Genau 25 Jahre lang war Friedrich Pfäfflin
die Museumsabteilung innerhalb der Marbacher Institution anvertraut, die den komplizierten
Namen "Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv" trägt. Die
Doppelbezeichnung gibt zu erkennen, dass sich zu den
Marbacher Sammlungen zwei Türen öffnen: eine für die
Allgemeinheit, die Belehrung und Ergötzen an
der Literatur sucht, eine für die Forschung, die
sich Quellen des Wissens erschließt.
Fast eine Generationenspanne hindurch hat Friedrich Pfäfflin dafür
gesorgt, dass
"Marbach" in der ganzen Welt auf beide Weisen
wahrgenommen wird - er hat den ständigen und den
wechselnden Ausstellungen im Schiller-Nationalmuseum und den Publikationen Glanz und
Strahlkraft gegeben.
Friedrich Pfäfflins Wirkungsfeld ist immer
im Dreieck zwischen Literatur, bildender Kunst und Handwerk angesiedelt gewesen. Was er
gestaltet, seien es Bücher, seien es literarische Ausstellungen, richtet sich
immer, und auf
höchstem Niveau, zugleich an die sinnliche und an die geistige Wahrnehmung des Lesers oder des Betrachters
- und ist doch, das ist der Prüfstein
seiner Qualität, anziehend für Jedermann. Wer die
große Ständige Ausstellung über Schiller im Marbacher Museum
kennt, wer seine zahlreichen Ausstellungen zu Themen der Literatur- und
der Verlagsgeschichte gesehen hat - etwa jene von 1985 über den S. Fischer Verlag oder die
von 1999 über Karl Kraus -, empfindet das in
gleicher Weise wie der Leser der 'Marbacher Magazine'.
Mit dieser Schriftenreihe verbindet
sich Pfäfflins Name ganz besonders. Die
Anfangsnummer erschien im März 1976, sofort nach dem Amtsantritt in Marbach. Inzwischen steht
die Reihe beim 95. Band, und Pfäfflin hat zugesagt, sie noch bis 2002, bis zum Band 100 zu
gestalten. Viele der Marbacher
Kabinettausstellungen oder der literarischen Gedenkstätten, welche
von den 'Marbacher Magazinen' begleitet werden, haben Pfäfflin zum Autor oder mindestens
zum Anreger und Mitgestalter gehabt, ja, die Marbacher Kabinettausstellung als die
leichtere,
beweglichere Form der Wechselausstellungen ist ihm zu verdanken. Die 'Marbacher
Magazine' sind bei Sammlern und Lesern in aller Welt begehrt, weil ihre Gestaltung - ohne jede bibliophile Gespreiztheit - zum Schönsten,
Lebendigsten, Abwechslungsreichsten, Bezauberndsten
auf diesem Gebiet gehört. Pfäfflin hat Marbach
damit - und nicht nur damit - ein Markenzeichen eigener Art beschert. Sein Beitrag zur
Ausstrahlung, die von der Marbacher Schillerhöhe ausgeht, ist unschätzbar.
Seinen Ruf als Verlagsmann (auch als solcher hatte er eine wichtige Funktion bei der
Deutschen Schillergesellschaft) und seinen Ruhm als
Büchermacher hat er aber nicht erst in Marbach begründet. Nach
Verlagslehre,
Auslandsaufenthalten und literaturwissenschaftlichen Studiensemestern wirkte er im Münchner
Kösel-Verlag und später bei Hanser am Aufbau der
literarischen Verlagsprogramme mit. Die "Nachrichten aus dem Kösel-Verlag" erregten ihrer
ästhetischen und inhaltlichen Gestaltung wegen
das Aufsehen der Kenner und Liebhaber, ebenso wie die von ihm entworfenen Buchumschläge.
Als Herausgeber von Werken und Texten der literarischen Moderne hat er, der unter anderem
die Urheberrechte von Karl Kraus verwaltet, sich ebenfalls einen Namen gemacht. Zu den
vielen Impulsen, die ihm Marbach verdankt, gehört
auch die Gründung der 'Arbeitsstelle für
literarische Museen und Gedenkstätten in
Baden-Württemberg', die für die literarische Landschaft
Südwestdeutschlands prägend geworden ist.
Sein Ideenreichtum und seine Weltgewandtheit haben Grenzen jeglicher Art mit Leichtigkeit
und Eleganz übersprungen. So hat er den, bis
dahin meist einzelnen Autoren verpflichteten, Marbacher Kabinettausstellungen und
"Magazinen" durch eine originelle, der Phänomenologie der Autorschaft gewidmete
,Reihe in der Reihe'
neue Akzente gegeben: "Vom Schreiben 1 bis 6"
zeigte die Dichter und Schriftsteller federkauend
vor dem ersten, noch weißen Blatt, zeigte ihr
Verhältnis zum Schreibgerät, die bevorzugten
Orte ihres Schreibens, den Einfluss von Stimulanzien, die Rolle von Widmungen. Auch liegen
gebliebene Pläne thematisierte eines dieser
Kabinette: "Ankündigungen oder 'Mehr nicht erschienen' "; mit einem Vortrag darüber hatte
sich Pfäfflin 1996 in Tübingen für den
Ehrendoktor der Literaturwissenschaftlichen Fakultät
bedankt. Anschließend hat er das Thema in einer
fulminanten Ausstellung präsentiert. Und die vier
Hefte des Jahres 2000, die sich nicht auf
Marbacher Kabinettausstellungen beziehen ließen, weil
das Schiller-Nationalmuseum wegen Renovierung geschlossen werden musste, widmete
Pfäfflin kurzerhand literarischen Stätten im östlichen
Mitteleuropa und in Osteuropa, zweisprachig: Thomas Mann in Nidden (Litauen), Karl Kraus
in Janowitz (Tschechien), Rilke in Jasnaja Poljana (Russland), Paul Celan in Czernowitz
(Ukraine). Als letztes Meisterstück seiner Dienstzeit bei
der Deutschen Schillergesellschaft hat er den zweiteiligen Katalog der Aufsehen erregenden
Ausstellung "Spiegel der Welt" gestaltet, der
die Spitzenstücke der Genfer Bibliotheca Bodmeriana durch die Welt begleitet (nach
Zürich, Marbach und New York demnächst Dresden - siehe 'Kulturberichte'
2/2000).
Friedrich Pfäfflin wird im Ruhestand weder Ruhe haben noch Ruhe geben. Kunst kennt
räumliche und zeitliche Grenzen nicht. Wir
werden ihm noch bei vielen literarischen
Unternehmungen in verschiedenen Teilen der Welt
begegnen. Die Marbacher Abschiedsgabe, Wilhelm
Hauffs "Kleiner Muck" mit den Zeichnungen von
Fritz Fischer und einem Essay von Ludwig Harig als Band 4 der von Pfäfflin initiierten
'Marbacher Bibliothek', ist ihm nicht nur wegen seiner
Liebe zu Wilhelm Hauff gewidmet und schon gar
nicht wegen der Körpergröße der Titelgestalt -
aber sie gilt einem großen Kopf, im übertragenen Sinn, wie ihn jene Titelgestalt im wörtlichen hat.