Neue Mitglieder im AsKI: Kulturstiftung Hansestadt Lübeck

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Das Buddenbrookhaus / Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum
Günter Grass-Haus

 

Das Buddenbrookhaus / Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum

Heinrich Mann, der Bruder, sollte Recht behalten, als er über Thomas Manns ersten Roman, der in Italien seinen Ursprung hatte, schrieb: "In unserem kühlen, steinernen Saal, auf halber Höhe einer Treppengasse, begann der Anfänger, mit sich selbst unbekannt, eine Arbeit - bald sollten viele sie kennen, Jahrzehnte später gehörte sie der ganzen Welt." Die Rede ist von "Buddenbrooks", dem Roman, den Thomas Mann 1897 als 22-Jähriger begann und 1900 vollendete.

Kulturstiftung Hansestadt Lübeck, Buddenbrookhaus, Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum, © Foto: Kulturstiftung Hansestadt Lübeck Angefangen hatte alles 1875 in Lübeck, als Thomas Mann in der altehrwürdigen Hansestadt geboren wurde, deren Winkel und Gassen, Backsteinkirchen und gotische Gewölbe er in seinem Romanerstling zu einem weltliterarischen Ort gemacht hat. Das gilt noch stärker für das Haus in der Mengstraße 4, wo große Teile vom Aufstieg und Fall der Familie Buddenbrook spielen - jener Familie, die in vielen Einzelheiten der eigenen Familie nachgebildet ist. 1842 erwarb der Großvater von Heinrich und Thomas Mann das Haus, und lange Jahre befand sich der Sitz der Firma Mann hier. Thomas und Heinrich Mann gingen hier in der Jugend ein und aus - etwa um ihre Großmutter zu besuchen. 1892, nach dem Tod von Thomas Manns Vater und dem Verkauf der Firma, ging das Anwesen für kurze Zeit in den Besitz der Stadt Lübeck über. Danach gab es wechselhafte Nutzungen, vom Lotteriebüro bis hin zum Friseurgeschäft. 1942 dann das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Hauses: Bei einem Angriff britischer Bomber auf Lübeck wird auch die Mengstraße 4 getroffen. Wie durch ein Wunder bleiben die berühmte Fassade und der historische Gewölbekeller erhalten.

In diesem Haus befindet sich seit 1993 das "Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum", das in einer ständigen Ausstellung Leben und Werk der beiden Brüder aus Lübeck vielen hunderttausend Menschen präsentiert hat. Zum 6. Juni 2000, dem 125. Geburtstag Thomas Manns, ist das Haus grundlegend umgebaut worden. Zwei neue Ausstellungen, ein Museumsshop mit Buchhandlung, ein neuer Veranstaltungsraum sowie erweiterte Archiv- und Bibliotheksräume stehen den Besuchern nun zur Verfügung.

Träger des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums im Buddenbrookhaus und seit dem 20. Oktober letzten Jahres auch des Günter Grass-Hauses ist die Kulturstiftung Hansestadt Lübeck. Sie betreibt beide Häuser als Forschungs- und Gedenkstätten, und ihr wesentliches Anliegen ist die Verknüpfung einer auf die große Öffentlichkeit ausgerichteten Ausstellungs- und Veranstaltungstätigkeit mit einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Arbeit in beiden Häusern. Wie wird dieses umgesetzt?

1922 eröffnete im Beisein Thomas Manns die Buddenbrook-Buchhandlung im Haus in der Mengstraße. An diese Buchhandlung soll jetzt in modernem Ambiente wieder angeknüpft werden. Neben dem Gästebuch der Vorgängerbuchhandlung - natürlich mit dem ersten Eintrag von Thomas Mann - sind sämtliche Werke der Familie Mann direkt erhältlich. Diesen Service bietet deutschlandweit nur das Buddenbrookhaus. Aber nicht nur Literarisches, sondern auch exklusive Artikel rund um die Familie Mann befinden sich im reichhaltigen Angebot. Und ganz wichtig: Es gibt eine Leseecke, wo man in Ruhe alle Bücher anlesen kann, und es besteht ebenfalls die Möglichkeit, eine audiovisuelle Kostprobe zu hören. Anschließend gelangt der Besucher in die erste der beiden neuen Dauerausstellungen: "Die Manns - eine Schriftstellerfamilie".

Hier werden, neben Thomas und Heinrich Mann, auch die anderen Familienmitglieder (etwa Klaus, Erika und Golo Mann) sowie die Rezeptionsgeschichte vor allem unter biografischen Gesichtspunkten präsentiert. Anhand von umfangreichem Bildmaterial, in die Ausstellung integrierten Lesebüchern und filmischen Dokumentationen können die Ursprünge der Familie, der Aufbruch der Brüder Heinrich und Thomas Mann und ihre Entscheidung für die Literatur nachvollzogen werden. Im Zentrum stehen ihre gegensätzlichen Lebenswege sowie ihr gemeinsames "Leiden an Deutschland", das die ganze Familie mit einbezieht. Die Stationen "Abschiede" und "Spuren"
verfolgen den Freitod Klaus Manns und Heinrich Manns Tod sowie Thomas Manns Rückkehr nach Europa und die Geschichte der Nachkommen der Familie. In der Ausstellung befindet sich eine Sitzinsel, die dazu anregt, in die Literatur der einzelnen Familienmitglieder "hineinzulesen" und sich die unterschiedlichen Stimmen auf teilweise unbekannten Tondokumenten anzuhören.

Am Veranstaltungsraum vorbei gelangt man in die Bel Etage, wo sich die zweite Dauerausstellung befindet: "Die ,Buddenbrooks' - ein Jahrhundertroman".

Buddenbrookhaus, Bel Etage: Landschaftszimmer, Foto: Kulturstiftung Hansestadt Lübeck Dabei ist in zwei am authentischen Ort liegenden Räumlichkeiten - dem "Götterzimmer" und dem "Landschaftszimmer", wo zentrale Szenen des Romans spielen - eine literarische Inszenierung zu erleben. Ziel ist dabei nicht die Rekonstruktion der historischen Räumlichkeiten, sondern die Veranschaulichung ihrer literarischen Verwandlung im Roman. So sind Möbel, Tapeten und weitere Einrichtungsgegenstände zu sehen, wie der Roman sie an diesem Ort beschreibt. "Buddenbrooks" kehren an den Hauptschauplatz ihrer Handlung zurück, in das Haus in der Mengstraße.

Neben den Räumen, die den Roman sinnlich erlebbar machen sollen, gibt es weitere Ausstellungsbereiche: Der Bereich "Romanentstehung" widmet sich der Buchgeschichte des Romans sowie der persönlichen Situation Thomas Manns zu der Zeit, als er den Roman zu schreiben begann, der ihn weltbekannt machen sollte und ihm 1929 den Li teratur-Nobelpreis einbrachte. 215 Personen portraitierte Thomas Mann in "Buddenbrooks"; einige ihrer Vorbilder und ihre Umsetzung in Literatur kann man in der neuen Ausstellung entdecken. Neben dem Hauptschauplatz des Romans in der Lübecker Mengstraße bezieht die Ausstellung auch die Handlung zwischen Petersburg, Lübeck und Valparaiso mit ein.

Die Abteilung "Weiterdichtungen des Romans" umfasst Übersetzungen und Hörspiele, Theaterinszenierungen und Musik, aber auch Kurioses, wie das höchst eigenständige Fortschreiben des Romans durch die Familie Mann in fingierten Briefen und Familiensagas. Die filmischen Adaptionen des Romans aus den Jahren 1923, 1959 und 1979 werden in ausgewählten Szenen einander gegenübergestellt.

500 qm Ausstellungsfläche für die Literatur, 800 Exponate unterschiedlichster Prägung in zwei Ausstellungen - Bücher, Manuskripte, Briefe, Fotos, Modelle und Möbelstücke; aber auch Hörinseln, Fernsehbildschirme und Computer - sie alle haben ein Ziel: Sie wollen nicht museal belehren, sondern Vergnügen bereiten, große Literatur zum Erlebnis werden lassen. Sie wollen aber auch zum Lesen anregen - denn das Lesen ersetzen kann keine Ausstellung.

In diesem Jahr wird das Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum 10 Jahre alt. Aus diesem Anlass sind vier große Ausstellungsprojekte geplant:
"Sich fügen heißt lügen" - eine Erich Mühsam-Ausstellung (bis 25. Mai); "Marcel Reich-Ranicki - Meine Bilder" (22. Juni bis 10. August); "100 Jahre Tonio Kröger" (17. August bis 12. Oktober) und "Heinrich und Thomas Mann im Spiegel der Karikatur" (19. Oktober 2003 bis 10. Januar 2004).

Dies ist freilich nur die Präsentation nach außen, die jährlich von ca. 60.000 Besuchern aus aller Welt wahrgenommen wird. Daneben findet eine kontinuierliche Forschungsarbeit statt, deren Ergebnisse sich in einer Vielzahl von Katalogen und wissenschaftlichen Publikationen niederschlagen. So ist gerade ein Band "Dichter und ihre Häuser" zu einer Tagung im Buddenbrookhaus erschienen; im Mai wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medizin und Wissenschaftsgeschichte der Universität Lübeck ein Tagungsband über "Die Wissenschaften auf dem Zauberberg" herausgegeben und im Juni erscheint der gemeinsam mit dem Thomas-Mann-Archiv in Zürich erarbeitete Band "Thomas und Heinrich Mann im Spiegel der Karikatur".

 

Das Günter Grass-Haus / Forum für Literatur und bildende Kunst

Idee und Konzept sind ungewöhnlich: ein Haus für eine der bekanntesten lebenden Doppelbegabungen und den grenzüberschreitenden Dialog zwischen den Künsten. Ein Forum für die Begegnung von Literatur und bildender Kunst, eine Ausstellungs- und Forschungsstätte für künstlerische Mehrfachbegabungen, die Bild- und Wortkunst zusammenbringt, ist neu. Durch das Günter Grass-Haus wird Lübeck zum einzigen Ort in Deutschland, der sowohl das Werk von zwei deutschen Literaturnobelpreisträgern ausstellt als auch der Darstellung von künstlerischen Mehrfachbegabungen eine Bühne gibt. Zudem bietet sich durch die Verbindung beider Häuser eine einmalige Gelegenheit zu einem Spaziergang durch die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts im Herzen der Lübecker Altstadt.

Das Grass-Haus in Lübeck, Foto: Kulturstiftung Hansestadt Lübeck Kein anderes Gesamtwerk eines deutschen Schriftstellers und Bildkünstlers der Gegenwart symbolisiert besser die Grenzüberschreitung der künstlerischen Ausdrucksformen als das von Günter Grass. Geboren 1927 in Danzig, begann er seine Laufbahn als Praktikant in einem Steinmetzbetrieb und studierte acht Jahre Bildhauerei und Grafik an der Kunstakademie Düsseldorf und der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Parallel entstanden Gedichte und erste Theaterstücke. 1959 folgte der Roman "Die Blechtrommel", der erste Welterfolg der deutschen Nachkriegsliteratur. In mehr als fünfzig Jahren ist bis heute ein vielschichtiges Œuvre gewachsen, das die Mehrfachbegabung von Günter Grass widerspiegelt.

Im ersten Teil der Ausstellung im Erdgeschoss des neuen Ausstellungshauses mit einer Fläche von 220 qm erhält der Besucher am Beispiel der jüngsten Novelle "Im Krebsgang" Einblick in Grass' literarische Werkstatt und lernt den rhythmischen Wechsel der künstlerischen Ausdrucksformen kennen. Drei grafische Zyklen, die im Zusammenhang mit dem Roman "Der Butt" entstanden, veranschaulichen die Verbindung von Schrift und Bild, das Bildhafte seiner Sprache und den Erzählansatz seiner Bildkunst.

Der zweite Teil der Ausstellung im Obergeschoss gibt einen Überblick über das literarische und bildkünstlerische Werk aus fünf Jahrzehnten in zeitlichen und thematischen Blöcken. Es wird der Bogen von den frühen Gedichten und Zeichnungen über die Danziger Trilogie bis zu "Ein weites Feld" und "Mein Jahrhundert" gespannt.

Günter Grass "Der Butt", Buchcover Mit der ersten Ausstellung stellt das Günter Grass-Haus der Öffentlichkeit auch Objekte aus seiner Sammlung vor: Manuskripte, Bildwerke und Plastiken. Die Sammlung umfasst den literarischen Vorlass nach 1995, eine Auswahl aus dem bildkünstlerischen Œuvre und den gesamten druckgrafischen Bestand. Sie bildet die Grundlage der künftigen Ausstellungs- und Forschungsarbeit. Es gibt eine Dauerausstellung und wechselnde Sonderausstellungen. Das Haus wendet sich an eine breite Öffentlichkeit ebenso wie an Wissenschaftler, die es zu Forschungszwecken nutzen möchten. Zudem bezieht das Günter Grass-Haus in seine Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit andere Künstlerinnen und Künstler ein, deren Werk ebenfalls eine Mehrfachbegabung kennzeichnet.

Das Haus umfasst neben einer Forschungsbibliothek ein Archiv und einen Buch- und Kunstladen, in dem unter anderem Literatur und Kunst von Grass käuflich erworben werden kann. Ein Skulpturengarten beherbergt ausgewählte Beispiele des bildhauerischen Schaffens von Günter Grass.

Auch im Günter Grass-Haus erscheinen regelmäßig wissenschaftliche Publikationen. So ist zur Eröffnung unter dem Titel "Wortbilder und Wechseljahre" ein die Idee des Hauses präsentierender Band erarbeitet worden.

 

Hans Wißkirchen

Dr. Hans Wißkirchen ist Leiter der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck

 


AsKI KULTURBERICHTE 1/2003

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