Fachtagung 2016: Kultureinrichtungen als Integrationsort – Best-Practice-Beispiele im AsKI

Anja Fußbach (Mitte) und Arie Hartog (vorne rechts) führen durch die Ausstellung <Der Westen zeigt‘s Euch!> im Haus der Bremischen Bürgerschaft, Foto: Franz Fechner, Bonn

Kultureinrichtungen als Integrationsort – Best-Practice-Beispiele im AsKI

„Das Thema ‚Geflüchtete' und der Umgang mit ihnen in unserer Gesellschaft ist beherrschend in den Dialogen in Politik, Medien und Gesellschaft. Vor der Notwendigkeit, sich in dieser Herausforderung zu verhalten steht jeder Bürger, jede Institution – ebenso wie die Millionen Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen",

so Dorothea Kolland, freie Kulturberaterin und bis Ende 2012 Leiterin des Kulturamtes in Berlin-Neukölln zu Beginn ihres Impulsreferats anlässlich der zweitägigen internen AsKI-Fachtagung im April 2016 in der Kunsthalle Bremen. Als Moderatoren konnten AsKI-Vorsitzender Wolfgang Trautwein und Vorstandsmitglied Maximilian Müllner zahlreiche engagierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Mitgliedsinstituten begrüßen.

Hartwig Dingfelder, Leiter Bildung und Vermittlung der Kunsthalle Bremen, stellte zu Beginn mit dem Projekt „Kunst UNLIMITED!" Beispiele für partizipative und inklusive Angebote für Familien, Jugendliche und Erwachsene mit Fluchterfahrungen vor, die die Kunsthalle Bremen seit dem Frühjahr 2014 anbietet.

Marion Neumann, Leiterin des Fachbereichs Kulturelle Vermittlung an der Berliner Akademie der Künste, berichtete über das Programm „Kinder im Exil", in dem Künstler der Akademie eigene Exilerfahrungen thematisieren. In die gleichzeitig entstandene Dokumentationsausstellung wurden heutige Erfahrungen der beteiligten Künstler und Schüler einbezogen: Zum Auftakt stellten Grundschüler und Gymnasiasten, unter ihnen Willkommensklassen, erste Ergebnisse ihrer Werkstätten vor, die Migration auch als Herausforderung und Bereicherung zeigen.

Auch das Bauhaus-Archiv Berlin arbeitet schon seit mehreren Jahren mit geflüchteten Kindern innerhalb des museumspädagogischen Projekts RaumLabor. Unter Einbeziehung von Kooperationspartnern ist Förderung von Spracherwerb über Inhalte und Themen des Museums ein tragender Bestandteil der Angebote für Willkommensgruppen geworden, wie Katharina Stahlhoven, freie Mitarbeiterin und Kulturagentin, erläuterte.

"Don't try this at home" – Museen müssen sich auf neue soziale Situationen einstellen – dazu gelte es ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln und anders über Netzwerke nachzudenken. Kann ein Museum sich auf Jugendliche mit einen bestimmten Hintergrund einstellen oder ist das eine Überschätzung seiner Rolle? Diese Überlegungen machten Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses Bremen und die Bremer Künstlerin Anja Fußbach, die im Anschluss durch die Ausstellung „Der Westen zeigt's Euch! Kinder und Jugendliche aus Bremen-Gröpelingen zu Gerhard Marcks" im Haus der Bremischen Bürgerschaft führten.

Objekte in der Ausstellung des Gerhard-Marcks-Hauses Bremen ‘Der Westen zeigt‘s Euch! Kinder und Jugendliche aus Bremen-Gröpelingen zu Gerhard Marcks‘, Foto: Franz Fechner, Bonn

Das Projekt Berlin Mondiale stand zu Beginn des zweiten Tages: Seit 2014 bringt es Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchthintergrund und Berliner Kunst- und Kulturinstitutionen zusammen. Antje Materna, von der Abteilung Bildung und Vermittlung der Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin, berichtete über regelmäßige Filmabende, die in einer Flüchtlingsunterkunft für alle Bewohner/-innen angeboten werden. Auch könnten die Geflüchteten das Museum für Film und Fernsehen besuchen und an dort stattfindenden Führungen teilnehmen. Die zweite Säule der Partnerschaft bildet ein praktisches Angebot für Jugendliche: Von der Themenfindung und Entwicklung filmischer Ideen über den Dreh bis hin zum Schnitt stellen professionelle Filmemacher/-innen gemeinsam mit den jungen Bewohner/-innen Filme her.

Als „Museum vom Menschen" versteht sich das Deutsche Hygiene-Museum Dresden als offenes Diskussionsforum für alle, die an den kulturellen, sozialen und wissenschaftlichen Umwälzungen unserer Gesellschaft interessiert sind. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um die Aufnahme von Flüchtlingen – gerade in Dresden – entwickelt das Haus seit 2015/16 Angebote für und mit Geflüchteten, so Kristin Heinig von der Abteilung Wissenschaft und Veranstaltungen. Dazu nimmt das Hygiene-Museum Flüchtlinge und Asylsuchende nicht nur als neue Besuchergruppe in den Blick, sondern bindet sie aktiv in die Entwicklung von Bildungsangeboten ein. Angebote kultureller und politischer Bildung im Kindermuseum und in der Dauerausstellung sollen das Museum als Ort des Austausches öffnen und einen interkulturellen Wertediskurs etwa über Körperbilder, Geschlechterrollen und Gesundheitsvorstellungen initiieren. Darüber hinaus werden Geflüchtete mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen als Experten für Veranstaltungen des Hauses gewonnen. So sollen kontinuierlich migrantische Perspektiven in das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm des Museums einfließen.

In Bayern werden Schüler/innen ohne ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache in Ü-Klassen zusammengefasst, um sie gezielt auf den schulischen Regelbetrieb vorzubereiten. Thomas Brehm, Leiter des Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrums der Museen in Nürnberg (KPZ) berichtete, dass das KPZ seit 1998 für diese Klassen Programme in den Nürnberger Museen entwickelt. Letztes Jahr kamen Sprachintegrationsklassen an der städtischen Berufsschule hinzu, die für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge und Asylbewerber eingerichtet wurden. Auch für sie gibt es museumspädagogische Angebote. Mit(einander)teilen! – Die Museumspädagoginnen Jutta Scherm, Museum für Kommunikation Berlin, und Elke Schneider, Museum für Kommunikation Nürnberg, stellten zum Abschluss Erfahrungen, Stolpersteine und Chancen bei den Angeboten der Museumsstiftung Post und Telekommunikation für Geflüchtete an ihren drei Standorten Berlin, Frankfurt und Nürnberg vor. Dort gibt es methodisch vielfältige Angebote für Geflüchtete: in einfacher Sprache, in Fremdsprachen, ohne Worte, handlungsorientiert oder auch über Musik und Theater. Die Veranstaltungsformen reichen von der Führung über den Workshop, offene Termine bis zu Projekten über längere Zeiträume. Dabei werden bestehende Angebote genutzt, neue Lösungen für die speziellen Voraussetzungen der Adressaten gefunden. Kooperationen mit anderen Institutionen helfen bei der Konzeption und Organisation.

Franz Fechner M.A.
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, AsKI e.V.

AsKI KULTUR lebendig 2/2016

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