Christoph
Wingender

Die Gläserne Frau
vor dem Hauptportal (1996) |
Das Deutsche Hygiene-Museum ist weder ein Science-Center noch ein Spezialmuseum mit
einem fest umrissenen Themenspektrum, es ist vielmehr ein Universalmuseum vom Menschen.
Als modernes Wissenschaftsmuseum reflektiert es die Auswirkungen der Wissenschaften für
die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Insbesondere die Bedeutungszunahme der modernen Biowissenschaften, der Genetik und Hirnforschung sowie die sich daraus ergebenden
disziplinüberschreitenden Fragestellungen stehen im
Mittelpunkt seines Interesses. Das Museum sieht
seine Rolle darin, mit seinen Ausstellungen und
Veranstaltungen ein unabhängiges öffentliches
Forum für den Dialog zwischen Wissenschaft
und Gesellschaft bereitzustellen. Sein Bildungsauftrag ist es, im Sinne des angelsächsischen
"public understandig of sciences and humanities"
das Verständnis für die Wissenschaften zu
fördern. Durch die Faszination, die mit den
modernen Wissenschaften verbunden ist, soll jedoch
keine unkritische Wissenschaftsgläubigkeit
produziert werden; vielmehr möchte das Museum zu
einem verantwortungsvollen Umgang mit den
Möglichkeiten der modernen Wissenschaften anregen.
Anders als es über Jahrzehnte die
Tradition dieses Hauses war, will das Museum also
weit mehr, als Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Kenntnisse über den menschlichen
Körper zu vermitteln. Die Aufgabe des Deutschen
Hygiene-Museums besteht heute darin, den Menschen in interdisziplinär angelegten
Ausstellungen als ein biologisch, psychisch, sozial und
kulturell vernetztes Wesen anschaulich und
sinnlich begreifbar zu machen. Die in der
Ausstellungstätigkeit praktizierte Verschränkung von
Natur- und Kulturwissenschaften, die sich heute in
der gesamten Wissenschaftslandschaft beobachten lässt, zeigt den Menschen und das
Menschliche in neuen, ungewohnten Perspektiven und
vielfältigen Zusammenhängen.
Zur Geschichte des Museums

Der "Sektionsraum" in der
Themenausstellung "Kosmos im Kopf.
Gehirn und Denken" (2000) |
Die Gründung des Deutschen Hygiene-Museums (1912) geht zurück auf eine Initiative
des Dresdner Industriellen und Odol-Fabrikanten Karl August Lingner (1861-1916). Lingner
hatte 1911 zu den Protagonisten der I.
Internationalen Hygiene-Ausstellung gehört, zu der über
fünf Millionen Besucher nach Dresden gekommen waren. Diese Ausstellung hatte Informationen
zur Anatomie des Menschen, aber auch zu Fragen der Gesundheitsvorsorge, zu Ernährung
und Wohnen mit modernsten Techniken und in einer bis dahin unbekannten Anschaulichkeit
vermittelt. Während der Weimarer Republik trug
das Museum mit seinen allgemeinverständlichen Darstellungsformen, die immer auf dem
neuesten Stand der Wissenschaft waren,
maßgeblich zu einer Demokratisierung des
Gesundheitswesens bei.
Zur II. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930 wurde der von Wilhelm Kreis
(1873-1955) entworfene neue Museumsbau bezogen, in
dem das Museum noch heute seinen Sitz hat. Als
größte Attraktion der Ausstellung galt der
Gläserne Mensch, in dem sich das Menschenbild der
Moderne in der zukunftsgläubigen Verbindung
von Wissenschaft, Transparenz und Rationalität
materialisierte. Der Gläserne Mensch ist seither
zum Leitobjekt des Deutschen Hygiene-Museums geworden und stellt nach wie vor eines
seiner markantesten Exponate dar.
Nach 1933 wurden das volksaufklärerische Gedankengut des Museums und seine hoch
entwickelten modernen Vermittlungsmethoden in den Dienst der nazistischen Rasse-Ideologie
gestellt. Beim Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 wurden große Teile des
Museumsgebäudes und wertvolle
Sammlungsbestände vernichtet. Während der DDR-Jahre nahm
das Museum mit seinem "Institut für
Gesundheitserziehung" eine vergleichbare Aufgabe wahr
wie in der Bundesrepublik die "Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung". Nach 1991
erhielt das Deutsche Hygiene-Museum als "Museum vom Menschen" eine vollkommen neue
Konzep
tion, die mit zeitgemäßen Mitteln an den
innovativen Ansatz seiner Gründerjahre anknüpft.
In den kommenden Jahren wird das Museumsgebäude, das sich zurzeit in einem
beklagenswerten Zustand befindet, durch den Architekten
Professor Peter Kulka saniert und weitestgehend in den Originalzustand zurückversetzt.
Die Ausstellungen

Blick in die gemeinsam mit Aktion Mensch e.V.
realisierte Themenausstellung
"Der (im-)perfekte Mensch. Vom Recht auf
Unvollkommenheit" (2000/2001) |
Den derzeitigen Arbeitsschwerpunkt des Museums bilden zweifellos die wechselnden
Themenausstellungen, die wesentlich zur
überregionalen Beachtung des Dresdner Museums
beigetragen haben. Die Ausstellungen entstehen in enger Kooperation von Kuratoren und
wissenschaftlichen Projektgruppen mit Gestaltern, Künstlern, Technikern, Bühnenbildnern
oder Ausstellungsarchitekten. Sie behandeln
neueste Forschungsergebnisse aus den
Wissenschaften vom Menschen ebenso wie Fragen der
Alltagskultur und setzen sich mit
gesellschaftspolitischen Problemen oder geistes- und
kulturgeschichtlichen Themen auseinander.
Beispielhaft seien genannt: Darwin und Darwinismus
(1994), Die Pille. Von der Lust und von der Liebe
(1996), Alt & Jung. Das Abenteuer der
Generationen (1997), Gen-Welten. Werkstatt Mensch?
(1998), Der Neue Mensch. Obsessionen des 20. Jahrhun
derts (1999), Kosmos im Kopf. Gehirn und Denken (2000) oder Der (im-)perfekte Mensch.
Vom Recht auf Unvollkommenheit (2000). Die Sonderausstellungen der kommenden Jahre
werden sich mit den Themen Sexualität sowie dem
Verhältnis von Mensch und Tier beschäftigen.
Parallel zum Fortgang der jetzt beginnenden grundlegenden Sanierung des
Museumsgebäudes wird in den nächsten Jahren die
Dauerausstellung "Mensch", die derzeit vollkommen neu
konzipiert wird, in voraussichtlich zwei Etappen
eröffnet. Feste Bestandteile der Neuen
Dauerausstellung werden sowohl der Garten des
Museums als auch ein eigenes Kindermuseum mit Werkstattcharakter sein. Die gegenwärtige
ständige Ausstellung beschäftigt sich in
komprimierter Form mit Basisthemen des Museums:
Sinneswahrnehmung, Ernährung, Sexualität
und AIDS sowie der Anatomie und den Funktionen des menschlichen Körpers.
Begleitend zu den Ausstellungen bietet das Deutsche Hygiene-Museum seinen
Besuchern ein umfangreiches museumspädagogisches
Programm an. Es umfasst Führungen, Aktionen
und Veranstaltungen für alle Besuchergruppen,
in deren Vordergrund das Ziel steht, durch personelle Interaktion und eigene
Körperwahrnehmung Lernen und Erleben zu ermöglichen.
Die Sammlung

Ein Lockenwickler aus den 30er-Jahren
Exponate der Sammlung
ungewöhnlich in Szene gesetzt
(1999) |
Nach der Neukonzipierung des Museums 1991 wurde die vorgefundene Sammlung
wissenschaftlich erfasst und mit einem
zielgerichteten Sammlungsaufbau begonnen. Zum
Sammlungsbestand gehören heute über 20.000 Objekte
zur Geschichte der Gesundheitsaufklärung und
Gesundheitspflege im Alltag. Wertvolle
Altbestände wie etwa die ca. 2.000 Wachsmoulagen oder
die augenärztliche Sammlung Münchow,
anatomische Modelle und Plakate zählen ebenso
dazu wie historische Alltagsgegenstände, z.B.
Lichtsaunen, Höhensonnen und Hochfrequenzheilapparate. Seit 1995 wird die Sammlung
Schwarzkopf mit mehr als 2.000 Exponaten zur
Geschichte der Haar- und Schönheitspflege als Dauerleihgabe aufbewahrt. Neben diesen musealen
Objekten betreut das zur Sammlung gehörige
Archiv einen umfangreichen Dokumenten- und Bildbestand zur Geschichte des Deutschen
Hygiene-Museums. Ein Großteil des Sammlungsbestandes kann augenblicklich bereits über das
Internet eingesehen werden. Mit den Exponaten
seiner Sammlung beteiligt sich das Museum intensiv am internationalen Leihverkehr und war
somit während der letzten Jahre in vielen
wichtigen Ausstellungen präsent (z.B. zuletzt "Sieben
Hügel" im Berliner Martin Gropius-Bau).
Das Forum Wissenschaft
Parallel zu den Ausstellungen organisiert eine
eigene Abteilung des Museums, das Forum Wissenschaft, eine große Anzahl von
tagesaktuellen Veranstaltungen. In enger Anbindung an die anderen Abteilungen
des Museums ergänzen und vertiefen diese Vorträge, Tagungen oder
Diskussionsrunden die Inhalte der Themenausstellungen. Das Forum Wissenschaft
organisiert darüber hinaus den Wissenstransfer von den nationalen und
internationalen Einrichtungen der universitären und außeruniversitären
Forschung an das Museum und kooperiert eng mit den wissenschaftspolitischen
Institutionen der Bundesrepublik und der EU. Im Jahre 2001 führt das Forum
Wissenschaft die "Bürger-Konferenz. Streitfall Gendiagnostik" durch,
bei der sich interessierte Laien mit den Konsequenzen dieses gentechnischen
Analyseverfahrens auseinandersetzen und auf einer abschließenden Konferenz eine
Stellungnahme veröffentlichen werden.
Serviceeinrichtungen
Das Deutsche Hygiene-Museum ist schon immer ein attraktiver, überregional bekannter
Veranstaltungsort in Dresden gewesen. In dieser Tradition bietet das Tagungszentrum für externe
Veranstaltungen und Kongresse verschiedene
Säle und Seminarräume mit einer Kapazität bis zu
250 Sitzplätzen an und stellt seinen Kunden ein
umfangreiches Angebot an moderner Veranstaltungstechnik zur Verfügung.
Zum Museum gehört weiterhin eine
öffentliche Präsenzbibliothek mit einem Bestand
von mehr als 30.000 Medieneinheiten aller Art. Neben Fachpublikationen hält das
Medienzentrum auch einen großen Fundus
populärwissenschaftlicher Literatur zu verschiedenen Themengebieten sowie Zeitschriften, Videos, CD-ROMs
und Internetarbeitsplätze bereit.
Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Nachdem das Museum 1991 in eine nachgeordnete Behörde des Sächsischen
Staatsministeriums für Soziales, Gesundheit und Familie
überführt worden war, stellte die 1999 erfolgte
Überleitung des Deutschen Hygiene-Museums in
eine Stiftung bürgerlichen Rechts eine große
Zäsur dar, die jedoch viele
Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet. Die jetzige Stiftungskonstruktion, an
der sich der Freistaat Sachsen, die
Landeshauptstadt Dresden, die DKV Deutsche
Krankenversicherung AG als Unternehmen der
Privatwirtschaft sowie optional auch der Bund beteiligen,
stellt einerseits eine innovative zeitgemäße Lösung
dar, andererseits aber handelt es sich um eine
Rückkehr zu einer Organisationsform des
Museums, die in dieser Weise bereits in den zwanziger
Jahren bestand.
Die Ausstellung "Kosmos im Kopf. Gehirn und Denken"
ist im Jahre 2001 in einer adaptierten Fassung in Mannheim
zu sehen: Landesmuseum für Technik und Arbeit, 4. April bis 21. Oktober 2001, Tel. 0621-42989
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