Sex - Vom Wissen und Wünschen : Eine Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums, Dresden

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Zur Vorgeschichte der Ausstellung

Sexualität und Sexualaufklärung sind Ausstellungsthemen, die beim traditionell sehr jungen Publikum des Deutschen Hygiene-Museums auf eine besonders große Resonanz stoßen.

 

Mit der Neukonzipierung des Hauses nach 1991 und seiner inhaltlichen und methodischen Profilierung als interdisziplinär arbeitendes Museum vom Menschen musste das Thema Sexualität sehr viel komplexer verstanden werden, als es der konventionelle Begriff der Sexualaufklärung nahe legt. Sexualität sollte als biologisches, kulturelles und gesellschaftliches Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick genommen werden.

Erster Verhütungsmittelkoffer der Pro Familia, 1973, © Foto: David Brandt, Dresden/BerlinMit der aktuellen Sonderausstellung "Sex - Vom Wissen und Wünschen" (8. November 2001 bis 11. August 2002) beschließt das Deutsche Hygiene-Museum jetzt seine Trilogie zur menschlichen Sexualität, die 1993 mit "Unter anderen Umständen. Zur Geschichte der Abtreibung" begonnen hatte und 1996 mit "Die Pille - Von der Lust und von der Liebe" fortgesetzt worden war.

Die letzte Ausstellung dieser Trilogie stellt nun keinen Rückgang zum Einfachen oder Ursprünglichen dar; der Zugang zum Thema Sexualität und Gesellschaft hat sich vielmehr in neuer Weise differenziert und kompliziert. Denn das Thema Sexualität steht heute im Schnittpunkt zweier Achsen: Die diachrone Achse verläuft von der sexuellen Revolution über die diskurskritischen Analysen von Michel Foucault bis heute, die synchrone zwischen Phantasie, Pharmazie und Reproduktionsmedizin. Alle Elemente, die für heterosexuelle Partnerschaften und für die Familie konstitutiv waren, emotionale, biologische, ökonomische Bindungen, sind zu Kannbestimmungen geworden. Und mit den Möglichkeiten der Reproduktionstechnologie verlor zuletzt die heterosexuelle Paarbeziehung ihre gesellschaftliche und biosoziale Hauptaufgabe der Reproduktion. Gleichzeitig wurden neue Verhaltensweisen und Stile des Zusammenlebens entwickelt, in denen Sexualität ein Mehr an Sichtbarkeit und Bedeutung besitzt.

Aus: Sha Kokken, Sexuelle Technik in Wort und Bild Flensburg 1966, © Bundesprüfstelle für jugendgefährdende SchriftenNachdem eine erste wissenschaftliche Konzeption für das neue Projekt vorlag, stellten wir uns die Frage, welche Gestalt diese Ausstellung annehmen sollte, welche Anmutung - um diesen luftigen Begriff aus der Sprache der Ausstellungsmacher zu verwenden - sie haben könnte. Angesichts der Omnipräsenz von Sexualität in der Werbung und in den Medien und der hierdurch vorgeprägten Erwartungshaltung der Besucher war uns schnell klar, dass die Präsentationsform der Ausstellung nicht in Konkurrenz zur suggestiven Sprache dieser populären Bilderwelten treten dürfte. Etwas ganz Anderes, Nüchternes und Irritierendes sollte an ihre Stelle treten.

Wir entschlossen uns darum, nicht mit einem klassischen Ausstellungsgestalter oder -architekten zu kooperieren, sondern sprachen mit Rosemarie Trockel (u. a. Trägerin des Kulturpreises Köln 2001) eine international anerkannte Künstlerin an, die in ihrem Werk auf unterschiedlichste Weise das Thema Sexualität umkreist. Rosemarie Trockel stellte dann eine Gruppe von Künstlern - bestehend aus Curtis Anderson, Heike Beyer und Matti Braun sowie der Theoretikerin Astrid Wege - zusammen, die im engen Dialog mit den wissenschaftlichen Kuratorinnen eine eigene Dramaturgie und Bildsprache für die Ausstellung entwickelte, in der die moderne Sexualität als permanenter Dialog zwischen Wissen und Wünschen in Szene gesetzt wird. Es ist so eine spezifische Präsentationsform entstanden, in der die ganz unterschiedlichen Materialien in Reibung zueinander treten, eine Konfrontation von klassischen wissenschaftsgeschichtlichen Exponaten mit einer informativen naturwissenschaftlichen Objektebene, durch die auch aktuelles Handlungswissen vermittelt wird.

Wissen: Eine Bibliothek der Sexualität

Erst vor rund zweihundert Jahren hat der Botaniker August Henschel den Begriff "Sexualität" in einer Studie über die Fortpflanzung der Pflanzen in die Wissenschaftsgeschichte eingeführt; "Sexualität" wurde seither zum Forschungsgegenstand der unterschiedlichsten Disziplinen. Philosophen, Biologen, Mediziner, Sexualwissenschaftler, Demographen, Juristen, Aufklärer, Erzieher, Systemkritiker, Journalisten und Künstler haben zu verschiedenen Zeiten ihre Definitionen geliefert und "Sexualität" zu einer schillernden Begriffsgeschichte verholfen.

Anti-Onanier-Apparat, 19. Jahrhundert, © Deutsches Historisches Museum, Berlin : Ziel der Anwendung dieser Geräte war es,  an der Zweckgebundenheit von Sexualität als Mittel zur Fortpflanzung festzuhalten.Die Ausstellung präsentiert diese Geschichte als eine nachgebaute - und für die Besucher benutzbare - Bibliothek, in der das verbreitete Wissen über Sexualität und Fortpflanzung zur Verfügung gestellt wird. Exemplarisch lässt sich hier beispielsweise anhand eines Abrisses der Sexualaufklärung der gesellschaftliche Wandel verfolgen, der sich in der deutschen Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren vollzogen hat. War in den 1950-er Jahren Jugendsexualität außerhalb der Ehe noch völlig tabu, setzt die Pädagogik heute - nicht zuletzt angesichts der Gefahr von AIDS - auf praktische Aufklärung: So wird mit Kondom-Übungsmodellen im Unterricht der Umgang mit Präservativen geübt. Puppen, die in der frühkindlichen Sexualaufklärung zum Einsatz kommen, sind mit deutlich erkennbaren Genitalien ausgestattet. Aber man entdeckt auch eine Konstante: Die (Puppen)-Mutter hat immer ein Kind im Bauch. Durch die Gegenüberstellung der historischen Aufklärungskampagnen mit der gleichzeitig stattfindenden Indizierung "jugendgefährdender" Publikationen wird die Ambivalenz und die wechselseitige Beeinflussung der gesellschaftlichen und der wissenschaftlichen Entwicklungen greifbar.

Praxis: Die Neuordnung von Fortpflanzung und Sexualität

Auch wenn in Zukunft die meisten Kinder weiterhin durch einen sexuellen Akt gezeugt werden, stellt sich heute, nach den großen Liberalisierungswellen der sechziger und siebziger Jahre, bereits die Frage, wie die neuen Reproduktionstechniken unser komplexes Verhältnis zu Fortpflanzung und Sexualität verändern werden. Hat sich mit der Einführung der Pille vor dreißig Jahren die Sexualität von der Fortpflanzung abgelöst, so trennt sich heute mit der Befruchtung im Reagenzglas - so Carl Djerassi, der wissenschaftliche Vater der Pille - nun auch die Fortpflanzung von der Sexualität. Dieser Bruch in der Gattungsgeschichte stellt den Problemhorizont dar, vor dem die nächste Abteilung der Ausstellung gesehen werden muss.

Abbildung des Eierstocks aus: Regnerus de Graaf, Opera Omnia; Leiden 1678, © Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek DresdenDieser größte Saal der Ausstellung ist geprägt von strenger architektonischer Klarheit; der Raum ist durchflutet von hellem, teils auch farbigem Licht, transparente Tischvitrinen nehmen die Exponate und Texterläuterungen auf. In dieser luziden Atmosphäre wird deutlich, dass Wissenschaft und Aufklärung Sexualität aus dem Dunkel ans Licht geholt haben, der menschliche Körper - und mit ihm die Sexualität - transparent, wenn auch nicht bis ins Letzte "durchschaubar" geworden ist. Kein visuelles Medium, das hierzu nicht seinen Teil beigetragen hätte: Der (weibliche) Orgasmus per Sonde gefilmt, der Koitus im Kernspintomographen fotografiert und als Videofilm zusammengeschnitten, Spermium und Ei sind in ihren Entstehungsorten lokalisiert und greifbar geworden.

Ungewollt kinderlose Paare sind heute nicht mehr dazu verdammt, diesen Zustand als unabwendbares Schicksal zu ertragen. Ein objektiverer Blick auf Sexualität hat Gesetzesreformen ermöglicht, die dem Einzelnen die Selbstgestaltung seiner sexuellen Biographie zugestehen, und pädagogische Programme greifen dort ein, wo Interessenkonflikte zwischen unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen bestehen. Die vom Zwang zur Fortpflanzung losgelöste Sexualität wird zu einem Experimentierfeld, auf dem verschiedene gesellschaftliche Organisations- und Kommunikationsformen durchgespielt werden können.

Wegener/Elbe vor und nach der Operation, Ort: Paris/Dresden, Zeit: 1929/1930, Quelle: Reproduktion aus "Lili Elbe, ein Mensch wechselt sein Geschlecht" - Niels Hoyer, Dresden: Carl Reißner, 1930, © Foto: David Brandt, Dresden/Berlin ; Eine der ersten gelungenen Geschlechtsumwandlungen in Deutschland wurde am dänischen Landschaftsmaler Einar Wegener (1883-1932) vorgenommen.Projektionen: Begehren in Künstler- und Dokumentarfilmen

Der letzte Ausstellungsraum stellt den Fluchtpunkt dar, in den die Diskurse des sexuellen Wissens und der sexuellen Praxis einmünden. Er ist als eine in sich verschachtelte Haus-im-Haus-Architektur gestaltet, in der auf mehreren Ebenen und Projektionsflächen Filme und Videos gezeigt werden, die individuell in kleineren Räumen oder auch simultan von mehreren Besuchern gleichzeitig betrachtet werden können. Beispiele aus Film- und Videokunst, aber auch aus dem Bereich des Dokumentarfilms stellen das menschliche Begehren auf ganz unterschiedliche Weise dar, es sind Bilder von intimen Wünschen, die manchmal fremd, manchmal aber auch komisch erscheinen.

Künstlerische Arbeiten haben in den letzten Jahrzehnten viele Entgrenzungen und Enttabuisierungen vorweggenommen, die erst viel später in der Gesellschaft nachvollzogen worden sind. Die Filme handeln auch von der Vielfalt des Sehens, von dem besonderen Blick auf das Sexuelle, der je ein anderer ist, ob er nun derjenige der Wissenschaftler, der Liebenden oder der Ausstellungsbesucher ist. Die Ausstellung ist ein Angebot an die Besucher, im Medium der Wissenschaft, der Kunst und ihrer eigenen Erfahrungen über die besondere Position der Sexualität zwischen Experiment und Utopie nachzudenken.

Gisela Staupe / Susanne Kridlo

Susanne Kridlo ist Projektleiterin der Sonderausstellung "Sex - Vom Wissen und Wünschen" im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden
Gisela Staupe ist stellvertretende Direktorin des Deutschen Hygiene-Museums, Dresden, und wissenschaftliche Leiterin der Ausstellungstrilogie "Sexualität"


AsKI KULTURBERICHTE 3/2001

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