Forever Young. Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Marlene Dietrich im Filmmuseum Berlin

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Nennt man den Namen Marlene, dann erübrigt es sich, den Nachnamen Dietrich hinzuzufügen.

Marlene hat sich selbst geschaffen, und ihr Regisseur Josef von Sternberg hat ihr geholfen, auf der Leinwand das definitive Bild zu finden, mit dem die Welt sie identifizierte.

Tortenanschnitt mit Herbert Marshall (li.) und Ernst Lubitsch am Set von ‘Angel‘, Hollywood 1937, © Foto: Filmmuseum Berlin - Marlene-Dietrich-Collection

Was zeichnet die einzige Marlene aus, was verbindet sich mit dem Klang ihres Namens? Es gibt die Filmschauspielerin, die mit ihren Rollenfiguren berühmt wurde: Lola Lola, Amy Jolly, Shanghai Lily, Blonde Venus. Das sind exotische, auch leicht verrucht klingende Synonyme für erotische Energie, Gefahr, Verlockung, Selbstbewusstsein, Lässigkeit, Luxus und Kaschemme, offenes Geheimnis und Sirenengesang. Mit Marlene verbinden sich stets die gleichen Filmtitel: natürlich "Der blaue Engel", dann "Morocco" und "Shanghai Express", vielleicht auch noch, des Titels wegen, "Blonde Venus" und für die, die sie nur aus dem Fernsehen kennen, "Witness for the Prosecution" (Zeugin der Anklage). Fünf Filme, für die erfahreneren Kinobesucher vielleicht auch acht oder zehn, sind in der Erinnerung präsent. Gespielt hat Marlene in mehr als fünfzig Filmen. Man kann auch sagen: Etwa 45 Filme haben es nicht geschafft, die fünf bis acht Hauptwerke aus dem Gedächtnis zu tilgen. 1932, nach "Shanghai Express", war sie zu einer Ikone geworden, aus der der Mythos wurde. Dieser Mythos hat etwas mit Überlebensfähigkeit zu tun. Die Dietrich hat es geschafft, Marlene und Shanghai Lily, Marlene und Blonde Venus, Marlene und jegliche andere Figur ihrer Filme zu sein.

Marlene Dietrich, Hollywood 1932, © Foto: Josef von SternbergSeit den fünfziger Jahren gab es Marlene, die Diseuse: So wie sie keine außerordentlich begabte Schauspielerin war, so fehlte es ihr auch an stimmlichem Volumen. Aber auf der Bühne inszenierte sie nochmals die Ikone, die jetzt "persönlich" zu ihrem Publikum kam. Selbst, wer ihre Shows nur aus dem Fernsehen kennt, bemerkt sofort, dass hier ein Profi sein Publikum vollkommen beherrscht. Die Kunst der Verzögerung, des Wartens auf die Nachwirkung einer Bemerkung, deren Zweideutigkeit nicht sofort verstanden, aber durch ihr Schweigen klar betont wird und sich schließlich in einem ansteigenden Raunen des Publikums verdeutlicht - mit Tausenden von Menschen zelebrierte sie diese hohe Kunst der Andeutung, der Performance als Verführung. Sie kannte ihr Publikum und wusste genau, welche Tricks sie anwenden musste. Mal frech, dann etwas lasziv, aber nicht zu sehr, dann wieder tragisch und schließlich das Rezitativ, der Standard-Song als Hymne ewiger Jugend: "Falling in Love again", das sie mit einem lachenden "I just can't help it" beendete. Bob Dylan widmete ihr den Song "Forever young".

Zum 100. Geburtstag übernimmt das Filmmuseum Berlin die Rolle des Gastgebers der Geburtstagsparty. Wen würde Marlene Dietrich, wenn sie noch leben und diesen Tag als ihren 100. Geburtstag akzeptieren würde, einladen?

Marlene Dietrich als Zirkusdirektorin anlässlich einer Benefiz-Gala im Madison Square Garden, New York 1954, © Foto: Filmmuseum Berlin - Marlene-Dietrich-CollectionGanz oben auf ihrer Liste stehen selbstverständlich ihr Ehemann Rudolf Sieber, ihre Tochter Maria und Josef von Sternberg. Unter den Freunden finden wir sicher Maurice Chevalier, eventuell Willi Forst, bestimmt Ernest Hemingway, Jean Cocteau und Erich Maria Remarque. Jean Gabin wird ebenso dabei sein wie ihr Dirigent und Arrangeur Burt Bacharach und ihre Freundin Edith Piaf; auch Kollegen und Künstler wie Hans Albers, Elisabeth Bergner, Grace Kelly, Maximilian Schell, Frank Sinatra und Billy Wilder werden eingeladen. Marlene wäre nicht der große Star, wenn sie nicht auch Personen einladen würde, zu denen sie keine intensive Beziehung gehabt hat, die aber ihrem Image als Berühmtheit angemessen sind. So kommen möglicherweise die Beatles und auch David Bowie gibt sich die Ehre. Politiker wie Willy Brandt und Jacques Chirac sowie Modeschöpfer wie Jean Louis, Christian Dior und Karl Lagerfeld schließen sich der Gratulatinscour an.

Die Jubilarin selbst feiert ausgelassen mit, natürlich nur auf Partyfotos und in Filmausschnitten. Als Hommage zeigen Schauspieler wie Liza Minnelli, Helmut Berger und Barbara Sukowa ihre Interpretationen von Schlüsselszenen aus Dietrich-Filmen. Künstler wie Madonna, Bryan Ferry, Ute Lemper, Udo Lindenberg und David Bowie singen als Geburtstagsständchen die unvergesslichen Songs der Diva. An der Einladungsliste wird natürlich bis zum letzten Augenblick gefeilt, und auch die Garderobe der Gastgeberin steht noch nicht endgültig fest. Aber als eine Reminiszenz an die Anfänge ihrer Show-Karriere wird sicher der Anzug als Zirkusdirektorin aus dem New Yorker Madison Square Garden 1954 aufgeboten werden. So wird das Filmmuseum Berlin den 100. Geburtstag Marlene Dietrichs mit Gästen begehen, die sich aus dem Lebenskontext der Jubilarin ergeben und natürlich nur das Beste über sie erzählen.

Den runden Geburtstag nimmt das Filmmuseum Berlin zum Anlass, neben dieser kleinen Wechselausstellung auch die Marlene Dietrich gewidmeten Räume der Dauerausstellung völlig neu einzurichten. Es werden andere Kleider und Kostüme, neue Fotos und auch neue Objekte zu sehen sein, so dass der Besucher gleich zwei Ausstellungen besichtigen kann.

Einen ersten Vorgeschmack darauf liefert ein großformatiger Bildband, den Peter Riva, der Enkel von Marlene, aus dem Fundus der Marlene Dietrich Collection zusammengestellt hat. Das Buch erscheint gleichzeitig in New York, London und Berlin. Mit über 350, teils farbigen Fotos ist dies ein Fest für das Auge, ein Logbuch durch die Zeiten des Glanzes, des Reichtums und der Arbeit an der Legende. Und es ist natürlich auch eine Hommage an Marlene Dietrich, eine Gratulation und eine Verbeugung vor ihrer Lebensleistung.

Ebenfalls zur Ausstellung produzieren die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, die Transit Film und das Filmmuseum Berlin in Kooperation mit der Bertelsmann Music Group eine DVD zum "Blauen Engel", dem berühmtesten deutschen Film von Marlene Dietrich. Erstmals werden die seinerzeit parallel gedrehte deutsche und englische Version im Vergleich zu sehen sein; dazu gibt es viele unbekannte Dokumente, Fotos sowie bislang unveröffentlichte Ausschnitte aus ihren Shows.

Werner Sudendorf

Rückseite des Plattencovers zu ‘Phönix‘ von Udo Lindenberg mit Widmung für Marlene Dietrich, © Foto: Filmmuseum Berlin - Marlene-Dietrich-Collection

Forever Young. Marlene Dietrichs 100. Geburtstag. Eine Ausstellung im Filmmuseum Berlin vom 18. Oktober 2001 bis zum 17. Februar 2002
Kataloge
  • Marlene Dietrich. Herausg. v. Jean Jacques Naudet und Peter Riva. Nicolai Verlag, ca. 320 S., ca. 78 DM / ca. 40 EUR, ISBN 3-87584-111-5
  • Der blaue Engel. DVD. Bertelsmann Music Group, noch ohne Preis
  • Werner Sudendorf: Marlene Dietrich. dtv portrait. 192 Seiten, 87 Fotos. 17,50 DM
Newsletter der Marlene Dietrich Collection GmbH, zu beziehen über: mdcb@filmmuseum-berlin.de
Werner Sudendorf ist Leiter der Sammlungen Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek

AsKI KULTURBERICHTE 3/2001

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