Freies Deutsche Hochstift, Frankfurt am Main : Ein Haus für die Romantik

Blick auf das Frankfurter Goethe-Haus und das Deutsche Romantik-Museum, © Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert

Vor zehn Jahren fasste das Freie Deutsche Hochstift den Plan für die Errichtung eines Deutschen Romantik-Museums. Im September wurde das neue Ausstellungshaus in direkter Nachbarschaft zum Frankfurter Goethe-Haus eröffnet.

Die Epochen der Aufklärung, der Klassik und der Moderne sind mit großen Museen in Wolfenbüttel, Weimar und Marbach vertreten. Eine vergleichbare Einrichtung für die Bewegung der Romantik suchte man bislang vergeblich in der internationalen Museumslandschaft, obwohl diese Zeit als Schlüssel­epoche der deutschen und europäischen Geistesgeschichte gilt.

Der blaue Erker, © Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert

Zwar gibt es eine Vielzahl von Gedenkstätten rund um die Romantik, doch widmen sich diese entweder einzelnen Protagonisten oder regionalen Erscheinungsformen der Bewegung. Auch wenn seit über 100 Jahren in Frankfurt am Main vom Freien Deutschen Hochstift eine weltweit einzigartige Sammlung zur Literatur der deutschsprachigen Romantik zusammengetragen wurde, ein passender Ausstellungsort fehlte bisher.

So waren vornehmlich die vielseitigen Bestände der Forschung vorbehalten, zu denen u. a. neben Handschriften von Clemens und Bettina Brentano, Novalis und den Brüdern Schlegel, Joseph von Eichendorffs handschriftlicher Entwurf zu einem der berühmtesten Gedichte der deutschen Romantik „Wünschelrute"‚ das Manuskript von Ludwig Tiecks Novelle „Des Lebens Überfluss" oder Robert Schumanns eigenhändige Kompositions­entwürfe zu seinen „Szenen aus Goethes Faust" zählen.

Caspar David Friedrich, Der Abendstern, um 1830, Öl auf Leinwand, © Freies Deutsches Hochstift

Die bekannten Gemälde wie Caspar David Friedrichs „Der Abendstern" oder Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr", Bilder von Carl Gustav Carus, Graphiken von Philipp Otto Runge u. v. m. waren für das Publikum in der Gemälde­galerie des Hochstift bereits zu sehen, diese sollten aber in neuen Räumlichkeiten im geplanten Museumsbau präsentiert werden.

Eine glückliche Fügung im städtebaulichen Bereich gab schließlich im Jahr 2012 den An­stoß. Als das dem Goethe-Haus benachbarte Grundstück zur Neubebauung frei wurde, stand endlich ein geeigneter Ort zur Verfügung. Die seit dem 1920er-Jahren vom Freien Deutschen Hochstift verfolgte Idee der Einrichtung eines Zentrums für die Romantik konnte in Angriff genommen werden. Die Projektfinanzierung übernahmen öffentliche Geldgeber und maßgeblich private Förderinnen und Förderer. Fünf Jahre nach dem Spatenstich wurde das von Christoph Mäckler entworfene Museum Mitte September 2021 eröffnet. Es bietet im Dialog mit dem Goethe-Haus Zugang zu dieser uns bis heute prägenden Epoche. Die Einbeziehung Goethes öffnet dabei den Horizont auch auf einen europäischen Romantik-Begriff.

Romantik- Ausstellung im 2. OG: Station ‘Öffne alle Adern deines weisen Leibes. Karoline von Günderrode erhält einen Brief‘, © Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert

Das von den vorhandenen Sammlungen ausgehende Ausstellungskonzept entwickelte ein Kuratorenteam des Freien Deutschen Hochstifts (Anne Bohnenkamp-Renken, Mareike Hennig, Konrad Heumann, Wolfgang Bunzel, Joachim Seng) und die Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle in enger Zusammenarbeit mit Petra Eichler und Susanne Kessler (Sounds of Silence), die für die künstlerische Leitung der Romantik-Dauerausstellung verantwortlich zeichnen. Die lichtempfindlichen Manuskripte, Graphik, Gemälde und Gebrauchsgegenstände, die im Mittelpunkt des Museums stehen, stellten die Museumsmacherinnen und -macher vor eine schwierige Aufgabe. Um das Ausstellen dieser kostbaren Originale überhaupt zu ermöglichen, wurden besondere Exponatmöbel entwickelt. Sie ähneln geschlossenen Schreibpulten, die von den Besucherinnen und Besuchern geöffnet werden können. So sind die empfindlichen Exponate nur während der Zeit, in der sie betrachtet werden, einem konservatorisch zu verantwortenden Licht ausgesetzt. Die Handschriften und Bücher scheinen dank des Lichtkonzepts der Lichtgestalter „atelier deLuxe" in den Vitrinen zu schweben. Dem Zauber der Originale kann man sich hier nur schwerlich entziehen. Rund um diese Vitrinen erfahren die Besucherinnen und Besucher mehr über die dort ausgestellten Exponate. Jede Station, an deren Umsetzung unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen mitgewirkt haben, ist mit Liebe zum Detail künstlerisch individuell gestaltet. In diesem intensiven atmosphärischen Raum kann sich in die Geschichten der Objekte vertieft und auch nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart gefragt werden.

Hinzu kommen zahlreiche interaktive Medienexponate, die in enger Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Designstudio „MESO Digital Interiors" entstanden sind. Der Bogen spannt sich von poetischen Lichtinstallationen über klassische Video- und Hörstationen, bis hin zu virtuellen, komplexen Vermittlungs­angeboten. Hörszenen und ein Mediaguide geben der neuen Dauerausstellung eine Stimme. Gemeinsam mit der Musikspur lassen sie die Gäste auch akustisch in die Epoche der Romantik eintauchen.

Die ‘Himmels­treppe‘, © Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert

Rund 1.200 qm Ausstellungsfläche stehen insgesamt für die Goethe-Galerie und die zwei Stockwerke für die Romantik-Dauerausstellung zur Verfügung. Weitere 400 qm bietet der Wechselausstellungsbereich im Untergeschoss. Das neue Foyer dient gleichzeitig als Eingang für Goethes Elternhaus. Es gibt den Blick frei auf den neu angelegten Romantik-Garten, der sich wie der angrenzende Goethe-Garten zum Verweilen anbietet, und auf die historische Brandmauer des Goethe-Hauses. Die ihr gegenüberliegende Wand ist einer heimatlos gewordenen privaten Bibliothek gewidmet, die man mit Hilfe eines Fernrohrs detailliert erkunden kann. Die blaue Haupttreppe führt in den Dauerausstellungsbereich. Über eine Wendeltreppe werden die Besucherinnen und Besucher schließlich wieder ins Foyer geführt.

Die Goethe-Galerie im ersten Stock des Hauses spiegelt die Entwicklung der bildenden Kunst von Goethes Kindheit bis zu seiner Reise nach Italien am Vorabend der Französischen Revolution; ein zentraler Raum ist Goethe in Weimar gewidmet. Die Sammlung präsentiert einen konzentrierten Einblick in hundert Jahre Bildender Kunst und zeigt die Kontinuitäten und Brüche, die die Künste an der Epochenschwelle um 1800 charakterisieren. Die Romantik-Ausstellung im zweiten und dritten Stockwerk schickt die Besucher unter dem Motto „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge" (Friedrich von Hardenberg) auf eine abwechslungsreiche Suche nach dem schillernden Phänomen Romantik und stellt in 35 Stationen eine maßgeblich prägende Epoche der deutschen Kulturgeschichte vor. Der Zeitraum umspannt dabei die Jahre zwischen 1794 bis 1859. Die Anordnung orientiert sich an der historischen Chronologie, gibt aber keine zwingende Reihenfolge für den Besuch vor. Die Geschichten, die in den Stationen erzählt werden, berühren und ergänzen einander. Sie zeigen, was Romantik alles sein kann: eine Epoche der Kulturgeschichte, ein ästhetisches Programm, eine Geisteshaltung oder einfach nur ein Gefühl.

Foyer des Deutschen Romantik-Museums

Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, sich auf die Spur der Romantik zu begeben, deren Ideen, Werken und Personenkonstellationen kennenzulernen. Zeit sollte sich die geneigte Besucherin, der geneigte Besucher mitbringen oder aber gleich einen weiteren Besuch einplanen. Denn eine einfache Antwort wird schwerlich zu geben sein auf die Frage: „Was ist romantisch?". Die Facetten dieser geistesgeschichtlichen Bewegung sind vielfältig. Wie schon Friedrich Schlegel Ende 1797 schrieb: „Meine Erklärung des Worts Romantisch kann ich Dir nicht gut schicken, weil sie – 125 Bogen lang ist."

Kristina Faber | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum

AsKI kultur leben 2/2021

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