Bürgerschaftliches Engagement am Beispiel des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg e.V.

Logo Sulzbach "Das Haus der Briefe, der Bilder und Bücher. Hier ist ein Ort der Zusammenkunft. Dieser Ort ist notwendiger denn je, jetzt, gegen Ende unseres Jahrhunderts, - notwendig, um gegen Mißverständnis und Unverstand die Möglichkeiten der Literatur weiterhin zu erproben, ein Gedächtnis wachzuhalten über die Jahre hin, das so schnell nicht erlischt. Erinnerungszeichen zu setzen dort, wo Sprachlosigkeit überhand zu nehmen droht. Winke zu geben, die auf Entschwindendes aufmerksam machen. Woher kommen wir? Wo sind wir? Wo geraten wir hin? Dies ist ein Ort für eine Zusammenkunft, die nicht blindlings geschehen läßt, was verstört, was zerstört."
(Walter Höllerer, 1994)

Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg besteht seit 25 Jahren in einer Kleinstadt der Oberpfalz (heute 22.000 Einwohner), ungefähr gleich weit entfernt von Regensburg und Nürnberg. Es hat sich zu einem Haus entwickelt, in dem nicht nur archiviert und geforscht wird, sondern auch eine Vielzahl von Lesungen und Ausstellungen stattfindet.

Übergabe 2. Schenkung 1991, v.l.n.r.: Staatssekretär Leeb, Walter Höllerer, 1. Bürgermeister Gerd Geismann, © Foto: Literatur-Archiv SBR Die Stadt stützt sich seit jeher auf eine bedeutende Kulturgeschichte und pflegt das Andenken an Herzog Christian August, der im 17. Jh. einen "Musenhof" von Künstlern und Wissenschaftlern um sich sammelte, und an seinen Kanzler Christian Knorr von Rosenroth. In den kulturgeschichtlichen Zusammenhang gehört auch der Sulzbacher Verleger J. E. von Seidel, der Anfang des 19. Jhs. theologische Literatur beider Konfessionen verlegte.

In den siebziger Jahren gab es ein reiches musikalisches Leben in Sulzbach-Rosenberg, eine Städtische Sing- und Musikschule etablierte sich, der Bezirk Oberpfalz gründete seine Musikfachschule hier. So lag der Gedanke nahe, sich auch auf literarischem Gebiet zu engagieren. 1974 beschloss der Sulzbach-Rosenberger Stadtrat, dem Literaturwissenschaftler, Autor und Herausgeber Walter Höllerer, geboren 1922 in Sulzbach, den Kulturpreis der Stadt zu verleihen.

Blick in die Ausstellung Heinrich Böll, © Foto: Literatur-Archiv SBR Walter Höllerer war zu diesem Zeitpunkt im Netzwerk des literarischen Betriebs höchst engagiert und einflussreich. Er hatte seit 1959 eine Professur an der TU Berlin inne, hatte 1954 die bis heute erscheinende Literaturzeitschrift "Akzente" gegründet und ihre Redaktion mittlerweile in die Hände seines Mitherausgebers Hans Bender gelegt. An der TU hatte er ein "Institut für Sprache im technischen Zeitalter" gegründet, woraus sich unter seiner Leitung 1961 eine zweite Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" ergab, die ebenfalls bis heute herausgegeben wird. 1963 hatte er in Berlin in einer alten Villa am Wannsee das Literarische Colloquium Berlin initiiert und in der Frontstadt des Kalten Krieges über Jahrzehnte Autoren aus Ost und West zu Lesungen und Gesprächen versammelt, die im Fernsehen übertragen wurden. Dass er selbst auch schrieb, 1952 einen ersten Lyrikband "Der andere Gast" veröffentlicht hatte und schließlich 1973 seinen lang angekündigten Roman "Die Elephantenuhr" vorstellte, hatte ihn auch in Kontakt zur "Gruppe 47" gebracht, wo er bald als Kritiker unentbehrlich geworden war. Zu Siegfried Unseld und dem Suhrkamp Verlag pflegte er seit seiner Frankfurter Zeit - er war in den 50er Jahren Privatdozent an der dortigen Universität - gute Kontakte; Höllerer hatte 1956 bei Suhrkamp die vielbeachtete, kommentierte Anthologie "Transit - Lyrikbuch der Jahrhundertmitte" herausgegeben.

Walter Höllerer nahm nach der Preisverleihung 1974 den Gedanken einiger engagierter und literaturinteressierter Bürger auf, Sulzbach-Rosenberg an seinen Kontakten und Freundschaften im gesamten damaligen Literaturbetrieb teilhaben zu lassen und eventuell seine Autoren korrespondenzen und Sammlungen zur zeitgenössischen deutschen Literatur, die sich auch aus der Herausgeberschaft der Zeitschriften sowie verschiedener Anthologien ergeben hatten, in Sulzbach-Rosenberg unterzubringen.

Walter Höllerers Weltei, Gästebuch des Literaturarchivs, © Foto: Literatur-Archiv SBR Der Offenheit und Weltläufigkeit stand bei Walter Höllerer eine große Treue zu seiner Heimat gegenüber, eine Einsicht in die regionalen Bedingungen und Bindungen von Literatur, die er auch durch die Gründung eines Hauses für die Literatur gewahrt wissen wollte. Dabei war ihm auch die identitätsstiftende Funktion eines solchen Hauses in der Provinz wichtig. Die Verwandlung des alten Amtsgerichts in ein Literaturarchiv war dabei eine anspornende Herausforderung.

Eine Delegation des Stadtrats fuhr 1975 nach Berlin, um sich unter Walter Höllerers Leitung das Haus des Literarischen Colloquiums Berlin am Wannsee anzuschauen, nach dessen Vorbild sich ein Literaturhaus etablieren sollte. Höllerer brachte sie mit Kulturstadträten Berliner Bezirke zusammen und knüpfte auch hier Verbindungen. 1975 und 1976 wurden durch Höllerers Vermittlung wichtige Objekte für eine künftige Ausstellung in Sulzbach-Rosenberg erworben: Der Konferenztisch der Gruppe 47, das Sofa Ingeborg Bachmanns und der damals gerade aufgefundene Koffer von Günter Grass mit dem Typoskript der Erstfassung der "Blechtrommel".

Die Suche nach einem geeigneten Gebäude gestaltete sich sehr schwierig, nicht nur, weil der zu gründende Verein zunächst über keinerlei finanzielle Mittel verfügte und vollständig, auch personell, auf die Stadtverwaltung angewiesen war, sondern auch, weil die Idee eines Literaturarchivs nicht so leicht zu vermitteln war. Zum Schluss half ein glücklicher, damals von der Stadt und ihren Bürgern eher als unglücklich empfundener Umstand: Die bayerische Gebietsreform hatte den Umzug des Amtsgerichts von Sulzbach-Rosenberg in die Kreisstadt Amberg zur Folge, so dass ein imposantes Gebäude plötzlich leer stand. Die Stadt mietete im April 1976 eine Etage in diesem Haus, in die das heutige Literaturarchiv einzog. Heute steht das gesamte Haus zur Verfügung.

Im Oktober 1976 gründete sich der Verein "Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg e.V.", zu dessen Gründungsmitgliedern Walter Höllerer auch die Stadt, den Landkreis und den Bezirk gewinnen konnte sowie das Literarische Colloquium Berlin, wodurch eine breite Interessengemeinschaft geschaffen war, um die Idee eines Literaturhauses zu befördern. Walter Höllerer kam zu den jeweiligen Sitzungen aus Berlin, brachte Ideen mit und verstand es, mit dem Wahlspruch "Provinz ist, was du daraus machst" zu motivieren und mitzureißen. In der Vorstandschaft arbeitete die Universität Regensburg, die Stadt und die örtliche Sparkasse mit. Ein "Freundeskreis" Sulzbach-Rosenberger Bürger flankierte dieses Gremium, womit vor Ort ein über Jahre hinweg ehrenamtlich und unentgeltlich arbeitender Kreis mit viel Überzeugungskraft, Improvisationstalent und Erfindungsgabe den bald beachtlichen Betrieb ermöglichte: Deutschlehrer und Kunsterzieher des örtlichen Gymnasiums, die ein Gesprächsforum sowie Möglichkeiten für Ausstellungen und künstlerischen Austausch suchten oder mit dem Schülertheater immer neue Impulse gaben und auch durch Gäste des Archivs bekamen.

 

Für manche Familien, die wegen des Stahlwerks Maxhütte nach Sulzbach-Rosenberg gezogen waren, bedeutete das Literaturarchiv eine Öffnung und Verbindung hin zu einem kulturellen, sonst nur in Großstädten vermuteten Umfeld. Ingenieure ergriffen die Chance, sich ne ben ihrer Tätigkeit in der Technik ein ganz anderes Feld zu erobern. Aus dem kirchlichen Gemeindeleben ergab sich sehr früh der Kontakt zur Evangelischen Akademie Tutzing, der zu vielen gut besuchten und fachlich bedeutenden Tagungen führte. Große Ausstellungen wurden trotz mangelnder Infrastruktur organisiert, man sah sich andere Ausstellungen an und ging dann beherzt mit viel Phantasie und der Hilfe privater Beziehungen zu Werk. Auch die in der Region lebenden Autoren und Künstler begannen, sich für dieses Haus zu interessieren und zu engagieren, so dass wechselseitig Impulse und Resonanzen gegeben und aufgenommen wurden.

Literarisches Sommerwochenende 2001, Thema: Frauen und Männer, v.l.n.r.: Dieter Hess (Moderator Bayerischer Rundfunk), Julia Franck, Wilhelm Genazino, Karen Duve, Thomas Meinecke, Georg Klein (Autoren), © Foto: Literatur-Archiv SBR

 

Im November 1977 fand das Eröffnungsfest statt. Walter Höllerer lud unter vielen bekannten Autoren auch Günter Grass ein, der sein legendär gewordenes "Amtsgericht" kochte; es gab eine phantasievolle Ausstellung "Literatur - lesbar, hörbar, sichtbar, schmeckbar" sowie zahlrei che Veranstaltungen. Damit wurde der Startschuss für "Gedankenspiele in der Provinz" gegeben.

Bis heute engagiert sich die Stadt Sulzbach-Rosenberg finanziell für dieses Haus. Walter Höllerer brachte immer wieder namhafte Autoren und Künstler in seine Heimatstadt. In den Anfangsjahren hat das Bayerische Kultusministerium die Aktivitäten mit Projektmitteln unterstützt, bevor das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg in die institutionelle Förderung im Rahmen der Literaturpflege aufgenommen wurde. Einer der Gründe dafür lag auch in der guten Resonanz, die das Haus bei der Bevölkerung der Stadt und der Region gefunden hatte. Aber es bleiben auch argwöhnische Blicke auf ein Haus, das sich exotisch in der Provinz ausnimmt, das sich der Literatur verschrieben hat und dessen Erfolge sich nicht unmittelbar in klingende Münze umsetzen.

1987 mündeten die Verhandlungen Walter Höllerers mit dem Bayerischen Kultusministerium in eine zukunftsweisende Vereinbarung: Er übergab seine Korrespondenz als Herausgeber der Zeitschrift "Akzente", Originalmanuskripte, Fotos, Tonkassetten, Literaturzeitschriften und Bücher dem Freistaat Bayern, der die Sammlung dem Literaturarchiv "zur Nutzung im Rahmen des Vereinszwecks" als Dauerleihgabe überließ. Im Gegenzug verpflichtete sich der Freistaat, "das ehemalige Amtsgerichtsgebäude in Sulzbach-Rosenberg dem vorgenannten Verein zum Zwecke der Unterbringung und Betreuung des Literaturarchivs unbefristet miet und baulastenfrei zu überlassen." 1991 ergänzte Walter Höllerer seine Sammlungen mit einer umfangreichen zweiten Schenkung an den Freistaat Bayern, wobei er die Sicherung auch der finanziellen Zukunft des Literaturarchivs im Auge hatte. Mit der Schenkung verzichtete er wiederum auf finanzielle Gegenwerte für sich selbst: Der Freistaat gab sie weiter an das Literaturarchiv und verpflichtete sich, das ehemalige Amtsgericht zu einem archivtauglichen Haus auszubauen und zu renovieren, was 1994-1996 bei laufendem Betrieb geschah. Die Stadt ehrte Walter Höllerer für dieses zukunftsträchtige Engagement mit der Ehrenbürgerschaft.

Der Übergang des ehrenamtlich betreuten Hauses zu einer hauptamtlich geführten, wissenschaftlich arbeitenden Institution mit ehrenamtlichen Mitarbeitern gestaltete sich nicht immer reibungslos. Tradierte Handlungsmuster, lieb gewordene Privilegien und der Stolz auf die gemeinsam unter oft schwierigen Bedingungen geleistete, unentgeltliche Arbeit kollidierten mit neuen Strukturen und veränderten Zielsetzungen.

Heute beschäftigt der Verein zwei fest angestellte wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, das Sekretariat wird von einer Teilzeitkraft geführt. Im ehrenamtlich arbeitenden Vorstand sind weiterhin die Universität Regensburg, die Stadt Sulzbach-Rosenberg und das Literarische Colloquium Berlin vertreten.

Im Sommer 2002 hat das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, das sich mittlerweile als Literaturhaus in Nordbayern etabliert hat, sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Das hat vor allem auch die ehrenamtlichen Engagierten der ersten Stunde mit Stolz erfüllt. Staatsminister Zehetmair hob in seiner Rede zum Jubiläum nochmals das Zusammenspiel von Walter Höllerer, den Sulzbach-Rosenberger Bürgern und ihrer politischen Vertreter auf vielen Ebenen und dem Freistaat Bayern hervor.

 

Barbara Baumann-Eisenack

Dr. Barbara Baumann-Eisenack ist wiss. Leiterin des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg.

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 1/2003

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