Ein Museum, das lebt - Zehn Jahre Museum für Sepulkralkultur 1992-2002

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2002 - Jubiläen im AsKI

Nicht selten wird in der Berichterstattung über das Kasseler Museum, das sich den Themen Sterben, Tod und Trauer widmet, seine Einzigartigkeit in Deutschland, sogar in Europa hervorgehoben.

 

Die Überschriften anlässlich des zehnjährigen Bestehens titelten darüber hinaus "Ein Museum, das lebt", ganz im Gegensatz zur medialen Einschätzung als "Totenmuseum" anlässlich der Eröffnung vor zehn Jahren.

 

Der Tod (XIII), Spanisches Tarot, dem  Marseiller Tarock nachempfunden, 20. Jh. Ausstellung Game-over. Spiele, Tod und Jenseits (2002), © AFD - Museum für Sepulkralkultur, Kassel Kaum jemand konnte damals genau sagen, welchen Weg ein Museum einschlagen würde, für dessen Zielsetzung keine Vorbilder existierten. In seiner Eröffnungsrede sprach Hans Eichel, damals noch Hessischer Ministerpräsident, folgende Worte: "Wenn wir begriffen haben, es uns existentiell bewusst ist, dass wir wahrhaft nur dann leben können, wenn wir uns unsere Sterblichkeit vergegenwärtigen, dann erst werden wir den Auftrag der Sammlung dieses Museums zu würdigen wissen."

Dieser Hinwendung zum Leben, der sich das Museum für Sepulkralkultur in seinem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm verpflichtet weiß, verdankt es gewiss einen großen Teil seiner heutigen Akzeptanz. Und es sei daran erinnert, dass mit der Ausstellung "Schluss jetzt" - Karikaturen zu Sterben und Tod, mit den Kabarettabenden mit Rainer Pause, jüngst mit der Jubiläumsausstellung "Game-over. Spiele, Tod und Jenseits" und manchem anderen durchaus schrille Töne gewagt wurden. Die angemessene Würdigung der Pietät verpflichtet keineswegs zur sprichwörtlichen Grabesruhe. Auch nicht die Gegenstände der Sammlung, die schwerpunktmäßig der christlich-abendländischen Tradition entstammen und deshalb den Geist des ,Memento mori' atmen. Die Musealisierung des Todes 1 sollte aber nicht zu seiner Vergötzung in Vitrinen führen, eher sind die Menschen, die im Museum arbeiten oder als Besucher kommen, auch zum Protest gegen den Tod aufgerufen, wie ihn Henning Luther in einem bemerkenswerten Aufsatz formulierte: "Ich wage kaum daran zu erinnern, dass der österliche Ursprung der Kirche eine Protestbewegung gegen den Tod war. Ich fürchte, in den Jahrhunderten der Kirche war für die meisten die asketische Mahnung, dass wir sterben müssen, lauter als die frohe Botschaft, dass wir leben sollen." 2

Beispielhaft für eine dem Leben gegenüber verantwortliche Museumsarbeit sei die Ausstellung "Hört auf, lasst mich Luft holen" genannt, eine Produktion von amnesty international als Beitrag zum Thema Todesstrafe, die das Museum für Sepulkralkultur 1994 übernahm. Oder die Ausstellung "Patina du Preys Aids Memorial Dress" im Jahre 1997, gewidmet dem Gedenken der an Aids verstorbenen Menschen, denen nicht nur ein langes Sein zum Tod, sondern häufig auch gesellschaftliche Ausgrenzung beschieden war.

Plakat Schluß jetzt!, © AFD - Museum für Sepulkralkultur, Kassel Daran schien Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, damals noch Staatsminister, in seiner Grußansprache beim Festakt zum Jubiläum am 6. September 2002 in Kassel anzuknüpfen, als er vom unendlichen Wert des Lebens sprach und das Eintreten dafür zu einem Schwerpunkt unserer Museumsarbeit erklärte. Gerade die Wertschätzung des Lebens in all seinen Formen und Facetten mache die Arbeit eines Museums für Sterbe- und Trauerkultur so notwendig wie attraktiv. Eine derartige politische Unterstützung, die auch die Hessische Kultusministerin Ruth Wagner, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, Prof. Dr. Karin von Welck, und die Geschäftsführerin des AsKI, Dr. Sabine Jung, in ihren Grußworten formulierten, bestimmt den Rahmen unserer Museumsarbeit. Vielleicht darf dieser Aspekt angesichts der bisherigen Schwerpunktsetzung auf kulturhistorische Themen sogar noch verstärkt werden.

Hat das Museum für Sepulkralkultur, das aus der jahrzehntelangen Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal hervorging, unbestritten seinen spezifischen Auftrag, so will es andererseits als ,ganz normales Museum' mit seinen Veranstaltungen interessierte Besucherinnen und Besucher erreichen, dem Sammlungsauftrag gerecht werden und wissenschaftliche Forschung betreiben. Vielleicht wird unter diesem Gesichtspunkt die Fülle der Ausstellungen - 42 in zehn Jahren 3 - etwas reduziert werden, treu wird das Museum für Sepulkralkultur jedoch seinem Auftrag bleiben, den Tod als untrennbar zum Leben gehörend und deshalb als so ungehörig darzustellen.


1 Reiner Sörries, Der Tod im Museum. Anmerkungen zur Musealisierung der letzten Dinge, in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde Bd. 34 (2001/2002), im Druck

2 Henning Luther, Tod und Praxis. Die Toten als Herausforderung kirchlichen Handelns. Eine Rede, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche (1991), S. 420

3 Eine vollständige Übersicht findet sich in: Reiner Sörries, Auftrag und Erfüllung. Zehn Jahre Museum für Sepulkralkultur, in: Friedhof und Denkmal (4/2002), S. 3-25

 

 

Reiner Sörries

Prof. Dr. Reiner Sörries ist Geschäftsführer der AFD und Direktor der Stiftung Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur, Kassel

 

 

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2002

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