Nach der Flut: Deutsches Hygiene-Museum Dresden

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Im Zusammenhang mit der Hochwasserkatastrophe im August 2002 wurde auch das Deutsche Hygiene-Museum, seit dem Jahr 2000 AsKI-Mitglied, schwer geschädigt.

 

Das gesamte Kellergeschoss wurde von den eindringenden Wassermassen geflutet, die Infrastruktur des Museums weitestgehend zerstört. Im Gebäude befindliches Sammlungs- und Archivgut konnte jedoch von den Mitarbeitern des Hauses und vielen freiwilligen Helfern gerettet werden.

 

Zum Schadenshergang

In einer dramatischen Evakuierungsaktion in der Nacht vom 12. auf den 13. August konnten fast alle im Deutschen Hygiene-Museum befindlichen Exponate der Sammlung - darunter eine historische "Gläserne Frau" (Baujahr 1936) - und Teile des Archivs in letzter Sekunde in Sicherheit gebracht werden.

Wassereinbruch in den Kellern, Depots und Archivräumen des Deutschen Hygiene-Museums, © Foto: Stiftung Deutsches-Hygiene-Museum Dresden

Freiwillige Helfer, Mitarbeiter des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst sowie Bundeswehrsoldaten räumten in den folgenden Tagen vorsorglich das ebenfalls hochwasserbedrohte Depotgebäude in Radebeul, in dem sich der größte Teil der musealen Sammlungen befand. Fachkollegen und Freunde des Hauses bekundeten weltweit ihre Solidarität mit dem Deutschen Hygiene-Museum. Ein spontaner Besuch von Staatsminister Dr. Matthias Rößler unterstrich, dass die Sorgen der Museumsleitung auch im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sehr ernst genommen werden.

 

Vorläufige Schadensbilanz

Die vorläufige Schadensbilanz beläuft sich auf rund 1 Million €. Besonders schwer getroffen war der Bereich Klimatechnik, EDV und Stromversorgung, in dem es zu Totalausfällen kam. Erhebliche Mittel mussten für die akute Schadenseindämmung aufgewendet werden, für den Betrieb der Notstromaggregate, der Pumpen und der Entfeuchtungsgeräte sowie für Reparatur- und Instandsetzungsmaßnahmen. Gravierende Einnahmeausfälle sind zu verkraften.

 

Auswirkungen auf den Besucherverkehr

Ziel der Museumsleitung war es von Beginn an, das Deutsche Hygiene-Museum so schnell wie möglich wieder für die Besucher zu öffnen. Schon am 20. August 2002 war das Museum provisorisch wieder zugänglich.

Die Klimaanlage des Marta-Fraenkel-Saals wurde komplett zerstört. Wert: 300.000 €, © Foto: Stiftung Deutsches-Hygiene-Museum Dresden

Der Notbetrieb der Serviceeinrichtungen und der Dauerausstellungsräume wurde durch ein Dieselaggregat gesichert. Heizungs- und Klimatechnik standen längere Zeit im gesamten Gebäude nicht zur Verfügung. Kurzfristige Störungen des geordneten Ausstellungsbetriebs konnten in den darauf folgenden Wochen nicht vermieden werden.
Der Eröffnungstermin der Sonderausstellung "Mensch und Tier. Eine paradoxe Beziehung" musste von Anfang auf Ende November 2002 verschoben werden.

 

Schadensursachen

Nach einer eingehenden Analyse des Schadensverlaufs war nicht das sich abzeichnende Hochwasser der Elbe mit seinem Höchststand am 17. August maßgeblich für die Überflutung des Deutschen Hygiene-Museums; die Kellerräume wurden vielmehr bereits in der ersten Phase der Katastrophe am 12. und 13. August geflutet, nachdem Oberflächen- und vor allem Kanalisationswasser unaufhaltsam eindrang. Ursache hierfür waren die enormen Regenfälle, der Rückstau des unterirdisch geführten Kaitzbaches sowie die Wassermassen der über die Ufer getretenen Weißeritz.

 

Konsequenzen für die Unterbringung der Sammlung

Die mittel- und langfristige Aufbewahrung der musealen Sammlungen des Deutschen Hygiene-Museums ist völlig ungewiss.

Warenlager des Deutschen Hygiene-Museums, © Foto: Stiftung Deutsches-Hygiene-Museum Dresden

Vorgesehen war, die in Radebeul angemietete Depotfläche, in der sich vor der Flut ca. 90 Prozent der Sammlungen befanden, mit Abschluss der Generalsanierung aufzugeben und den gesamten Sammlungsbestand in drei Depoträumen im Gebäude am Lingnerplatz unterzubringen. Jedoch haben sich die ernsten Bedenken von Direktor Klaus Vogel und externen Fachleuten gegen die Einrichtung von Sammlungsdepots in gefährdeten Kellerbereichen durch die Überflutung auf traurige Weise bewahrheitet. Die Museumsleitung hat deswegen mit den zuständigen Behörden Gespräche geführt, um zu einer einvernehmlichen Lösung zu gelangen.

 

Wenn Sie das Deutsche Hygiene-Museum Dresden bei der Beseitigung der Flutschäden durch eine Spende unterstützen möchten, bitten wir Sie um Überweisung auf eines der folgenden Konten:
3 11 58 01, Hypovereinsbank (BLZ 850 200 86)
1 52 00 10 60, Stadtspark. Dresden (BLZ 850 55142).
Eine Spendenbescheinigung geht Ihnen unaufgefordert zu.

 

Chronologie der Ereignisse

Montag, 12.08.02
Ganztägig wolkenbruchartige Regenfälle. Nachmittags rauschende Sturzfluten vom Erdgeschoss in den Keller. Feuerwehr-Einsatz. Das bodytravel-Schiff liegt wegen Hochwasser der Elbe in Riesa vor Anker und kann nicht nach Dresden weiterfahren. Für die ausgefallene Eröffnung wird für Dienstagabend ersatzweise eine Abendveranstaltung im Marta-Fraenkel-Saal geplant.

Am Nachmittag Entscheidung: Räumung der gesamten im Haus vorhandenen Sammlungsbestände aus den Kellerräumen in den Marta-Fraenkel-Saal im Kopfbau Süd. Teile der Ausstattung des Serverraumes konnten durch den Einsatz von Mitarbeitern und Freiwilligen gerettet werden. Der neue Transformatorenraum läuft voll. Zwei Anrufe beim Energieversorger bleiben ohne Ergebnis. Gegen 18.15 Uhr Zusammenbruch der Stromversorgung wegen der Zerstörung der neuen Trafostation durch Wassereinbruch. Telefonausfall. Totalausfall der Energieversorgung, Aufzug blockiert.

Die Evakuierung des Sammlungsdepots läuft in Dunkelheit und bei steigendem Wasserstand weiter. Beleuchtung notdürftig durch Taschenlampen. Nur ein Treppenhaus steht für den Transport zur Verfügung. Vier große Pumpenschläuche behindern den Zugang. Teilweise wiegen die Gipsformen bis zu 150 kg.

Nach Mitternacht (vorläufige) Sicherung fast aller Bestände im Marta-Fraenkel-Saal, darunter auch die "Gläserne Frau" von 1936.

Dienstag, 13.08.02
Ganztägig starker Regen. Die Straßen um das Museum zunächst wieder wasserfrei, das Museum ist noch trockenen Fußes zu erreichen. Die Mobiltelefonnetze sind überlastet, die Kommunikation mit Behörden und Hilfskräften ist stark eingeschränkt. Trotzdem gelingt es, zahlreiche Einladungen für den Abend zu stornieren. Alle Veranstaltungen werden abgesagt. Die Ausstellung bleibt geschlossen. Die Archivbestände werden vor dem einströmenden Wasser in die oberen Etagen in Sicherheit gebracht. Um die Mittagszeit droht eine Schließung der Elbbrücken. Alle Mitarbeiter, die auf der anderen Elbseite wohnen, werden nach Hause geschickt. Der öffentliche Nahverkehr ist stark behindert. Das Verkehrschaos auf den Straßen nimmt zu.

Die Wassermassen aus dem Kaitzbach überfluten den Museumsgarten und die Rasenflächen im weiten Umkreis des Museums. Das Wasser steht ca. 40 cm hoch auf den Straßen vor dem Hauptgebäude. Im Kopfbau Nord sind die Keller einschließlich des Museumsdepots 2 und des Traforaums bis zur Decke geflutet. Im Kopfbau Süd wird zunächst versucht, das Wasser aus den Kellern zu pumpen. Das Wasser steigt jedoch innerhalb einer halben Stunde um 50 cm. Die verbliebenen Mitarbeiter beginnen abermals, Teile der Sammlung aus dem Marta-Fraenkel-Saal in die obere Etage zu räumen, darunter die gesamte Technik aus den Seminarräumen, die Kisten der vorläufig eingelagerten Senatsbibliothek und die Kita-Sammlung. Eines der Hauptexponate, die "Gläserne Frau", kann ebenfalls vor dem Wasser gerettet werden. Auch das Katalogdepot des Museumsshops wird ausgeräumt und in Sicherheit gebracht. Am späten Nachmittag bringen Lastwagen 1.000 Sandsäcke. Die Feuerwehr errichtet Sandsackbarrikaden.

Mittwoch, 14.08.02
Trübes Sommerwetter und ansteigende Temperaturen. Das Wasser hat sich von den Straßen zurückgezogen, die Rasenflächen bleiben überschwemmt. Es werden ca. 1 Meter hohe Sandsackbarrikaden vor den Eingängen im Kopfbau Nord und Süd, in den Treppenhäusern sowie den Gängen im Verwaltungsgebäude errichtet. Es gibt keinen Strom, das Telefon funktioniert teilweise über ein kleines Notstromaggregat. Früh Baubesprechung. Um 10 Uhr Mitarbeiterversammlung im Marta-Fraenkel-Saal mit erster Schadensübersicht und Verteilung der Einsatzkräfte. Zahlreiche Mitarbeiter bleiben zu Hause und sichern ihr persönliches Eigentum.

Donnerstag, 15.08.02
Heißes Sommerwetter. Weiter bedrohlich ansteigende Pegelstände der Elbe. Permanente Bedrohung der Elbbrücken durch mitgerissene Gegenstände im Fluss. Die Hauptverkehrsverbindungen vor dem Museum sind gesperrt. Der Straßenverkehr kommt zum Erliegen. Weiterhin im Museumsgebäude keine Stromversorgung. Das Telefon funktioniert nur vormittags über Notstromaggregate. Früh Baubesprechung. Erste Aufräumarbeiten in den Bereichen Graphik und Tischlerei und Sicherungsmaßnahmen der Sammlung im Kopfbau Süd. Alle Pumpen laufen mit voller Kraft.

Alarmmeldung durch Feuerwehr, Polizei und Krisenstab im Rathaus Radebeul. Elbepegel kann die Bestände des Museums im Souterrain bedrohen. Beginn der Rettungsmaßnahmen in den Depots in Radebeul.

Freitag, 16.08.02
Kein Strom. Die Telefonanlage funktioniert teilweise über Notstrom. Früh Baubesprechung. Im gesamten Haus große Aufräumaktion in den Werkstätten durch Mitarbeiter des Museums. Wegen der hohen Außentemperatur müssen die verschmutzten Räume feucht gehalten werden, um eine spätere Reinigung zu ermöglichen.

Erneute Warnmeldungen für das Depot Radebeul. Information des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst (SMWK): Bei steigendem Pegelstand (über 9 Meter am späten Vormittag, erwartet werden 9.40 Meter bis zum Abend) Sicherung des gesamten umfangreichen Sammlungsbestands im Depot in Radebeul bis 22 Uhr durch Mitarbeiter des Hauses. Dabei maßgebliche Unterstützung durch Soldaten der Bundeswehr (OSH) und Mitarbeiter des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Samstag/Sonntag 17.08. und 18.08.02
Notdienst rund um die Uhr zur Beobachtung der Schäden an Gebäude und Einrichtung.

Montag, 19.08.02
Die Pumpen arbeiten nicht mehr im Dauerbetrieb. Immer noch Gefahr durch ansteigenden Grundwasserpegel. Die Energieversorgung durch größere Notstromaggregate ist gesichert, jedoch nur für den Verwaltungsbereich im Kopfbau Nord. Der Kopfbau Süd ist weiterhin ohne Strom. Durchführung der notwendigen Reinigungsarbeiten in den Kellerräumen durch Mitarbeiter und externe Hilfskräfte. Sicherung von Archivgut. Begutachtung des Schadens an Einrichtungsgegenständen.

Dienstag, 20.08.02
Das Deutsche Hygiene-Museum ist wieder für den Besucherverkehr geöffnet. Ein leistungsstarkes Dieselaggregat sorgt für die notwendige Stromversorgung.

 

 


 

Aktuelle Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden:

Mensch und Tier. Eine paradoxe Beziehung
Konzeption und Projektleitung: Jasdan Joerges (bis 10. August 2003). Ein Begleitbuch ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet im Museums-Shop 19,80 €.

Tiere sind zentraler Bestandteil der menschlichen Kultur und Zivilisation. Doch die Frage nach dem Umgang mit unseren Mitgeschöpfen stellt sich heute drängender denn je. Eine neue Ethik für das "Tier der Zukunft" scheint geboren.

Die moderne Biologie lässt die Grenzen zwischen Mensch und Tier zunehmend verschwimmen: Selbst die Gene teilt der Mensch zu 98% mit dem Schimpansen. Was aber genau macht das Trennende aus? Wird sich der Mensch in Zukunft etwa durch seine genetische Neuschöpfung endgültig vom Tierreich lösen?

Überraschend und teilweise skurril gestaltet sich die Auswahl der Exponate dieser Ausstellung: Tierpräparate, kulturgeschichtliche Objekte und wertvolle historische Kunstwerke stehen neben Alltagsgegenständen, Fotos, Filmen, wissenschaftlichen Exponaten und zeitgenössischen Kunstinstallationen.

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2002

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