Goethe und Sant' Onofrio

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Giuseppe Vasi hat 1765 ein Panorama von Rom als Kupferstichfolge veröffentlicht, das seine Perspektive vom Gianicolo her gewinnt, von einem Platz, auf dem heute das Garibaldi-Denkmal steht.

 

Guiseppe Vasi, St. Peter und Petersplatz, Kloster Sant Onofrio, Ausschnitt aus dem Gesamtplan der Stadt Rom, Kupferstichfolge, 1765, © Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Auf diesem Panorama, das noch das "alte" Rom, das Rom vor der Erhebung zur italienischen Hauptstadt, mit seinen Renaissance- und Barockgärten zeigt, sind linker Hand, sozusagen als Schattenkulisse, vor dem Petersdom Kirche und Klosteranlage von Sant' Onofrio zu sehen. Eine beeindruckende Lage, damals wie heute, die ihre Schönheit in klaren Morgenstunden ganz entfalten kann. Wie eine Herausforderung liegt Rom diesem Kloster zu Füßen.

 

An ebendiesem Ort befindet sich die Grabstätte des italienischen Renaissance-Dichters Torquato Tasso (1544-1595), der dem deutschen Publikum vor allem als Held von Goethes Schauspiel "Torquato Tasso" aus dem Jahr 1790 bekannt ist. Tassos leidvollem Leben verleiht Goethe dort den Ausdruck:

Die Träne hat uns die Natur verliehen,
Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
Es nicht mehr trägt - Und mir noch über alles -
Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
Die tiefste Fülle meiner Noth zu klagen:
Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.


Tassos Kreuzzugsepos "Das befreite Jerusalem", lange Zeit gemeineuropäischer Besitz, hat Goethe schon in der Jugendzeit kennen gelernt - er benutzt daraus Figurenkonstellationen in seinem Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Das Entwurfsmanuskript zu seinem "Tasso"-Stück nahm Goethe 1786 mit auf seine Reise nach Italien, er besichtigt Tassos Kerker im Kloster Sant' Anna in Ferrara, hört in Venedig Tasso-Gesänge der Gondolieri. Unter dem Datum des 2. Februar 1787 schildert er seinen Eindruck in Rom:

"Darauf suchten wir das Freie und kamen nach einem großen Spaziergange auf Sant' Onofrio, wo Tasso in einem Winkel begraben liegt. Auf der Klosterbibliothek steht seine Büste. Das Gesicht ist von Wachs, und ich glaube gern, daß es über seinen Leichnam abgeformt sei. Nicht ganz scharf, und hie und da verdorben, deutet es doch im ganzen mehr als irgendein anderes seiner Bildnisse auf einen talentvollen, zarten, feinen, in sich geschlossenen Mann." ("Italienische Reise", 16. Februar 1787).

Tritt man in die Kirche, so ist in der ersten Kapelle dort ein Marmordenkmal zu finden, ein Ganzbildnis des sitzenden Dichters, der in der linken Hand ein Exemplar des "Befreiten Jerusalem" hält - zu Füßen liegt ein Exemplar seiner Gedichte. Als Verteidiger des Glaubens, auch im Erscheinungsbild an Cervantes erinnernd, sind ein Schild und Waffen im Sitzblock hervorragend platziert. Unterhalb der Nische befindet sich ein Kreuz, dahinter wird die Asche des Schriftstellers aufbewahrt. Noch auf dem Weg zur Kapelle, zwischen Tür und Kapelleneinmündung, hängt ein Porträt Tassos mit einer Marmortafel, auf der erläutert wird, dass sich hier die Überreste des Dichters befunden haben, ehe durch Pius IX. das neue Standbild eingeweiht wurde. Zwei Räume sind im Kloster als Tasso-Museum ausgestaltet, wo auch die Totenmaske zu sehen ist (Voranmeldung erforderlich). Das moderne Künstlerverständnis verbindet sich für Goethe mit der Gestalt Tassos, den er eine weitergehende Hoffnung aussprechen lässt:

Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,
So ist das Leben mir kein Leben mehr.
Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen,
Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt:
Das köstliche Geweb' entwickelt er
Aus seinem Innersten, und läßt nicht ab
Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen.
O geb' ein guter Gott uns auch dereinst
Das Schicksal des beneidenswerten Wurms,
Im neuen Sonnental die Flügel rasch
Und freudig zu entfalten!

 

Gedenktafel für Goethe


Am 13. Mai 2003 ist an der Außenfront des Klosters Sant' Onofrio eine Tafel enthüllt und geweiht worden, die an Goethes Rom-Aufenthalt erinnert:


Dem größten deutschen Dichter
Johann Wolfgang von Goethe
gewidmet,
der, so die "Italienische Reise",
Sant' Onofrio am 2. Februar 1787 besucht
und das ergreifende Schauspiel
"Torquato Tasso" geschrieben hat.


2003

 

 

Einweihung der Gedenktafel für Goethe, Kloster Sant Onofrio, Rom, (v.l.n.r.: ) Prof. Dr. Max-Eugen Kemper; Herta Gumprecht; Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen, © Foto: Casa di Goethe Rom

Die Tafel ist Ersatz für eine verloren gegangene, in ihrem Inhalt nicht bekannte Platte, deren Erneuerung Rev. Daniel O'Shea S.A. als Kirchen-Verantwortlicher erfreut zugestimmt hat. Eine großzügige Mäzenatin hat Herstellung, Transport und Anbringung möglich gemacht. Bei dem kleinen Festakt hat auch Botschaftsrat Prof. Dr. Max-Eugen Kemper teilgenommen, für den dies ein Teil der Verabschiedung als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl gewesen ist. Die Initiative für die Gedenktafel ist vom Goethe-Museum in Düsseldorf ausgegangen.

 

 

Volkmar Hansen

Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen ist Vorstand und Direktor des Goethe-Museums/ Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Düsseldorf und Vorsitzender des AsKI e.V.

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 2/2003

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