Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum: Revolution und Tradition. 150 Jahre Freies Deutsches Hochstift

Im Herbst 1859 erschien eine Broschüre, die alle »vaterlandsliebenden Träger und Pfleger geistigen Strebens in allen Ständen« dazu aufrief einem Verein beizutreten, der schon im Namen auf die politischen Bestrebungen der Jahre 1848/49 hinwies: »Das Freie Deutsche Hochstift für Wissenschaften, Künste und allgemeine Bildung zu Frankfurt am Main«.

Autor war Otto Volger, der seit 1856 als Lehrer der Geologie und Mineralogie für die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft arbeitete. Frei und deutsch sollte Volgers Vereinigung sein, frei von jeglicher staatlichen Abhängigkeit, eine Pflegestätte der geistigen Einheit, die, aller staatlichen Zersplitterung zum Trotz, gesamtdeutschen Geist und Bildung für alle fördern und verkörpern sollte. Das Besondere an Volgers Tat war: Erstmals waren es Vertreter des aufstrebenden, geistig freien Bürgertums, keine Fürsten, die mit dem Freien Deutschen Hochstift eine Akademie gründeten. 56 Männer folgten der Einladung. Der Arzt und Philosoph Ludwig Büchner etwa, Friedrich Ernst Roessler, der Begründer der Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt (Degussa), sowie des »Jungen Deutschlands Buchhändler« Carl Friedrich Loening.

Mitarbeiter des Goethe-Hauses, 1913, Foto: Freies Deutsches HochstiftVolger wollte mit seiner Hochstiftsidee, einer Mischung aus Revolution und Romantik, im Geistigen fördern, was im Politischen misslungen war. Einen »Bundestag des Deutschen Geistes« wollte er begründen, der unter den Farben Schwarz-Rot-Gold »das gemeine Recht der Geistesbildung« dem ganzen Volk ermöglicht. Mitglied konnte »jeder Freund Deutscher Wissenschaft, Kunst und allgemeiner Bildung« werden, unabhängig von Konfession, Geschlecht oder Bildungsstand. Volger besaß keinerlei finanzielle Mittel für die große Aufgabe und sein visionärer Plan wäre bald gescheitert, wenn er nicht 1862 einen Stiftsort und eine Aufgabe gefunden hätte, die seinem Verein Ansehen und Bekanntheit in Deutschland und der Welt sicherte: Auf eigenes Risiko erwarb er Goethes Elternhaus am Großen Hirschgraben, um es für die Nachwelt zu erhalten und der Öffentlichkeit – mehr als 20 Jahre vor Weimar – als Memorialstätte zugänglich zu machen. So wurde Goethe zum Schutzgeist des Freien Deutschen Hochstifts und sicherte dessen Fortbestehen auch in politisch schwierigen Zeiten.

Man begann eine Bibliothek sowie Sammlungen mit Kunstwerken und Handschriften aufzubauen, begründete mit Schenkungen von Nachkommen Schillers und Herders den so genannten »Goetheschatz«, der schließlich den Grundstock für das erste Frankfurter Goethe-Museum bildete, das 1897 mit Hilfe der Stadt Frankfurt eröffnet wurde. Goethes Name besaß eine enorme Anziehungskraft. Die Zahl der Mitglieder stieg nach dem Kauf des Goethe-Hauses um mehr als das Dreifache und machte das Hochstift innerhalb kürzester Zeit zu einem der mitgliederstärksten Vereine Frankfurts mit »Stiftsgenossen« in der ganzen Welt. Dichter, Künstler und Gelehrte wie Franz Grillparzer, Friedrich Rückert, Alfred Brehm, Heinrich Schliemann, Wilhelm von Kaulbach oder Richard Wagner wurden zu Mitgliedern und »Meistern«.

Unter Karl Nikolaus Berg und Veit Valentin wurde die Lehrtätigkeit ausgebaut. Ein Akademischer Gesamtausschuss wurde ins Leben gerufen, der in Frankfurt partiell Aufgaben einer freien Hochschule übernahm und Vorlesungen und Seminare in sieben Fachabteilungen anbot.

 

Mitgliedsurkunde von Walther von Goethe, Foto: Freies Deutsches HochstiftOtto Heuer, der zwischen 1888 und 1925 die Geschicke des Hochstifts bestimmte, organisierte erste Goetheausstellungen und baute die Sammlungen zielstrebig aus, um einen Neubau für das erste Frankfurter Goethe-Museum zu erreichen. Krieg und Inflation vernichteten das Stiftungsvermögen, und nur der Hilfe der Goethefreunde aus aller Welt war es zu verdanken, dass das Hochstift überlebte. Heuers Nachfolger Ernst Beutler gelang es schließlich, das neue Museum zu realisieren. Im Goethejahr 1932 konnte, nachdem die ›Volksspende für Goethes Geburtsstätte‹ die nötigen Mittel erbracht hatte, das erweiterte Frankfurter Goethe-Museum durch Thomas Mann eröffnet werden. Mit Werken von Füssli, Graff, Hackert bis Caspar David Friedrich ist es heute eine bemerkenswerte Galerie der Goethezeit.

 

Auf die Goethefeiern des Jahres 1932 folgten die Jahre der NS-Diktatur, und es gehört zu den besonderen Leistungen Beutlers, dass er die freiheitliche Hochstiftsidee und den weltoffenen Geist Goethes ebenso zu bewahren suchte wie die Bilder und Handschriften, die von dessen Leben zeugen. Das Hochstift galt als Hort der liberalen Opposition, weil man missliebige Gelehrte wie Ludwig Justi und Ludwig Curtius sprechen ließ. Karl Jaspers hielt hier 1937 seine letzte öffentliche Vorlesung über »Existenzphilosophie« im nationalsozialistischen Deutschland. Beutler ist auch der originalgetreue Wiederaufbau des Goethe-Hauses zu danken, das 1944 im Bombenkrieg vollständig zerstört wurde. Nach dem Krieg entbrannte dann um den Wiederaufbau des Goethe-Hauses ein heftiger öffentlicher Streit, der sich in Deutschland zu einer ersten Nachkriegsdebatte über die Frage entwickelte, wie mit der jüngsten Geschichte umzugehen sei. Im Juli 1947 legte André Gide den Grundstein zum Wiederaufbau, am 10. Mai 1951 übergab Bundespräsident Theodor Heuss das wiedererstandene Frankfurter Goethe-Haus der Öffentlichkeit.

 

Zerstörtes Goethe-Haus, 1944, Foto: Freies Deutsches HochstiftBeutlers Nachfolger Detlev Lüders und Christoph Perels wendeten sich stärker den akademischen Aufgaben zu. Davon zeugen vor allem zwei historisch-kritische Gesamtausgaben: die von Clemens Brentano und Hugo von Hofmannsthal.

 

Aus den bescheidenen Anfängen des Jahres 1859 ist mittlerweile eine der wichtigsten Forschungsstätten der Goethezeit und vor allem der Romantik hervorgegangen, das über ein großes Handschriften-Archiv, eine bedeutende Gemälde-Galerie der Goethezeit, eine Graphische Sammlung sowie eine jedermann zugängliche Spezialbibliothek mit rund 130.000 Büchern verfügt. Die historische Schau will mit Handschriften und Dokumenten, mit Zeichnungen, Gemälden und Fotografien die bewegte und bewegende Geschichte des Freien Deutschen Hochstifts nachzeichnen und zugleich zeigen, dass die Geschichte der Bürgerstiftung ein wichtiges Stück Kultur-, Stadt- und Nationalgeschichte ist.

 

Joachim Seng

Die Ausstellung findet vom 10. November 2009 bis zum 28. Februar 2010 statt.

 

AsKI KULTUR lebendig 2/2009

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