Museum für Sepulkralkultur, Kassel: VITA DUBIA – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden

Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert galten gemeinhin sehr einfache Zeichen als Indizien für den Eintritt des Todes: War etwa kein Herzschlag und kein Puls mehr zu fühlen, blieb eine Flaumfeder bewegungslos auf dem Mund liegen oder beschlug ein Spiegel nicht durch die Atmung, wurde der Betreffende für tot gehalten. Benjamin Georg Peßler: Leicht anwendbarer Beystand der Mechanik, um Scheintodte beim Erwachen im Grabe auf die wohlfeinste Art wieder daraus zu erretten, Braunschweig 1798; Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Foto: Museum für Sepulkralkultur, Kassel Im Zuge der Aufklärung entbrannte in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts geradezu epidemisch eine Furcht der Menschen davor, lebendig begraben zu werden. Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften brachten die alten Gewissheiten über die Grenze zwischen Leben und Tod ins Wanken, und es folgte eine weit auch über die Fachkreise hinausgehende gesellschaftliche Diskussion über den Zwischenzustand, den "Scheintod".

Die "Angst vor dem Lebendig-begraben-Werden" grassierte. Eine der Folgen war die Errichtung des ersten Leichenhauses auf dem Jacobskirchhof in Weimar 1792 mit der Inschrift "Vitae dubiae asylum", Haus des zweifelhaften Lebens. Die zutiefst beunruhigende Problematik des Scheintods regte nicht nur Ärzte und Wissenschaftler zu bizarren Experimenten an und veranlasste skeptische Erfinder zum Bau skurriler Rettungsapparate. Es entfachte sich beispielsweise auch eine Debatte darüber, welche Hinrichtungsmethode humaner sei: Köpfen oder Hängen? Gleichzeitig löste die weit verbreitete Verunsicherung einen kreativen Impuls aus.

Schneewittchen, Illustration von Ludwig Emil Grimm. Nach der Ausgabe Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm - Kleine Ausgabe. Erste Auflage - Berlin: G. Reimer, 1825, Grimm Sammlung der Stadt Kassel, Foto: Museum für Sepulkralkultur, Kassel Denn sie inspirierte die Dichter und Schriftsteller der Romantik zu großartigen, bisweilen düsteren und unheimlichen Gedichten, Novellen und Romanen. Zu den bekanntesten literarischen Werken zählen etwa "Schneewittchen" von den Brüdern Grimm oder auch Mary Shelleys "Frankenstein". Besonders faszinierend beschrieb auch Edgar Allan Poe (1809–1849) seine Scheintod-Ängste.

Zweifel, Angst und Unsicherheit von damals begegnen uns noch heute. Sie lebt auch im Alltag des Bestattungswesens fort, denn trotz eines ärztlich ausgestellten Totenscheins dürfen Verstorbene noch immer nicht vor Ablauf einer bestimmten Frist beigesetzt werden. Diesem Phänomen des Scheintods in seiner Komplexität widmet sich die aktuelle Sonderausstellung im Museum für Sepulkralkultur. Die Ausstellungsmacher der Agentur h neun Berlin – Büro für Wissensarchitekturen, erzählen in fünf Themenräumen Geschichten rund um den Scheintod:

  • "Die große Angst"
    Einführung und Beginn der Scheintoddebatte
  • "Gestatten, Hufeland!"
    Über den Arzt und Wortführer der Debatte Christoph Wilhelm Hufeland 1762–1836
  • "Dem Leben auf der Spur"
    Experimente und Forschung, Vermittlung der Hauptaspekte
  • "Dem Scheintod entkommen"
    Leichenhaus, skurrile Rettungsapparate und andere Erfindungen
  • "Ausblick"

Die facettenreich inszenierten Räume machen mittels Installationen, Hörstationen, historischen Grafiken/Kupferstichen und Exponaten, historischen Quellen und Groß-Projektionen das komplexe Phänomen erleb- und erfahrbar. Sie werfen – in einem Ausblick – Fragen auf, die bis in die heutige Zeit reichen.

Jutta Lange

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Museum für Sepulkralkultur

 

VITA DUBIA - Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden

Museum für Sepulkralkultur, Kassel
Sonderausstellung, bis 16. April 2017
Im Rahmen der Ausstellung wird ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten

AsKI KULTUR lebendig 2/2016

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