Kafkas Fabriken - Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum, Marbach

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Franz Kafka gehört zu jenen Schriftstellern, deren nicht ganz einfach zu verstehendes Werk man gern vor einem Lebenshintergrund zu begreifen versucht.

 

Kafkas Konflikt mit dem Vater, die Angst vor der engen Bindung an Frauen, die Vorherrschaft des Unbewussten - solche Aussagen ziehen sich leitmotivisch durch die zahlreiche Sekundärliteratur zu Franz Kafka.

 

Zementfabrik in Podol bei Prag, um 1900, © Archiv Klaus Wagenbach, Berlin Nüchtern besehen dienen sie dazu, den eigentümlichen Stil von Kafkas Texten und deren befremdliche Geschichten psychologisch zu erklären, jene Eigentümlichkeiten, die diese Texte den Träumen so vergleichbar machen: die abgehakt-atemlosen, zugleich lakonisch formulierten Satzgefüge etwa, die vermeintlich ins abstruse Nirgendwo laufenden Handlungen, die unter Zwang agierenden, sich auf geheimnisvoll-duldsame Weise opfernden Figuren oder auch die immer wieder auftauchenden Sprachbilder, die in ihrem jeweiligen Kontext ganz unterschiedliche Assoziationen evozieren.

Innenansicht der Teppichfabrik Ginzkey in Maffersdorf, 1898, © Archiv Klaus Wagenbach, Berlin Wer Kafkas Erzählungen und Romane liest und sie in klare Begriffe zu übersetzen versucht, scheitert an deren Sperrigkeit und - so könnte man sagen - ihrer ,Schrägheit', ihrer eindeutigen Vieldeutigkeit. Das latent knirschende Getriebe dieser Texte verdankt sich einer Machart, die Kafka selbst in anderem Zusammenhang 1913 so beschreibt: "Dieser Flaschenzug im Innern. Ein Häkchen rückt vorwärts, irgendwo im Verborgenen, man weiß es kaum im ersten Augenblick, und schon ist der ganze Apparat in Bewegung.

Einer unfassbaren Macht unterworfen, so wie die Uhr der Zeit unterworfen scheint, knackt es hier und dort und alle Ketten rasseln eine nach der andern ihr vorgeschriebenes Stück herab." - Technische Bilder, mechanische Welt: Kafka, Klassiker der Moderne, lauschte der Klangwelt der ersten Flugzeugpioniere ebenso wie einem Grammophon mit Enrico Carusos erster Schallplatteneinspielung der "Aida". Er benutzte Telefon, Schreibmaschine und Diktiergerät, griff zur Kamera und fuhr Motorrad. "Vor einiger Zeit stand auf einem Korridor, über den ich immer zu meinem Schreibmaschinisten gehe, eine Bahre, auf der Akten und Drucksorten transportiert werden, und immer wenn ich an ihr vorübergieng, schien sie mir vor allem für mich geeignet und auf mich zu warten."

Blick in den Maschinensaal einer Appreturfabrik, © Archiv Klaus Wagenbach, Berlin In der Ausstellung "Kafkas Fabriken" beleuchtet das Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar eine Facette von Kafkas Leben, die einen ungewohnten, sachlichen Blick auf bekannte Texte wie die "Strafkolonie", den "Prozeß", den "Verschollenen", das "Urteil" oder die "Verwandlung" eröffnet und sie im besten Fall neu lesen lehrt. 14 Jahre lang, von 1908 bis zu seiner Pensionierung 1922, war Franz Kafka als Beamter in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag" tätig. Was er in dieser Eigenschaft gemacht, gesehen, in Händen gehalten haben könnte, wie die Welt seiner Fabriken ausgesehen hat, ist knapp hundert Jahre später kaum mehr vorstellbar. Die Ausstellung folgt Kafkas Arbeitswegen, seinen Reisen in die großen Steinbrüche und Fabriken Nordböhmens, die spezialisiert waren auf die Herstellung von Tuch, Glas und Maschinenbau.

Arbeiter in einer Glasfabrik, 1904, © Archiv Klaus Wagenbach, Berlin "Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen … wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, alles was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppe werfen." Szenen wie diese sind Szenen einer Arbeitswelt, die Kafkas berufliches Leben bestimmt hat. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Tätigkeiten der Fabrikarbeiter in ,Unfallgefahrenklassen' einzuteilen, die häufigen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu begutachten und einzustufen. Er schlug Unfallverhütungsmaßnahmen vor und formulierte die Vorzüge der runden Sicherheitshobelwelle, hörte sich die "bitteren Klagen" der Gablonzer Unternehmer über zu hohe Beiträge ebenso an wie das Lärmen der riesigen Transmissionsriemen, saß nicht nur im elfenbeinernen ,Schloß des Schriftstellers, sondern mühte sich auch - mit Akten und Lohnlisten, im Kontor und auf dem Bürostuhl. Er hat sich bewerben, Karriere machen müssen und schließlich sogar eine eigene Art entwickelt, ,blau' zu machen: "dort im Bureau ist die wahre Hölle, eine andere fürchte ich nicht mehr."

Sicherheitshobelwelle der Maschinenfabrik Bohumil Volesky; Franz Kafka erwähnt diese Welle, die schwere Verletzungen der Finger verhindert, in seinen Unfallfverhütungsmaßregeln bei Holzhobelmaschinen, © Archiv Klaus Wagenbach, Berlin Die Ausstellung "Kafkas Fabriken" wurde von zwei ausgewiesenen Kafka-Kennern erarbeitet, die Wissenschaftlichkeit mit Gespür für Detail und Witz zu verbinden wissen: Klaus Wagenbach, seit 1950 leidenschaftlicher Kafkaforscher und nach eigener Aussage "dienstälteste Kafka-Witwe", und Hans-Gerd Koch, Redaktor der Kritischen Ausgabe. Die Exponate, die sie ausgewählt haben, waren in dieser Konstellation bislang noch nie zusammen zu sehen: Manuskripte aus den umfangreichen Kafkabeständen der Archive in Oxford und Marbach, zahlreiche Leihgaben aus Prag, umfangreiches, bisher nicht zugängliches Material aus dem privaten Archiv von Klaus Wagenbach und eben auch: so kuriose wie rare Fundstücke aus Kafkas Fabriken. Sogar Kafkas Käfer können die Besucher bei genauem Hinschauen entdecken.

Im Rahmen der Ausstellung stellten am 11. Dezember 2002 Hans-Gerd Koch und der Schauspieler und Regisseur Hanns Zischler ihren Film "Ein Besuch bei Kafkas Nichte" vor, den sie 1997 in London mit Marianne Steiner, der letzten lebenden Augenzeugin Kafkas, gedreht haben: "Wenn sie sprach, lebte wie auf leichten Flügeln der Klang, der Ton und Duktus des wasserklaren Prager Deutsch wieder auf." (Zischler)

 

Heike Gfrereis / Dietmar Jaegle

Dr. Heike Gfrereis ist Leiterin der Museumsabteilung des Schiller-Nationalmuseums, Marbach; Dr. Dietmar Jaegle ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schiller-Nationalmuseums, Marbach

 

"Kafkas Fabriken" im Schiller-Nationalmuseum Marbach
(bis 16. Februar 2003)

Zur Ausstellung erscheint das letzte von Friedrich Pfäfflin ausgestattete Marbacher Magazin, die Nummer 100 dieser Reihe, bearb. von Hans-Gerd Koch und Klaus Wagenbach unter Mitarbeit von Klaus Hermsdorf, Peter-Ulrich Lehner und Benno Wagner, mit zahlreichen Abbildungen. Ca. 150 Seiten, 8,15 €.

Weitere Informationen: Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv, Museumsabteilung
Tel. 07144/848-601, Telefax 848-690
Homepage http://www.dla-marbach.de

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2002

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