Finale & Auftakt: Zwei weitere Bände der neuen Bach-Ausgabe und Beginn der Gesamtausgaben der Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel Bach

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Die im Bachjahr 1950 als Idee ins Leben gerufene und 1953 editorisch begonnene neue Ausgabe sämtlicher Werke Johann Sebastian Bachs (NBA) neigt sich dem Ende entgegen.

Von den 105 geplanten Notenbänden und Kritischen Berichten sind mittlerweile 97 Notenbände und 91 Kritische Berichte sowie vier Supplementbände erschienen. Gegenwärtig werden zwei weitere Notenbände gedruckt. Andreas Glöckner hat die Frühfassung der Matthäus-Passion ediert, Peter Wollny veröffentlicht einen Band der Rubrik „Kontrapunktstudien, Skizzen, Entwürfe".

Allen Verlusten zum Trotz: Frühfassung der Matthäus-Passion in einer Abschrift von 1756, © Foto: Bach-Archiv Leipzig Wenn heute Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion (BWV 244) auf dem Programm steht, dann hört das Publikum die überarbeitete Fassung aus dem Jahre 1736. Deren Reinschriftpartitur wie auch die zugehörigen Aufführungsstimmen gehörten zum Erbteil Carl Philipp Emanuel Bachs und sind der Nachwelt vollständig erhalten geblieben. Ein Glücksumstand.

Die Erstaufführung dieser Passion erfolgte jedoch etliche Jahre zuvor - spätestens im Vespergottesdienst der Thomaskirche am Karfreitag 1729. Einige Experten halten sogar das Jahr 1727 für wahrscheinlich. Alle Originalquellen von dieser Frühfassung (BWV 244b) sind leider verloren gegangen. Doch allen Verlusten zum Trotz: Unter den Handschriftenbeständen der „Amalien-Bibliothek" - sie werden als Dauerleihgabe in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin verwahrt - existiert eine wohl um 1756 angefertigte Abschrift des verschollenen Partiturautographs. Hinsichtlich des Notentextes wie auch der vokalen und instrumentalen Besetzung weicht diese Kopie teils erheblich von Bachs Reinschriftpartitur von 1736 ab. So steht am Ende des ersten Teils („Vor der Predigt") nicht der groß angelegte Choralchor „O Mensch, bewein dein Sünde groß", sondern der vierstimmige Choralsatz „Jesum laß ich nicht von mir". Die Arie der Tochter Zion „Ach! nun ist mein Jesus hin!" (Satz 30) ist dem Bass statt dem Alt zugewiesen; das Bass-Accompagnato „Ja freilich will in uns das Fleisch und Blut" (Satz 56) und die anschließende Arie „Komm, süßes Kreuz" (Satz 57) mit einer Laute statt einer Gambe besetzt.

Als Schreiber der Partitur galt bislang Bachs Schüler und Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol (1719-1759). Jüngste Schriftuntersuchungen haben jedoch ergeben, dass die Kopie nicht von ihm selbst, sondern von der Hand seines Schülers Johann Christoph Farlau (ca. 1735-??) stammt. Über dessen Lebensweg ist kaum etwas bekannt, außer dass er die Naumburger Stadtschule besuchte, in Jena studierte und später als Notargehilfe in Leipzig arbeitete. Nach 1770 verlieren sich seine Spuren im Dunkeln. Offenbar war dem Kopisten Bachs Reinschriftmanuskript von 1736 nicht mehr zugänglich, weshalb er auf eine Partiturvorlage der älteren Fassung (1729) zurückgreifen musste.

Die Frühfassung der Passion wurde als kommentiertes Faksimile bereits 1972 von Alfred Dürr veröffentlicht. Naturgemäß blieben dabei aufführungspraktische und editorische Aspekte unberücksichtigt. In den letzten Jahren entstand aber gerade unter den an historischer Aufführungspraxis besonders interessierten Ensembles das Bedürfnis an einer musizierbaren „Frühfassung". Diesem Ansinnen trägt nun die Edition Andreas Glöckners Rechnung. Ihm geht es nicht nur um eine möglichst genaue Trennung der vorliegenden Versionen, sondern gleichermaßen um praktikable Lösungen für künftige Aufführungen.

Ungeklärt bleibt die Frage, inwieweit der Frühfassung noch eine „Urfassung" vorausging. Anhaltspunkte für deren einstige Existenz glaubt die Forschung seit längerem gefunden zu haben. Aber wie so oft bei Bach: Zwingende Beweise dafür müssen noch erbracht werden.

Bislang sind alle Bände der Neuen Bach-Ausgabe im einfachen Schwarz-Weiß-Druck erschienen. Nun wird diese Regel durchbrochen. Der Skizzenband von Peter Wollny (Serie VIII/Band 3) erscheint in Farbe, damit die Faksimilevorlagen möglichst genau abgebildet werden können. Der Band weist darüber hinaus weitere redaktionelle Neuheiten auf. So werden erstmals grafische Elemente wie farbige Hervorhebungen einzelner Passagen Sinn und Anliegen der Edition veranschaulichen.

Im ersten Teil der Edition geht es um ein aus Brüssel stammendes Manuskript einer Generalbasslehre von 1738, die Bach angeblich verfasst beziehungsweise kompiliert hat, deren Echtheit aber nicht verbürgt ist. Immerhin stimmt eine der Regeln mit den von Bach offenbar diktierten und von seinem zweitjüngsten Sohn Johann Christoph Friedrich ins Notenbüchlein seiner Mutter eingetragenen Anweisungen überein.

Mit einer Sensation wartet das zweite Kapitel auf: einer bislang völlig unbekannten Handschrift mit Aufzeichnungen zur strengen Kontrapunktlehre, die Johann Sebastian Bach eigenhändig um 1740/45 anfertigte. Das Autograph wurde erstmals von Prof. Walter Werbeck (Greifswald) im Bachjahrbuch 2003 vorgestellt. Die Quelle im Besitz des Musikverlags C. F. Peters (Frankfurt-Leipzig) befindet sich nun als Dauerleihgabe im Bach-Archiv Leipzig. Werbeck wurde auf die insgesamt zehn Blätter von einem Mitarbeiter des Verlages aufmerksam gemacht. Wie Wollny darlegt, handelt es sich möglicherweise um Zusätze zu einer musiktheoretischen Abhandlung.

Gegenstand des dritten Teiles sind die Kontrapunktstudien, die Johann Sebastian Bach und Wilhelm Friedemann Bach abwechselnd gemeinsam notiert haben. Sie gehören zu jenen Musikalien aus dem Archiv der Sing-Akademie zu Berlin, die 1999 in Kiew auftauchten und nun in der Berliner Staatsbibliothek verwahrt werden. Drei beidseitig und eng beschriebene Blätter sind es, und sie tragen alle Attribute eines Konzepts: Zahlreiche Korrekturen, Überschreibungen, hier und da dräuen dicke Tintenkleckse. Mal notiert der Vater ein Fugenthema, und der Sohn pariert mit der Antwort, mal ist es umgekehrt. Mal ist es der Stil der Alten Polyphoniker, mal ein vertrackter dreifacher Kontrapunkt. Mag sein, dass die in der zweiten Hälfte der 1730er Jahre entstandenen musikalischen Rätselnüsse einen eher geselligen Hintergrund hatten, schließlich war Wilhelm Friedemann dem elterlichen Vater-Schüler-Verhältnis entwachsen, als Musiker und Komponist etabliert und als Organist der Dresdner Sophienkirche in Amt und Würden. Einzigartig sind die Einblicke in die Lehr-Werkstatt Vater Bachs dennoch, zumal er in diesen Übungen im Joch den aktiveren Part bestritt.

Dass mittendrin unvermittelt Bachs Schwanengesang auftaucht, das Hauptthema der unvollendet gebliebenen „Kunst der Fuge", verblüffte die Fachwelt gründlich. Beweist es doch, dass sich Bach, statt wie bislang vermutet in den 1740er Jahren, bereits Jahre früher mit der Idee und Konzeption des Werkes auseinander gesetzt hat.

Der vierte Teil ist Bachs Entwürfen zu eigenen Werken gewidmet, darunter die teils innerhalb der Autographe überlieferten und durchgestrichenen oder überschriebenen Varianten. Die meisten seiner Entwürfe hat Bach entweder gar nicht oder aber anders ausgeführt.

Vater und Söhne: Die Gesamtausgaben der Werke von Wilhelm Friedemann Bach (1710-84) und Carl Philipp Emanuel Bach (1714-88) sind Kontrapunkt zur bald abgeschlossenen Neuen Bach-Ausgabe und zugleich Auftakt zweier editorischer Großprojekte des Packard Humanities Institute, Los Altos and Cambridge (USA), in Zusammenarbeit mit dem Bach-Archiv Leipzig.

Grundlage der auf circa 100 Notenbände veranschlagten Gesamtausgabe - Carl Philipp Emanuel Bach: The Complete Works - bildet das sogenannte Bach-Repertorium, ein großangelegtes Forschungsprojekt des Leipziger Bach-Archivs, welches musikalische Quellen der weit verzweigten Bach-Familie erforscht und zu Werkverzeichnissen zusammenfasst. Im Falle Carl Philipp Emanuels hat es nach dem sensationellen Fund in Kiew einen Umschmiss gegeben, der das Herz der Forscher höher schlagen ließ. Zahlreiche, auch bislang unbekannte Werke liegen nun wieder als Original vor und können sowohl ins Werkverzeichnis als auch in die Gesamtausgabe integriert werden.

Gegenwärtig sind die ersten beiden Bände in Vorbereitung. Peter Wollny wird die verstreuten Klavierwerke herausgeben, darunter die Jugendwerke und die Charakterstücke, Ulrich Leisinger die in Carl Philipp Emanuels letzten Lebensjahren komponierte Matthäus-Passion. Beide Bände werden 2004 im Verlag des Packard Humanties Institute erscheinen.

Einen wesentlich geringeren Umfang wird die Gesamtausgabe der Werke Wilhelm Friedemann Bachs haben. Elf Bände sind konzipiert, die zumeist von Peter Wollny herausgegeben und im Stuttgarter Carus-Verlag erscheinen werden. Anders als beim jüngeren Bruder Carl Philipp Emanuel, dessen Erbteil an Kompositionen von Johann Sebastian Bach und dessen eigene Werke relativ vollständig erhalten sind, klaffen beim ältesten Bach-Sohn riesige Lücken. Vieles vom Erbteil aus des Vaters Werkstatt ist verloren, ebenso Friedemanns eigene Kompositionen. Dass dies nicht unbedingt der absolute Endstand ist, beweist Peter Wollnys Entdeckung zweier bislang unbekannter Flötensonaten im Jahre 2001. Dennoch: Die Verluste sind immens. Für 2004 ist der erste Band der Gesamtausgabe avisiert. Er wird sämtliche Klaviersonaten enthalten.

Jörg Clemen

Pressereferent des Bach-Archivs Leipzig


 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2003

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