Germanisches Nationalmuseum: Der frühe Dürer

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Albrecht Dürer, Selbstbildnis als Dreizehnjähriger, 1484, Silberstift auf grundiertem Papier, Albertina, Wien

Albrecht Dürer war der erste deutsche Künstler, der schon zu Lebzeiten europaweites Ansehen genoss. Zum ersten Mal überhaupt widmet sich eine große Ausstellung dem frühen Werk Dürers und den Lebensumständen des jungen Malers, die sein einzigartiges Werk erst möglich machten.

Erstmals wird seine künstlerische Entwicklung in den Kontext der Zeit gestellt, um Dürer aus der Isolation der Genie-Ästhetik zu befreien. Die Ausstellung (24. Mai – 2. September 2012) wird zeigen, was Dürer in Nürnberg und nur hier in besonderer Weise erfahren hat – und was ihn hier zu einem ganz großen Künstler werden ließ. Sie will neugierig auf Dürer machen und zur Neuentdeckung eines nur vermeintlich „Alten“ Meisters und seiner Zeit auffordern. Wohl kein anderer Künstler seiner Zeit konnte sein Leben so bewusst zwischen den Karriere-Möglichkeiten eines Handwerkers und Künstler- Unternehmers, Hofkünstlers oder Buchpublizisten modellieren.

Vier Ausstellungssektionen mit ca. 200 Originalen schlagen den Bogen von Biografie und Umfeld über die Kernphänomene des Frühwerks bis zur Frage nach Dürers Rolle als Archetyp des modernen Künstlers.

Ich und mein „Herkumen“

Dürer hat sich in ungewöhnlich vielen Selbstzeugnissen bildlich und schriftlich geäußert und damit das „Ich“ zum Thema seiner Kunst gemacht. Diese für die Kunstgeschichte einmaligen Ego-Dokumente werden erstmals mit der Selbstentdeckung und Selbstdarstellung der dynamischen städtischen Mittelschicht Nürnbergs in Zusammenhang gebracht, die sich im 15. Jahrhundert immer stärker autobiografisch zu betätigen begann. Gleichermaßen entdeckte und feierte die humanistische Biografik um 1500 den jungen Nürnberger Maler im Kontext des Städtelobes. Die erste Ausstellungssektion interpretiert den frühen Dürer im Vergleich mit diesen zeitgenössischen Individualisierungstendenzen.

„Italienerfahrung“ und „Antikenverehrung“, „Humanistenfreundschaft“ und „Büchermachen“ spielten in den Lebensentwürfen und Alltagspraktiken der Nachbarn von Dürers Familie eine zentrale Rolle. Wie die Ideale dieses Umfelds die Perspektiven des jungen Goldschmiedesohns prägten, macht diese Sektion deutlich. Sie rekonstruiert das nachbarschaftliche Niveau auf Basis jüngster archivalischer Untersuchungen Haus für Haus.

Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, Kupferstich, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg; Leihgabe der Museen der Stadt NürnbergNachmachen und Abmachen

Dürers unmittelbare Vorgängergeneration hatte mit der Etablierung neuer Kriterien für „gute Kunst“ begonnen. Signatur und Datierung markierten erstmals individuelle Autorschaft; neue Bildthemen und künstlerische Ausdrucksweisen forderten den ehrgeizigen Künstler zu eigenen Stellungnahmen heraus. Die Sektion macht anschaulich, woran sich Dürer orientierte, wo er Ambitionen als Neuerer, wo als Optimierer entwickelte. Sie rekonstruiert mittels exemplarischer Exponatfolgen Dürers Auseinandersetzung mit künstlerischen Traditionen, ihre Perfektionierung und Erneuerung auf dem Gebiet der Darstellung des Menschen, der Natur und der Landschaft.

Der Dramatiker

Vor allem in seiner frühen Druckgrafik erweitert Dürer die Möglichkeiten dramatischer Bilderzählung und führt sie weit über die Tradition der deutschen Bildkunst und Buchillustration des Spätmittelalters hinaus.

Dürer sagte von sich selbst, er sei „inwendig voller Figur“ und Kunst müsse „gewaltig“ sein. Diese Sektion zeigt Dürers begnadete Erzähl- und Darstellungskunst und deckt rhetorische Parallelen zwischen seinen Bild- findungen und der Erzähltheorie der zeitge- nössischen Poetik auf. Es wird dokumentiert, welche Neuerungen in der drucktechnischen Praxis seinen Blättern zu ihrer phänomenalen Wirkung verhalfen und wie Dürer sie vermarktete.

Albrecht Dürer, Bildnis von Dürers Mutter Barbara, geb. Holper, um 1490, Nürnberg, Germanisches NationalmuseumNeue Kunst?

Bereits in Dürers frühen Meisterwerken kulminieren technische Perfektion und der Anspruch auf getreue Naturnachahmung. Anhand der vier Kategorien Norm, Perfek- tion, Ambition und Autonomie geht der letzte Ausstellungskomplex der Frage nach, ob Dürer mit seinem Werk den Weg zu un- serem modernen Kunstverständnis ebnete. Neben der Schaffung vorbild- und beispiel- hafter Einzelwerke suchte Dürer früh die Begründung der „Kunst“ in der Theorie und setzte mit seinen systematisch betriebenen Proportionsstudien neue Maßstäbe. Die Ausstellung bewertet erstmals Dürer frühe Zeichnungen und Gemälde als „Exempla“ für sein späteres theoretisches Werk.

Dürer-Labor

Begleitend vermittelt eine eigene Ausstellungseinheit dem Besucher den aktuellen Umgang der Kunstgeschichte mit dem „Forschungsfeld Dürer“:

  • sie erläutert Möglichkeiten und Grenzen der Künstlerbiografik anhand widersprüchlich diskutierter Werkkomplexe und Lebensstationen Dürers,
  • sie präsentiert Antworten der Kunsttechnologie auf Fragen zu Authentizität und Objektgeschichte von Dürer-Werken,
  • sie macht fragile und konfligierende Forschungspositionen anschaulich. Wo streitet sich die Dürer-Forschung heute über Thesen zum Verständnis des frühen Dürer?

Im „Dürer-Labor“ werden spannende Blicke auf den Künstler eröffnet: War Dürer ein Wunderkind und war er tatsächlich ein guter Maler, oder doch eher ein Graphiker und Medienunternehmer?

Sein ganzes Leben suchte Dürer eine Antwort auf die Frage, was Kunst sei. Die Suche nach einer Antwort führte ihn zu neuen Entdeckungen und unablässigem Streben nach künstlerischer Perfektion. In der Nachahmung der Natur und den Gesetzmäßigkeiten der Proportion suchte Dürer Kriterien für eine gute Kunst. Ihr Wert liegt nicht im Preis, in der Größe oder im Zeitaufwand, sondern im ideellen Gehalt.


Katalog
Der frühe Dürer.
Herausgegeben von Daniel Hess und Thomas Eser. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg 2012.
ca. 650 S., 183 farbige Abb., 1 Faltplan, ca. 200 Farbtafeln, Festeinband, 27,5 x 22,5 cm,
Preis im Museumsshop: ca. € 34,50, Preis im Buchhandel: ca. € 46,- (Best. Nr. 741) ISBN 978-3-936688-59-7

 

AsKI KULTUR lebendig 1/2012

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