EDITORIAL: Sammlung und Ausstrahlung

Volkmar Hansen, Vorsitzender des AsKI


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Zu den Kennzeichen unseres Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute, der föderale und staatliche Perspektiven in idealer Weise vereinigt, gehören die Sammlungsbestände, über die unsere Einzelhäuser verfügen. Auf private Initiativen zurückgehend, verkörpern sie in besonderem Maß die Verpflichtung, dem selbständig-zivilgesellschaftlichen Charakter gerecht zu werden. Diese Verpflichtung ist zugleich eine besondere Chance, denn die Objekte, die wir für künftige Generationen erhalten und nach ihren inhaltlichen Schwerpunkten ergänzen, geben eine Richtung vor, die über engere Zielsetzungen der Vermittlung hinausgeht und "naturgegeben" zu einer Internationalität und Interkulturalität führt.

 

Hochzeitsmedaillon mit Doppelbildnis Carl Friedrichs und Maria Pawlownas Bronzeplakette von Friedrich Tieck, 1804, © Foto: Walter Klein, Düsseldorf Mit dem Titelblatt dieser Ausgabe der "Kulturberichte" wird ein solcher Schwerpunkt angesprochen. Konkret macht es auf die Ankunft der Zarentochter Maria Pawlowna 1804 in Weimar und ihre vorangegangene Eheschließung in St. Petersburg mit dem Erbprinzen Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach aufmerksam - eine Verbindung, die durch das Mäzenatentum der Prinzessin das kulturelle Leben Weimars entscheidend prägen sollte.  

Doch schon das Huldigungsgedicht, das Schiller dieser Ankunft widmet, weist in umfassendere Dimensionen. Ist Russland im 17. Jahrhundert noch Gegenstand exotischer Betrachtungen gewesen, weshalb der Reisebericht des Schleswigers Olearius noch Basisinformationen vermitteln musste, so wendet sich das Blatt mit Peter dem Großen (1672-1725), der Grundlagen für sein Reformprogramm aus Westeuropa importiert. Unter ihm beginnt der Verdrängungsprozess Schwedens, das im 2. Nordischen Krieg 1709 in der Schlacht von Poltawa vernichtend geschlagen wird und im Frieden von Nystad (1721) seine Großmachtstellung verliert, ein Prozess, der 1779 mit dem Frieden von Teschen im Bayerischen Erbfolgekrieg zu einem Abschluss gelangt: Schweden - im Westfälischen Frieden von 1648/49 noch Garantiemacht - wird in dieser Funktion von Russland abgelöst. Und der Siebenjährige Krieg (1756-1763) wäre wohl ohne den Tod der Zarin Elisabeth 1762 anders ausgegangen.

Maria Pawlowna von Sachsen-Weimar-Eisenach, Miniatur von Edward Miles, © Foto: Walter Klein, Düsseldorf Auch nach dem Wiener Kongreß bleiben die engen Verbindungen nach Russland bestehen, so besucht die deutschstämmige Zarenmutter Maria Feodorowna 1818 die seit 1815 großherzogliche Familie. Im kulturellen Bereich spielt Goethes Ansehen in der russischen Nationalliteratur eine herausragende Rolle; mehr als dreihundert russische Besucher zeugen von der Anziehungskraft Weimars. Reaktionen in Moskau, Paris und Edinburgh sind an Goethes Ausbildung des Begriffs Weltliteratur konkret beteiligt. Über Mittelsmänner entsteht ein Kontakt zu Puschkin, der sich ebenfalls dem Faust-Thema widmet. Einer der bedeutendsten Nachrufe auf Goethe, durchaus nicht unkritisch, stammt von dem russischen Unterrichtsminister Sergej Semjonowitsch Uwarow.

Carl Friedrich Erbprinz von Sachsen-Weimar-Eisenach, Kupferstich nach Schröder von C. A. Schwerdgeburth, 1807, © Foto: Walter Klein, Düsseldorf Für das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach selbst ist die Verbindung zum Zarenhof von entscheidender Bedeutung. Denn nach der Niederlage in der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 droht ihm als Verbündeten von Preußen die Zerschlagung, hätte Napoleon nicht seine eigenen Pläne mit Russland, die im Frieden von Tilsit 1807 auch zu einem Bündnis mit Zar Alexander I., dem Bruder von Maria Pawlowna, führen. Trotz der Niederlage der napoleonischen Armee 1812 in Russland erringen die verbündeten Armeen von Russland, Preußen und Österreich erst in der Völkerschlacht von Leipzig (16.-19. Oktober 1813) den endgültigen Sieg. Für das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach sind die wechselvollen Monate, die dieser Entscheidungsschlacht vorausgehen, eine schwere Zeit.

Bis zu ihrem Tod 1859 wird Maria Pawlowna besonders das Musikleben fördern. Ohne ihre Unterstützung wäre es nicht möglich gewesen, den Klaviervirtuosen und Komponisten Johann Nepomuk Hummel, eine europäische Berühmtheit, als Kapellmeister für Weimar zu gewinnen.

Es ist die weltgeschichtliche Dimension, die aus der Vermittlungsaufgabe unserer Sammlungen erwächst und die eine stete Herausforderung darstellt, das Einzelobjekt als Prisma zu begreifen, dessen Farbwelt zu entfalten ist.

 

AsKI KULTURBERICHTE 1/2004

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