Das Buchenwaldarchiv. Eine archivische Sammlung in der neu geschaffenen selbständigen Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

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Die Aufgaben des Archivs der Gedenkstätte Buchenwald sind durch seine Stellung innerhalb des staatlichen Archivwesens sowie durch den Stiftungszweck der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora definiert.

 

Daraus ergibt sich ein breites Arbeitsspektrum, das von der Führung und Bearbeitung des Verwaltungsarchivs bis zum Aufgabenfeld eines historischen Archivs und einer Forschungsstelle zur Geschichte des KZ Buchenwald, des Speziallagers Nr. 2 und der Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald reicht.

Aus dem Präsentationsalbum der Deutschen Ausrüstungswerke GmbH Buchenwald, Sippenwiege für den Gauleiter Fritz Sauckel, © Buchenwaldarchiv/Fotosammlung  Das Archiv der Gedenkstätte Buchenwald (Buchenwaldarchiv/BwA), eingerichtet im Jahr 1971, verfügt über eine archivische Sammlung zur Geschichte des Konzentrationslagers, die neben einzelnen Originaldokumenten vor allem Berichte (1097), Nachlässe (12) und Materialsammlungen (15) ehemaliger Häftlinge sowie einen Foto- und einen Mikrofilmbestand zum Konzentrationslager Buchenwald umfasst. Die Erweiterung, Erhaltung, und Auswertung dieses Bestandes steht im Mittelpunkt der Arbeit. So konnte gerade in den letzten Jahren ein Qualitätssprung erzielt werden, der sowohl die historische For schung als auch die Recherchen zu Einzelpersonen auf eine neue Grundlage gestellt hat. In diesem Zusammenhang ist zunächst die Digitalisierung der Häftlings-Nummernkartei zu nennen, einer der wichtigsten Quellen zur Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald. Ursprünglich in der Häftlingsschreibstube des Lagers als Handkartei des Rapportführers angelegt, umfasst sie weit mehr als hunderttausend Karteikarten, auf denen Personalien, Lagernummern und Verbleib von Häftlingen vermerkt wurden.

 

Vor 1990 war diese Nummernkartei als Teil eines bei der Staatlichen Archivverwaltung der DDR hinterlegten Aktenbestandes öffentlich nicht nutzbar und kam nach deren Auflösung und der Übernahme durch das Bundesarchiv im Juni 1991 zusammen mit dem zentralen Bestand "KL Haftanstalten, KZ Buchenwald" in das Thüringische Hauptstaatsarchiv nach Weimar. Im Rahmen der Arbeiten an einem Gedenkbuch für die Opfer des Konzentrationslagers erfolgte die Digitalisierung dieser Kartei. Das Projekt hat mittlerweile seinen Nutzen darüber hinaus bei der Klärung von Personenschicksalen, beim Nachweis von Haftzeiten sowie bei einer Vielzahl wissenschaftlicher und historisch-biografischer Forschungen nachgewiesen. Die Datei umfasst 166.969 Datensätze, kombiniert mit über 100.000 reproduzierten Karten. Eine großzügige finanzielle Förderung durch die Firma Hoechst AG sicherte gleich zu Beginn des Projekts die notwendige technische Grundausstattung. Mit Hilfe von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurde die Hauptarbeit bei der Eingabe der Daten geleistet.

Strafmeldung vom 4.4.1942, 5 x Sonntagsarbeit, © Foto: Buchenwaldarchiv Ohne die uneigennützige Unterstützung des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar, in dem die Originalkartei steht, wäre das Projekt nicht realisierbar gewesen. Einen deutlichen Zuwachs erfuhr die archivische Sammlung zur Geschichte des KZ Buchenwald im März 2000. Im Ergebnis einer Archivrecherche in den National Archives Washington D. C. kaufte das Archiv 118 Mikrofilme an, die den Kern der überlieferten Buchenwaldakten enthalten. Dabei handelt es sich vorrangig um Transportlisten, tägliche Veränderungsmeldungen, Stärkemeldungen, Schutzhaftrapporte, Totenscheine und Häftlings-Personalbögen in alphabetischer Folge sowie um die meisten Zugangsbücher des Lagers. Hinzu kommen erstmals geschlossene Quellenbestände zu den ab 1944 bestehenden Frauen-Außenlagern. Obwohl die ungeordnete Verfilmung des Bestandes die Erschließung des Materials erschwert, ist dieses Konvolut von mehreren zehntausend Blatt grundlegend für die weitere Arbeit des Archivs. Nach dem Erwerb des Mikrofilmbestandes "NS 4 Buchenwald" sowie weiterer verfilmter Akten der Hauptkommission Warschau in früheren Jahren umfasst die Mikrofilmsammlung derzeit mehr als 250 Mikrofilme, die der Forschung zur Verfügung stehen. Damit ist es auch möglich geworden, die unverändert rigiden Benutzungsbeschränkungen des Buchenwald-Aktenbestandes im Archiv des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes in Bad Arolsen wenigstens teilweise zu kompensieren.

Schreiben des Rechtsanwalts Felix Meyer an Julius Stein vom 4.6.1942, © Buchenwaldarchiv Teil der archivischen Sammlung sind die Nachlässe, Materialsammlungen und Berichte von Häftlingen des Konzentrationslagers. Sie werden besonders im Kontext historisch-biografischer Forschungen verstärkt genutzt. Ein zentraler Bestandteil dieses Bereiches ist der umfangreiche Nachlass Prof. Walter Bartels (ca. 20 lfd. Meter), der auf Wunsch der Geberin zunächst eingeschränkt zur Verfügung steht. 1999 erhielt das Archiv von Frau Dr. Judith Bernstein (München) wertvolle Dokumente aus dem Familienbesitz. Sie belegen die Erpressung und Enteignung des Meininger jüdischen Bürgers Julius Stein während seiner Inhaftierung in Buchenwald. Julius Stein starb am 8. Juli 1942 in Dachau.

Im gleichen Jahr konnte antiquarisch der komplette Nachlass des Journalisten Martin Hamburger erworben werden. Hamburger, zeitweise Mitherausgeber einer Berliner Tageszeitung, war 1938 für einige Monate als jüdischer Häftling in Buchenwald inhaftiert. Der Nachlass enthält Dokumente und Fotos seiner späteren Emigration nach Shanghai sowie seines Lebens nach 1945.

 

Wie in diesem Fall konnte das Archiv nachgelassene Dokumente häufig erst erwerben, wenn sie bereits im Sammlerangebot kursierten oder bei Auktionen angeboten wurden. Meist werden geschlossene Nachlässe dabei zerschlagen, nur Einzeldokumente gelangen in die Sammlung. Zum größten Teil ist es Unkenntnis der nächsten Angehörigen, die dazu führt. Deshalb sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich angemerkt, dass das Archiv der Gedenkstätte Buchenwald Nachlässe ehemaliger Häftlinge entgegennimmt, ankauft oder auch nur als Depositum aufbewahrt, für deren Bestand Sorge trägt und sie damit im öffentlichen Interesse erhält. So konnten z. B. Fotos und Dokumente aus dem persönlichen Nachlass Dr. Eugen Kogons, Originale aus der Zeit seiner Tätigkeit als Schreiber im Block 50, buchstäblich im letzten Moment restauriert und vor einem drohenden Verlust bewahrt werden.

Das Archiv der Gedenkstätte verfügt außerdem über wichtige Bildquellen zur Geschichte des KZ Buchenwald und der Gedenkstätte. Das Musée de la Résistance et de la Déportation in Besançon stellte einen vollständigen Satz von 257 Reproduktionen des Fotoalbums "Buchenwald 1943" zur Verfügung, dessen Existenz leider erst nach der Eröffnung der ständigen Ausstellung zur Geschichte des KZ Buchenwald (1995) entdeckt wurde.

 

Offensichtlich zur Selbstrepräsentation des Lagerkommandanten Hermann Pister angefertigt, enthält es zahlreiche Aufnahmen vom Lebens- und Arbeitsbereich der SS wie auch vom Konzentrationslager. Aus privater Hand erwarb das Archiv im Jahr 1999 ein weiteres Original-Fotoalbum. Dieses Album dokumentiert die Produktpalette der kunsthandwerklichen Werkstätten des Lagers und der Deutschen Ausrüstungswerke (DAW) sowie der Deutschen Erd- und Steinwerke, Werk Berlstedt (Töpferei) in der Art eines Angebotskatalogs. Die Fotos zeigen außerdem Ausstattungsgegenstände, Geschirr und Mobiliar der SS-Familien.

Durch Ankauf, Schenkung und Sammlung befinden sich im Bestand des Archivs eindrucksvolle Aufnahmen aus den Tagen unmittelbar nach der Befreiung des Lagers am 11. April 1945. Bilderserien über den Aufbau, die Einweihung vom September 1958 und die Nutzung des Mahnmales Buchenwald bis 1989 ergänzen die Fotosammlung.

 

Das Vorhandensein eines lückenlosen Verwaltungsarchivs in der Gedenkstätte hat nicht nur für die aktuelle Arbeit der Stiftung, sondern immer stärker auch für die historische Forschung Bedeutung. Teile des Verwaltungsarchivs - die Aktenprovenienzen Ehrenhain, Aufbauleitung und Gedenkstätte bis 1989 - stehen seit längerem zur wissenschaftlichen Benutzung zur Verfügung. Sie fanden gerade in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, vor dem Hintergrund eines an Intensität zunehmenden Diskurses zur Geschichte der Erinnerung, wachsendes Interesse. Nicht allein Historiker, sondern auch Landschaftsgestalter und Architekten zählen zu den Nutzern. Die Akten der Aufbauleitung Gedenkstätte Buchenwald (bis 1958) bildeten den Grundstock für die Erarbeitung der ständigen Ausstellung zur Geschichte der Gedenkstätte, die im Oktober 1999 eröffnet wurde.

 

Wachsende Beachtung fand auch die seit Jahrzehnten bestehende, besonders in den Jahren der Neukonzeption (1990-1999) sorgfältig geführ te Zeitungsausschnittsammlung, die für eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen zur neuesten Zeitgeschichte Material lieferte. Gleichzeitig erreicht diese Sammlung immer mehr die Bedeutung eines chronologischen Materials, in dem sich die veränderte Wirkung und die Aktivitäten der Gedenkstätte spiegeln.

 

Veränderungsmeldung vom 5.3.1945, © Buchenwaldarchiv Das für die Erforschung des Speziallagers Buchenwald zur Verfügung stehende Material ist zwar in vielen Bereichen lückenhaft, ermöglicht aber dennoch grundlegende Aussagen über die Charakteristika dieses von 1945 bis 1950 bestehenden Lagers. Nach der Fertigstellung der ständigen Ausstellung zur Geschichte des Speziallagers Nr. 2 übernahm die archivische Sammlung Ende der 90er-Jahre die komplette Dokumentation der von der Forschungsstelle Speziallager gesammelten Berichte als Kopie. 236 Berichte stehen damit der öffentlichen Benutzung zur Verfügung. Neben dem Lageralltag schildern sie insbesondere auch die Verhaftungszusammenhänge und das Leben nach der Entlassung.

 

Um dem wachsenden Interesse, vor allem von Schulklassen, an der Buchenwaldgeschichte innerhalb von Projekttagen besser gerecht zu werden, wurden Subdokumentationen aus den Beständen der Sammlung angelegt. Darin sind wichtige Quellen (Veränderungsmeldungen, Totenscheine, Schutzhaftlagerrapporte, Kommandanturbefehle, Häftlingsbriefe) zusammengeführt bzw. einzelne Themen (medizinische Experimente, Briefsammlungen, Fluchten, Buchenwald-Bahn, Kleines Lager) exemplarisch dokumentiert.
Die Bestandsvermittlung, respektive die Öffentlichkeitsarbeit nimmt einen bedeutenden Platz im Alltag des Archivs ein. Allein im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungen und Seminarfachtagen hat das Archiv jährlich im Durchschnitt über 200 Nutzer. Hinzu kommen eine Vielzahl von Projekttagen, Seminaren und Weiterbildungsveranstaltungen, die von der Jugendbegegnungsstätte sowie von der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte organisiert und vom Archiv unterstützt werden.
Nicht zuletzt ist das Archiv gerade in den letzten Jahren auch zum unentbehrlichen Partner für Hörfunk- und Fernsehjournalisten, für Presse und Verlage geworden.

 

Die Korrespondenz des Archivs ist Ende der neunziger Jahre um ein Mehrfaches angewachsen. Fast 4400 Anfragen wurden allein in den letz ten drei Jahren bearbeitet. Mehr als die Hälfte kamen von Angehörigen der Opfer oder von ehemaligen Häftlingen selbst, die Dokumente und Belege für den Verbleib bzw. für die erlittene Haft suchten. Für mehr als zweitausend ehemalige Häftlinge konnten allein in den letzten vier Jahren Nachweise ("Haftbestätigungen") erbracht werden, die ihre Anträge auf finanzielle Entschädigung und Rentenzahlungen unterstützen.

 

Sabine Stein

Leiterin des Buchenwaldarchivs, Weimar

 

Das Archiv der Gedenkstätte Buchenwald ist mit Voranmeldung und ohne Einschränkung montags bis freitags von 9.00 bis 16.30 Uhr nutzbar.
Tel.: 03643/430154/4300
Fax: 03643/430100
E-Mail: buchenwald@buchenwald.de

Ausleihbare Ausstellungen der Gedenkstätte Buchenwald (Auswahl)
Die Ausstellungen können kostenlos (zzgl. Transport und Versicherung) ausgeliehen werden.

Information und Vermittlung:
Gedenkstätte Buchenwald, Abt. Öffentlichkeitsarbeit
99427 Weimar
Tel. 03643/430143
Fax. 03643/430100

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