"Komm-rein", "Mach-mit", "Also-gut" - Zur Konzeption des Museums für Kommunikation Berlin

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Museen sind Orte, in der wir der Geschichte begegnen. Das ist auch die Erwartung, wenn Besucher und Besucherinnen das geschichtsträchtige Gebäude des 1898 eröffneten, ältesten Postmuseums der Welt betreten.

 

Doch welche Überraschung: Drei Roboter bewegen sich durch den prächtigen Lichthof, erzählen die Geschichte des Hauses, fordern auf zum Spiel und begrüßen Sie: "Schön, dass Sie gekommen sind!"

Sonderpostwertzeichen: Museum für Kommunikation Berlin, Erstausgabe 08.08.2002, © MfK Berlin "Komm-rein", "Mach-mit" und "Also-gut" sind drei kommunikative Typen, die dem Publikum sofort klarmachen: Hier wird die Geschichte umgedreht. Hier geht es um Gegenwart und Zukunft und nicht nur um Vergangenheit. Hier geht es um moderne Kommunikationsgeschichte und nicht nur um traditionelle Postgeschichte.

Mit neuem Namen und neuem Programm wurde das Museum für Kommunikation Berlin am 17. März 2000 wieder eröffnet. In der Auseinandersetzung mit einem wilhelminischen Prachtbau, einer 130-jährigen Sammlungsgeschichte, einem technisch und nostalgisch orientierten Selbstverständnis entstand mit dem Anspruch einer zeitgemäßen, modernen Gestaltung und der Erwartung, neue Besucherkreise zu erschließen, eine völlig neue Konzeption.

Ausgangspunkt der konzeptionellen Überlegungen war, dass Kommunikation ein Schlüsselbegriff der Gegenwart und Zukunft ist. Der Einsatz elektronischer Kommunikationsmittel hat alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert - und mit diesem Wandel auch die Kommunikationskultur.
Der postgeschichtliche Kanon musste erweitert, neue Themen erarbeitet werden: nicht mehr das Schreibgerät, sondern das Schreiben von Briefen, nicht mehr das Telefon, sondern das Telefonieren, nicht die neuen Medien, sondern die veränderten Lebens-, Arbeits- und Kommunikationsbedingungen durch die neuen Medien waren zu thematisieren.

Museum für Kommunikation Berlin Der Lichthof, © MfK Berlin Eine weitere Überlegung war, dass ein Museum für Kommunikation auch ein Museum der Kommunikation sein musste, d. h. ein Forum für die Geschichte und Zukunft der Kommunikation und ein Ort, der Kommunikation stiftet, ein Ort, an dem man sich begegnet, austauscht und vergnügt.
Der zentrale Lichthof ist architektonischer und inhaltlicher Schlüsselraum. Von hier erschließt sich das ganze Haus über die Galerien - und von den Galerien aus ist er Orientierungsraum, in dem man sich immer wieder verortet. In ihn treten Besucher und Besucherinnen wie in einen dreidimensionalen Bildschirm: Blaue Neonschriften, die schon außen über dem Portal die Aufmerksamkeit erwecken, heben sich - gesetzten Links gleich - deutlich als moderne Botschaft vom historischen Bau ab. Es sind assoziative Begriffe, die als ein nicht chronologisch geordnetes Leitsystem auf die dahinterliegenden Ausstellungsbereiche verweisen und vermitteln, dass Kommunikation zuallererst Sprache ist, die sich gerade durch die neuen Medien ständig verändert.

Verändert hat sich auch der Umgang mit Raum und Zeit und damit der Blick auf die Geschichte: Die Chronologie traditioneller Geschichtsdarstellung wurde deshalb aufgegeben; nicht eine lineare Darstellung von der Vergangenheit in die Gegenwart bis zur Zukunft, sondern das Spannungsverhältnis von Gegenwartsthemen zu Vergangenheit und Zukunft macht den konzeptionellen Neuansatz aus.

Dementsprechend befinden sich in den Galerien des 1. und 2. Obergeschosses thematisch orientierte Ausstellungseinheiten, die die Veränderungen des gesamten Lebens durch die Medien reflektieren.

Sie gehen aus von sechs zentralen Fragestellungen:

  • Wie haben die Medien die Wahrnehmung von Raum und Zeit verändert?
  • Welche Folgen hat die Beschleunigung im Waren-, Personen- und Datenverkehr?
  • Wie werden Nachrichten und Daten geschützt?
  • Mit welchen Medien präsentieren sich Institutionen und Nationen?
  • Wie haben die Medien den Krieg und seine Wahrnehmung verändert?
  • Welche Rolle spielen die Massenmedien in unserer Gesellschaft?


Den Galerien vorgelagert sind Räume, die die 130-jährige Sammlungsgeschichte in einzelnen Exponatgruppen dokumentieren. Das breite Angebot von Exponaten knüpft an die auf den Galerien angespielten Fragen und Themen an und hat die technische Entwicklung der Medien zum Schwerpunkt. Auf diese Weise ergänzen sich Galerien und Sammlungssäle: hier aktuell, kulturgeschichtlich und interaktiv, dort traditionell, technikgeschichtlich und kontemplativ.

Museum für Kommunikation Berlin, Sammlungssaal, © MfK Berlin Im Zwischen-Raum von Galerien und Sammlungssälen - im Festsaal mit seiner Öffnung zum Lichthof - nimmt eine Postkutsche den Dialog der Räume auf. Von Stefan Sous in Form einer Explosionszeichnung aufgehängt, ist sie Symbol für den Prozess der Beschleunigung des Verkehrs. Auf diese Weise wird die Erfahrung von Geschwindigkeit als künstlerischer Reflexion der Auflösung des Gegenstandes in der Moderne, aber auch das Verfahren der Rekonstruktion von Geschichte als Puzzle von Fragmenten sinnfällig. Als zerlegtes Ganzes zeigt sie, wie die Einzelteile miteinander kommunizieren - der alltäglichen Funktion enthoben, wird sie zum Objekt der Anschauung und Reflexion.

Die Schatzkammer im Untergeschoss zeigt einzelne Raritäten: die älteste Postkarte der Welt, den ersten Telefonapparat von Reis, die Blaue Mauritius, aber auch ein Fadentelefon von Josef Beuys. Hier geht es aber nur vordergründig um Wertvolles im Sinne von kostbar, berühmt oder einmalig. Vielmehr soll deutlich werden, durch welche Besetzungen und Zuschreibungen Dinge wertvoll geworden sind. Sie sind Symbole des technischen Fortschritts, Dokumente biografischer Selbstvergewisserung und Sammelleidenschaft, Zeugnisse der Kunst- und Design-Geschichte - und eben auch der Postgeschichte.

Im Gegensatz zur Ausstellung in den Sammlungssälen, in denen das massenhaft hergestellte technische Kulturgut auch immer in Exponatgruppen präsentiert wird, sind die Objekte in der Schatzkammer als Einzelobjekte in wertvoller und kostbarer Ausstattung ausgestellt. Beim Herantreten leuchtet das Objekt auf, und es wird eine Geschichte erzählt - ein theatralischer Akt des Erschließens des Wert- und Geheimnisvollen.

Berliner Luft-Post, Installation von Stefan Sous im Museum für Kommunikation Berlin, © MfK Berlin "Wunderbare Werbewelten", "Ein offenes Geheimnis. Post- und Telefonkontrolle in der DDR" (bis 19. Januar 2003 auch im Museum für Kommunikation Frankfurt am Main, danach von März bis Juli 2003 im Museum für Kommunikation Hamburg), "Botschaft der Dinge", "Biokommunikation" - dies alles sind Themen von gezeigten und geplanten Wechselausstellungen, die das breite Spektrum visueller, politischer, sozialer, interkultureller oder auch ,tierischer' Kommunikation spiegeln und zur Diskussion stellen. Aber auch die Computer- und Kommunikationsgalerie mit ihren museumspädagogischen Angeboten zum spielerischen Erwerb kommunikativer Kompetenzen, Veranstaltungsreihen mit Vorträgen, Tagungen, Filmen, Lesungen und Konzerten bis hin zu Abendveranstaltungen vom "get together" bis zum "gesetzten Essen" machen das Museum zu einem Ort für Kommunikation auch im unterhaltsamen Sinne.

In den "Kulturberichten 2/02" wurde die Museumsstiftung Post und Telekommunikation als neues Mitglied des AsKI in einem Überblick vorgestellt. In den folgenden Ausgaben präsentieren die einzelnen Häuser der Stiftung - neben Berlin: Frankfurt/Main, Hamburg und Nürnberg - ausführlich ihre jeweiligen Schwerpunkte.

 

Joachim Kallinich

Prof. Dr. Joachim Kallinich ist Direktor des Museums für Kommunikation Berlin

 

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2002

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