Friedrich Pfäfflin im Ruhestand

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Genau 25 Jahre lang war Friedrich Pfäfflin die Museumsabteilung innerhalb der Marbacher Institution anvertraut, die den komplizierten Namen "Schiller-Nationalmuseum und Deutsches Literaturarchiv" trägt.

Die Doppelbezeichnung gibt zu erkennen, dass sich zu den Marbacher Sammlungen zwei Türen öffnen: eine für die Allgemeinheit, die Belehrung und Ergötzen an der Literatur sucht, eine für die Forschung, die sich Quellen des Wissens erschließt.

Dr. Friedrich Pfäfflin in der Jahresausstellung 1999 zu Karl Kraus, Foto: Schiller Nationalmuseum / Deutsches LiteraturarchivFast eine Generationenspanne hindurch hat Friedrich Pfäfflin dafür gesorgt, dass "Marbach" in der ganzen Welt auf beide Weisen wahrgenommen wird - er hat den ständigen und den wechselnden Ausstellungen im Schiller-Nationalmuseum und den Publikationen Glanz und Strahlkraft gegeben.

Friedrich Pfäfflins Wirkungsfeld ist immer im Dreieck zwischen Literatur, bildender Kunst und Handwerk angesiedelt gewesen. Was er gestaltet, seien es Bücher, seien es literarische Ausstellungen, richtet sich immer, und auf höchstem Niveau, zugleich an die sinnliche und an die geistige Wahrnehmung des Lesers oder des Betrachters - und ist doch, das ist der Prüfstein seiner Qualität, anziehend für Jedermann. Wer die große Ständige Ausstellung über Schiller im Marbacher Museum kennt, wer seine zahlreichen Ausstellungen zu Themen der Literatur- und der Verlagsgeschichte gesehen hat - etwa jene von 1985 über den S. Fischer Verlag oder die von 1999 über Karl Kraus -, empfindet das in gleicher Weise wie der Leser der 'Marbacher Magazine'. Foto: Schiller Nationalmuseum / Deutsches Literaturarchiv Mit dieser Schriftenreihe verbindet sich Pfäfflins Name ganz besonders. Die Anfangsnummer erschien im März 1976, sofort nach dem Amtsantritt in Marbach. Inzwischen steht die Reihe beim 95. Band, und Pfäfflin hat zugesagt, sie noch bis 2002, bis zum Band 100 zu gestalten. Viele der Marbacher Kabinettausstellungen oder der literarischen Gedenkstätten, welche von den 'Marbacher Magazinen' begleitet werden, haben Pfäfflin zum Autor oder mindestens zum Anreger und Mitgestalter gehabt, ja, die Marbacher Kabinettausstellung als die leichtere, beweglichere Form der Wechselausstellungen ist ihm zu verdanken. Die 'Marbacher Magazine' sind bei Sammlern und Lesern in aller Welt begehrt, weil ihre Gestaltung - ohne jede bibliophile Gespreiztheit - zum Schönsten, Lebendigsten, Abwechslungsreichsten, Bezauberndsten auf diesem Gebiet gehört. Pfäfflin hat Marbach damit - und nicht nur damit - ein Markenzeichen eigener Art beschert. Sein Beitrag zur Ausstrahlung, die von der Marbacher Schillerhöhe ausgeht, ist unschätzbar.

Marbacher Magazin (Auswahl), Foto: Schiller Nationalmuseum / Deutsches LiteraturarchivSeinen Ruf als Verlagsmann (auch als solcher hatte er eine wichtige Funktion bei der Deutschen Schillergesellschaft) und seinen Ruhm als Büchermacher hat er aber nicht erst in Marbach begründet. Nach Verlagslehre, Auslandsaufenthalten und literaturwissenschaftlichen Studiensemestern wirkte er im Münchner Kösel-Verlag und später bei Hanser am Aufbau der literarischen Verlagsprogramme mit. Die "Nachrichten aus dem Kösel-Verlag" erregten ihrer ästhetischen und inhaltlichen Gestaltung wegen das Aufsehen der Kenner und Liebhaber, ebenso wie die von ihm entworfenen Buchumschläge. Als Herausgeber von Werken und Texten der literarischen Moderne hat er, der unter anderem die Urheberrechte von Karl Kraus verwaltet, sich ebenfalls einen Namen gemacht. Zu den vielen Impulsen, die ihm Marbach verdankt, gehört auch die Gründung der 'Arbeitsstelle für literarische Museen und Gedenkstätten in Baden-Württemberg', die für die literarische Landschaft Südwestdeutschlands prägend geworden ist.

Sein Ideenreichtum und seine Weltgewandtheit haben Grenzen jeglicher Art mit Leichtigkeit und Eleganz übersprungen. So hat er den, bis dahin meist einzelnen Autoren verpflichteten, Marbacher Kabinettausstellungen und "Magazinen" durch eine originelle, der Phänomenologie der Autorschaft gewidmete ,Reihe in der Reihe' neue Akzente gegeben: "Vom Schreiben 1 bis 6" zeigte die Dichter und Schriftsteller federkauend vor dem ersten, noch weißen Blatt, zeigte ihr Verhältnis zum Schreibgerät, die bevorzugten Orte ihres Schreibens, den Einfluss von Stimulanzien, die Rolle von Widmungen. Auch liegen gebliebene Pläne thematisierte eines dieser Kabinette: "Ankündigungen oder 'Mehr nicht erschienen' "; mit einem Vortrag darüber hatte sich Pfäfflin 1996 in Tübingen für den Ehrendoktor der Literaturwissenschaftlichen Fakultät bedankt. Anschließend hat er das Thema in einer fulminanten Ausstellung präsentiert. Und die vier Hefte des Jahres 2000, die sich nicht auf Marbacher Kabinettausstellungen beziehen ließen, weil das Schiller-Nationalmuseum wegen Renovierung geschlossen werden musste, widmete Pfäfflin kurzerhand literarischen Stätten im östlichen Mitteleuropa und in Osteuropa, zweisprachig: Thomas Mann in Nidden (Litauen), Karl Kraus in Janowitz (Tschechien), Rilke in Jasnaja Poljana (Russland), Paul Celan in Czernowitz (Ukraine). Als letztes Meisterstück seiner Dienstzeit bei der Deutschen Schillergesellschaft hat er den zweiteiligen Katalog der Aufsehen erregenden Ausstellung "Spiegel der Welt" gestaltet, der die Spitzenstücke der Genfer Bibliotheca Bodmeriana durch die Welt begleitet (nach Zürich, Marbach und New York demnächst Dresden - siehe 'Kulturberichte' 2/2000).

Friedrich Pfäfflin wird im Ruhestand weder Ruhe haben noch Ruhe geben. Kunst kennt räumliche und zeitliche Grenzen nicht. Wir werden ihm noch bei vielen literarischen Unternehmungen in verschiedenen Teilen der Welt begegnen. Die Marbacher Abschiedsgabe, Wilhelm Hauffs "Kleiner Muck" mit den Zeichnungen von Fritz Fischer und einem Essay von Ludwig Harig als Band 4 der von Pfäfflin initiierten 'Marbacher Bibliothek', ist ihm nicht nur wegen seiner Liebe zu Wilhelm Hauff gewidmet und schon gar nicht wegen der Körpergröße der Titelgestalt - aber sie gilt einem großen Kopf, im übertragenen Sinn, wie ihn jene Titelgestalt im wörtlichen hat.

Ulrich Ott

Prof. Dr. Ulrich Ott ist Geschäftsführer und Direktor des Schiller-Nationalmuseums und Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar

AsKI KULTURBERICHTE 1/2001

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