Gerhard Marcks und Hans Wimmer. Die späten Jahre - Ausstellung im Gerhard Marcks-Haus, Bremen

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Mit ca. fünfzig Plastiken und ergänzenden Zeichnungen möchte die Ausstellung einen Querschnitt durch das Werk der beiden Bildhauer seit ca. 1965 bieten.

Gerhard Marcks (1889-1981) und Hans Wimmer (1907-1993) entstammten der figürlichen Tradition, wie sie für die Bildhauerei in der ersten Hälfte des 20. Jhs. maßgeblich war, und blieben dieser bis zum Ende ihres Schaffens in hohem Alter treu.

Sie wehrten sich vehement gegen die seit den fünfziger Jahren unaufhaltsam voranschreitende Bevorzugung der abstrakten Kunst sowie die aus Amerika herüberschwappende Strömung der Pop-Art. Die Briefe von Gerhard Marcks sind voll von entsprechenden Invektiven. Bereits 1956 war er aus Protest gegen jene Entwicklung aus dem Deutschen Künstlerbund ausgetreten und auch Hans Wimmer distanzierte sich mehr und mehr von dieser Vereinigung, der er spätestens seit 1973 nicht mehr angehörte.

Gerhard Marcks, Kleine Zweite Geige, 1977, Bronze, © Foto: Gerhard-Marcks Stiftung BremenGerhard Marcks, der sich der Bildhauerei in seinem Geburtsort Berlin um 1907 als Autodidakt zugewandt hatte, zog 1950 - nach einem bis dahin von verschiedenen Schaffensorten geprägten Leben - nach Köln-Müngersdorf, wo er fortan freischaffend tätig war. Unbescholten durch die Zeit des Dritten Reichs gelangt, avancierte er für die folgenden zwei Jahrzehnte zu einem der gefragtesten deutschen Bildhauer für öffentliche Aufträge. Inspiration für sein künstlerisches Schaffen zog er aus zahlreichen, teils außereuropäischen Reisen. Erst seit der Mitte der 60er Jahre - Gerhard Marcks feierte 1969 seinen 80. Geburtstag! - lässt sich ein allmählicher Rückzug in das private Leben beobachten. Der Kauf eines Ferienhauses auf Ägina löste zwischen 1965 und 1970 die unstete Reisetätigkeit durch regelmäßige, mehrwöchige Aufenthalte in Griechenland ab. Seit 1973 wurde dieses Domizil durch ein Haus in der Eifel ersetzt, das ihm bis zu seinem Tode ein gut zu erreichendes Refugium bot.

Hans Wimmer, Portraitstatuette David Oistrach II, 1972, Bronze, © Foto: Hans Wimmer-Sammlung PassauAnders als Marcks, blieb Wimmer seiner bayerischen Heimat stets verpflichtet. Geboren im niederbayerischen Pfarrkirchen, zog er für das Studium nach München, wo er von 1928 bis 1935 als Schüler von Bernhard Bleeker an der Akademie der freien Künste eingeschrieben war. Nach einer schwierigen, durch Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg geprägten Zeit, erhielt er 1949 eine Professur an der Akademie in Nürnberg, die er bis 1972 innehatte. Sie ermöglichte es ihm, seinen Wohnsitz und sein Atelier in München beizubehalten. Seit der zweiten Hälfte der 40er Jahre wuchs seine Anerkennung als Bildhauer stetig, so dass Wimmer bald zum Träger wichtiger Auszeichnungen wurde, in vielen künstlerischen Gremien vertreten war und bedeutende öffentliche Aufträge erhielt. Ähnlich wie Gerhard Marcks geriet er durch die aktuellen Kunstströmungen seit den 70er Jahren ins Abseits, wurde als "Altmeister" der figürlichen Skulptur jedoch weiterhin von offizieller Seite geehrt. Hans Wimmer, Kleine Schreitende Begegnung), 1974, Bronze, © Foto: Hans Wimmer-Sammlung PassauBeide Künstler, die sich 1936 kennen gelernt hatten, verband eine langjährige Freundschaft, die sowohl auf persönlicher Beziehung beruhte wie auf einer grundsätzlichen Übereinstimmung der künstlerischen Prinzipien. Sichtbarstes Zeugnis dieses engen Kontaktes ist ein zwischen den Jahren 1942 und 1978 erhaltener, ca. 1.000 Schriftstücke umfassender Briefwechsel. Einige gemeinsame Reisen bereicherten die Beziehung. Besondere Bedeutung kommt 1968 einem gemeinsamen Aufenthalt auf Ägina zu. Durch den unmittelbaren Austausch mit dem Kollegen am ,ideellen' Ursprungsort ihres bildhauerischen Herkommens erwies er sich für beide als fruchtbar. Mit ihrem künstlerischen Anliegen, strenge tektonische Gesetzmäßigkeiten mit dem Abbild der Natur zu verbinden, begriffen beide Bildhauer ihr stilbildendes Vorbild in der archaischen Plastik Griechenlands. Die gemeinsame Prämisse von Marcks und Wimmer lautet, die Figur auf das Wesentlichste zu reduzieren, ohne sie dabei unorganisch wirken zu lassen.

In seinem 1961 erschienenen Büchlein "Über die Bildhauerei" verwendet Wimmer für diesen moderaten Abstrahierungsprozess den Begriff "Ornament". Er schreibt diesbezüglich: "Das Wort Ornament gebrauche ich hier in einem nicht allgemeinüblichen Sinn: dem Ornament nähert sich jede Darstellung, die Gültigkeit hat. In der Mathematik bezeichnet man es mit Formel. Vor allem meine ich damit keinen Gegensatz zum Figürlichen, sondern im Gegenteil die höchste Steigerung des Figürlichen. Ornament bedeutet in der Bildhauerei das Herausstellen der in der Natur enthaltenen architektonischen Elemente. ,Es ist eine Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt', sagt Goethe". Aufgrund ihrer persönlichen bildhauerischen Handschrift näherten sich die beiden Bildhauer diesem Ziel - quasi in einer Aktzentverschiebung - dennoch auf unterschiedlichem Wege. Wimmers Plastiken erreichen in der Behandlung des Details einen maximalen Grad an Abstraktheit, vermitteln im Gesamtausdruck aber das Bild einer natürlichen Bewegtheit. Auf den ersten Blick von spröder Gestalt, berücksichtigen sie die individuellen Merkmale des Modells sehr genau. Marcks dagegen behandelte die Einzelform naturalistischer, blieb im Aufbau seiner Plastik jedoch in einem höheren Maße tektonisch.

Gerhard Marcks, Die Jungfrau, 1974, Bronze, © Foto: Gerhard-Marcks Stiftung BremenDie Ausstellung berücksichtigt vier klassische Themenschwerpunkte der beiden Bildhauer. Im Mittelpunkt steht die oft lebensgroße Akt- und Gewandfigur, die den menschlichen Körper, bar aller Attribute, als reine Form begreift. Eine ähnliche Rolle spielt in beiden Werken die Darstellung von Tieren. Sowohl Marcks als auch Wimmer entwickelten sich darüber hinaus zu anerkannten Portraitisten. Besonders die Köpfe Wimmers bestechen durch seine Fähigkeit, sie auf die wichtigsten individuellen Merkmale der dargestellten Persönlichkeiten zu reduzieren und ihnen dennoch ein sensitives Moment zu verleihen. Ein letzter Schwerpunkt schließlich ist der anekdotischen Kleinplastik gewidmet. Beide Künstler befassten sich u.a. ausführlich mit dem Thema des Musikers.

Anlass, gerade das späte Werk der beiden Bildhauer zu würdigen, bieten zwei in nächster Zeit zu erwartende Publikationen. Zum einen gibt das Germanische Nationalmuseum Nürnberg den von Uta Kuhl bearbeiteten Briefwechsel zwischen Gerhard Marcks und Hans Wimmer heraus. Zum anderen wird im Gerhard Marcks-Haus im Sommer der lang erwartete Nachtrag des Werkverzeichnisses von Gerhard Marcks für die letzten zehn Lebensjahre des Künstlers erscheinen.

Veronika Wiegartz

Dr. Veronika Wiegartz ist wiss. Mitarbeiterin des Gerhard Marcks-Hauses

 

Zur Ausstellung - 25. Mai bis 10. August 2003 - erscheint darüber hinaus ein kleiner Katalog, 48 Seiten, ca. 12,50 €
Weitere Informationen: Gerhard-Marcks-Haus, Tel. 0421/32 72 00 und unter www.marcks.de

 

AsKI KULTURBERICHTE 1/2003

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