sich tatsächlich in evangelischen Kirchen befinden.
Die Totentänze der Barockzeit, die die bildliche Idee zu einer Symbiose aus Weltlust und Vergänglichkeit steigerten.
Abraham a Santa Claras Todtenspiegel der menschlichen Hinfälligkeit als übersteigerte und in die Allegorie verschlüsselte Bußbotschaft.
Die spätbarocken und noch späteren Rückgriffe auf die Totentänze von Basel und Holbein entwickeln sich im 18. Jahrhundert zu einem Standardprogramm für Friedhofskapellen.
Die Falger´schen Totentänze im Tiroler Außerfern verdanken ihre Existenz der Liebhaberei eines akademischen Heimatmalers.
Die säkularen Totentänze vor dem Ersten Weltkrieg entstanden als Adaption dieses religiösen Themas für kommunale Friedhofs- und Leichenhallen.
Die Totentänze der Zwischenkriegszeit greifen das alte Thema unter dem Eindruck des Krieges wieder auf.
Und die Totentänze der Nachkriegszeit, unter anderem Alfred Hrdlickas Plötzenseer Totentanz in Berlin, sind gekennzeichnet von tiefer Betroffenheit und Schuld.

Zur Ausstellung (18.9.-29.11.1998) erscheint ein Katalog, ca. 200 S., ca. 250 Abb., großteils in Farbe.

 

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Prof. Dr. Reiner Sörries, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal und Direktor der Stiftung Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur, Kassel

 

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