"Ehrenamt im Kulturbetrieb - Ein unverzichtbares Netzwerk mit Kehrseite?" - AsKI-Fachtagung im Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main

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Am 27./28. Februar 2003 trafen sich über 60 Teilnehmer aus ganz Deutschland und u. a. auch aus der Schweiz, Österreich und Italien zur Fachtagung "Ehrenamt" in der Universität Frankfurt am Main,

der neuen Heimat des AsKI-Mitglieds Fritz Bauer Institut, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.

Fachtagung Ehrenamt im Kulturbetrieb In seiner Begrüßung erläuterte der Leiter des Instituts, Prof. Micha Brumlik die wechselvolle Geschichte des ehemaligen I.G. Farben-Hauses bis in die NS-Zeit - dokumentiert in einer Ausstellung - sowie die Forschungsschwerpunkte der Einrichtung. Beides wurde in eindrucksvollen Führungen und Präsentationen, u. a. von Dr. Hanno Loewy, zum Ende des ersten Tages den beiden Gruppen von Interessenten näher gebracht.

In seinem Grußwort ließ der durch Gremienarbeit mit dem Fritz Bauer Institut verbundene Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, Dr. Hans-Bernhard Nordhoff, keinen Zweifel daran, dass Kultureinrichtungen durch die Mitwirkung Freiwilliger eine ganz neue Legitimität erhielten, und zitierte damit Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Kulturleistungen, so Nordhoff, seien keine Produkte, die per ,shopping' erworben werden, sondern immer wieder auch eine Form gesellschaftlicher Kommunikation. Sie sei das, was die Gesellschaft zusammenhält, definiert auch oder gerade in der Streitkultur frei nach Adorno, dessen 100. Geburtstag die Stadt am 11. September d. J. feiert. Nordhoff unterschied die berufliche Kulturarbeit von der des ,Amateurs'; dessen lateinische Wortherkunft ,amare' (lieben) ist - der Impetus vieler Ehrenämtler, Ehrenamt nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den beruflichen Professionalisierungen zu sehen. Ehrenamt nicht als Pflicht, sondern als Chance zur Kommunität und lustvolle Selbstverwirklichung, wie sie Goethe begriffen hat: "Und so gewohnt, für andere zu leben, schien Mühe nur ihm Fröhlichkeit zu geben" (Goethe, Die Geheimnisse, S. 207), Ehrenamt als Gewinn bringende Tätigkeit im ,dritten Lebensalter', als Einbringen von Wissen und Erfahrung. Ehrenamt als sinnstiftende Funktion ist das Er gebnis einer jugendzentrierten Personalpolitik, wonach nur noch 39% der 55-64-jährigen Deutschen arbeiten.

Rupert Graf Strachwitz, Direktor des Maecenata-Institutes für Dritter-Sektor-Forschung, Berlin, referierte die "Ergebnisse und Konsequenzen für den Kulturbereich aus dem Bericht der Enquete-Kommission Zukunft des bürgerlichen Engagements", so u. a. die qualitätvolle Einbindung von bürgerschaftlichem Engagement in die wesentlichen Neuerungen im Kulturbetrieb. Mittelfristig sei nicht zu erwarten, dass zivilgesellschaftliches Bewusstsein in die Kulturbetriebe Einzug hält. Ob dieses nicht auch durch zivilgesellschaftliche Formen befördert wird, sei dahingestellt. Die Forschungskommission weist auf das eklatante Forschungsdefizit zu den mit diesem Bereich verbundenen Themen hin. Die Neugestaltung des Gemeinnützigkeitsrechts, Schaffung von Strukturen einer Gesamtvertretung und einer Fortschreibung wären dringend geboten. Die Reaktionen von 22 Millionen Engagierten auf den Bericht warten nach wie vor auf eine Aufarbeitung. Eine intensive Zusammenarbeit mit dem Bundesfamilienministerium sowie die Erstellung eines Netzwerkes gehören dazu. Die zentrale Rolle des ,Bürgerschaftlichen Engagements', wie das Ehrenamt auch gerne genannt wird, ist nach wie vor nicht deutlich.

Dr. Gesine Stalling, seit 1982 Leiterin des Kunstpädagogischen Zentrums KPZ II, Nürnberg, stellte unter dem Titel "Museumspädagogik und Ehrenamt" die von ihr gegründete und erarbeitete Konzeption und Organisation der ehrenamtlichen Führer für die ständige Sammlung sowie die Sonderausstellungen vor. Das sehr personalintensive, individuelle Betreuungsmuster der KPZ II Nürnberg orientiert sich stark und konkret an den Fähigkeiten und Kenntnissen derer, die sich zur Verfügung stellen: Ein Uhrmachermeister z. B. führt durch die entsprechende Abteilung im Museum, eine Geografin erläutert die Globen des Museums. Im Idealfall seien die ehrenamtlichen Führer von den hauptamtlichen Museumspädagogen kaum zu unterscheiden.

Ein völlig anderes System stellte Dr. Wolf Eiermann, Koordinator der Freiwilligenarbeit von der Stuttgarter Staatsgalerie, vor: "170 Ehrenamtliche Mitarbeiter: Aus der Praxis eines neuartigen Organisations- und Personalmanagements". Eingeteilt in eine Anzahl spezialisierter Gruppen, managt er die serviceintensiven Besucherbereiche des Museums: Museumsshop, Garderobe, Auskunft/Info-Pool, Mitgliederwerbung etc. Seine Sicht der Möglichkeiten und Schwierigkeiten bildete in der Diskussion sozusagen den Kontrapunkt zum ,Nürnberger Modell'.

In Vertretung von Brigitte Prautzsch referierte Kerstin Hübner von der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V. (BKJ) einen hinsichtlich des klassischen Ehrenamtsbegriffs nicht unumstrittenen Weg, Jugendliche für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu interessieren. Dies bietet den Jugendlichen u. a. die Möglichkeit zur berufli chen Selbstfindung und letztlich immer wieder auch den ersten Schritt zur finanziellen Unabhängigkeit. Das genau lieferte Diskussionsstoff. Deutschlandweit gibt es bereits erste Kooperationen mit der BKJ, u. a auch mit AsKI-Instituten, so mit der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden.

Der Aspekt Ehrenamt in der Stadt Bonn, vorgestellt vom Kulturdezernenten Dr. Ludwig Krapf, musste leider entfallen. Dieser Gesichtspunkt wurde jedoch von Elisabeth Haindl, Juristin, Stadtverordnete der Stadt Frankfurt und Kulturpolitische Sprecherin der CDU, die für die erkrankte Alexandra Prinzessin von Hannover das Grußwort sprach, für die Stadt Frankfurt am Main überaus anschaulich gemacht.
Eine Stadt mit fast 30 Museen und Ausstellungshallen und städtischen Galerien etc. sieht als Entlastung das Engagement derer, die in Tischgesellschaften, Freundeskreisen und Kuratorien ehrenamtlich wirken. Die Schwierigkeit liegt in Frankfurt/M. u. a. darin, die sonst gerade so aktiven Frauen zu gewinnen. Als eine der amerikanischsten Städte Deutschlands hat Frankfurt die ,civic education' - soziale Kompetenz - noch besser im Bewusstsein zu verankern. Die Stadt vergibt die so genannte E-Card (Ehrenkarte), eine mit einer Reihe von Vergünstigungen gekoppelte Karte, all denen, die helfen. Eine erste Bilanz des Pilotprojektes wird im Herbst 2003 zu ziehen sein. Darüber hinaus sind Ehrenbriefe des Landes Hessen eine immaterielle Möglichkeit, die ehrenamtlich Tätigen auszuzeichnen. Gerade dieser Aspekt der Anerkennung war allen Referenten sehr wichtig und wurde immer wieder angesprochen. Die Kommune hat das internationale Jahr der Freiwilligen 2001 finanziell unterstützt. Vor einigen Monaten wurde in einer Podiumsdiskus sion das Thema "Rückgrat der Muse - Freundeskreise und Fördervereine der Museen in Frankfurt/M." erörtert.

Nach wie vor ein großes Problem sei die Zusammenarbeit verschiedener öffentlicher Stellen: Referat für Soziales, Kulturamt, Rechtsamt sowie Personalamt müssen zur staatlichen Anerkennung des Ehrenamtes noch weit mehr Mitstreiter gewinnen. Ein Gedanke, der dem AsKI besonders wichtig ist und den er als Anregung auch an den Städtetag weitergeben wird.

Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, lieferte einen lebendigen ,Blick über den Tellerrand' in die ,boards' der amerikanischen Museen. Die Besetzung der Gremien dort mit erfolgreichen Unternehmern geschieht nach dem Grundsatz "give money or bring money". Betriebswirtschaftliche Grundsätze bestimmen die Arbeit der Häuser. Die ,boardmembers', vergleichbar einem Museums-Aufsichtsrat, begleiten aktiv und täglich das Geschehen und steuern das Museum nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dies zeigt ein völlig anderes Bild des Ehrenamtes. Modernes Museumsmanagement, das auf der Ebene Ehrenamt in Führungsetagen getragen wird und wo der Imagegewinn im Mittelpunkt steht. Positive und negative Aspekte wurden vorgestellt und die umstrittene Übertragbarkeit in unser System diskutiert.

Ebenfalls USA-Erfahrungen lieferte Alexandra Hentschel, Mitglied des Forschungscolloquiums des Maecenata-Instituts, mit ihrem Beitrag "Making a difference - making a commitment: Volunteerprogramme amerikanischer Museen", der einen Einblick in die Praxis gab zu den Aspekten: zusätzliche Aufgaben, Besucher, Finanzen, Qualität für den Ehrenamtler und da wiederum u. a. hinsichtlich Aufgaben-Gruppen etwa für die Mitgliederwerbung, Laien als Multiplikatoren, Besucherservice oder 'Laien unterrichten Laien'. Die US-amerikanischen Beispiele, so die Diskussion, bewegten sich jedoch mehr im Bereich großer und mittlerer Museen; interessant wären Beispiele aus dem Mittleren Westen und zu den kleineren Häusern.

Hans Lochmann, Leiter der Geschäftsstelle des Museumsverbandes Niedersachsen, übernahm die Rolle des Advocatus Diaboli. Sein Vortrag "Ehrenamt im Museum. (Über)Lebensretter oder Jobkiller?" skizzierte die Problematik sowie die Grauzone: ABM-Kräfte, Volontäre, Praktikanten ,im Land der unbezahlten Möglichkeiten', frei nach Jochen Borcherts Artikel in der Frankfurter Rundschau. Die Anforderungen an die Ehrenamtler steigen seitens der Besucher im gleichen Maße wie die Eintrittspreise.
Immer wieder wurde in den Diskussionen darauf hingewiesen, dass Ehrenamt keineswegs contra Hauptamtliche oder Freiberufler gesehen werden sollte - Ehrenamtliche sind eine Ergänzung bzw. eine zusätzliche Leistung der Häuser und sollten es auch bleiben. Nur unter dieser Sicht gegenüber dem Ehrenamt könnten bürgerschaftliche Gründungen letztlich auch wirtschaftlich erfolgreich arbeiten.

Die beiden abschließenden Vorträge von Prof. Dr. Hans Langnickel, u. a. Lehrbeauftragter an der FH Düsseldorf und Berater für Aus- und Fortbilder für ehrenamtliche Vorstände von Vereinen und Verbänden, sowie Silke Schneider, Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft PRO EHRENAMT e.V., Saarbrücken, gingen auf der Basis einer jeweils langjährigen praktischen Erfahrung die Fragen Rekrutierung, Qualifizierung und Weiterbildung an.

Die Moderation hatte Wolf Gunter Brügmann, Leitender Redakteur der Frankfurter Rundschau, selbst ein erfahrener und engagierter Ehrenamtler.


Sabine Jung

Dr. Sabine Jung ist Geschäftsführerin des AsKI

 

Auf vielfachen Wunsch ist ein Tagungsband geplant. Weitere Adressen und Hinweise sind in der Geschäftsstelle des AsKI zu erfragen.

 

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 1/2003

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