Franckesche Stiftungen, Halle an der Saale: Publikation - Hermann Goltz: Die Zarin und der Teufel. Europäische Russlandbilder aus vier Jahrhunderten

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Vor zwei Jahren gelang es der Stiftung der Stadt- und Saalkreissparkasse Halle, einen russischen Kunstschatz aus dem Strudel der europäischen Geschichte zu retten: Sie erwarb eine große Sammlung allerseltenster europäischer Russlandbilder aus dem Nachlass einer russischen Emigrantin.

 

Diese Kunstblätter haben wie Russland ihr fatum. Nach dem bolschewistischen Umsturz von 1917 hat ein Emigrant der ersten Welle diese St. Petersburger Grafik-Sammlung aus Russland nach Paris mitgenommen. Er verkaufte sie dann auf dem Pariser Kunstmarkt, um nicht zu verhungern. Es kam der Zweite Weltkrieg: In Kiew arbeitete eine junge russische Frau, die der antistalinistischen Opposition angehörte, für den Rundfunk der deutschen Wehrmacht in der trügerischen Hoffnung auf Befreiung. Stattdessen musste sie bald mit den Deutschen fliehen und geriet nach Köln. Hier fand sie bei der Deutschen Welle Arbeit. „Tante Alla", wie man sie in deutschen Journalistenkreisen bis heute liebevoll nennt, brachte jungen Kollegen wie Gerd Ruge und Fritz Pleitgen die ersten Grundlagen des Russischen bei.


Die Zarin und der Teufel, Katharina die Große wird mit der Weltherrschaft versucht, Englisches zeitgenössisches satirisches Blatt, © Foto: Hermann Goltz, Halle an der Saale Nachdem sich Alla in der deutschen Fremde eingerichtet hatte, suchte sie, eine passionierte Sammlerin, die westeuropäischen Kunstmärkte nach russischem Strandgut ab und stieß in Paris auf die Grafik-Sammlung. So kam dieser Schatz von der Seine an den Rhein. Nach dem Tode der russischen Sammlerin suchten die Journalisten, die den Nachlass ihrer Kollegin verwalteten, quer durch Deutschland wie die Stecknadel im Heuhaufen einen Kenner zur Beurteilung dieser ungewöhnlichen russischen Sammlung.

 

Dabei kam es zum Kontakt mit der Universität Halle und schließlich zum Verkauf dieses Schatzes in die Saalestadt im Jahre 2001. Die politischen Orkane des 20. Jahrhunderts haben diese russischen Kunstblätter wie die russischen Menschen durch Europa gewirbelt. Nach ihrem langen Weg von St. Petersburg über Paris und Köln nach Halle an der Saale wurden die geretteten Kunstwerke nun im ersten Jahr der Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen in den Franckeschen Stiftungen zu Halle an der Saale ausgestellt (März bis Mai 2003). Die Ankaufssumme für diese wertvolle Grafik-Sammlung ist gemäß dem Testament der Vorbesitzerin nach Russland zur Unterstützung von alten Künstlern und krebskranken Kindern gebracht worden.

Wer die Ausstellung versäumt hat, kann sich nachträglich mithilfe eines umfangreichen Katalogs ein Bild machen von der „russischen Ikonografie" des 16. bis 19. Jahrhunderts.: russische Portraitstiche, Veduten, Flugblätter, englische und französische Karikaturen zur Politik der Napoleonzeit. In ganz besonderer Weise waren die Franckeschen Stiftungen für die Präsentation dieses russischen Kunstschatzes geeignet. Nicht nur, dass Hermann Francke und einige seiner Mitarbeiter Ende des 17. Jahrhunderts die russische Sprache erlernt hatten - in den Stiftungen wurden auch die ersten russischen Bücher auf deutschem Boden gedruckt. In den Franckeschen Stiftungen wurde und wird der Erforschung deutsch-russischer Kontakte ein außerordentlich großer Stellenwert zuerkannt.

 

Hermann Goltz: Die Zarin und der Teufel. Europäische Russlandbilder aus vier Jahrhunderten. Verlag der Franckeschen Stiftungen, Halle und Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003, 276 Seiten, 25 EUR

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2003

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