Emotionale Ansprache statt Belehrungsandrohung: Internationale Fachtagung in Lorsch sucht nach neuen Wegen in der Museumspädagogik

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Die Gäste kamen aus ganz Deutschland, aus Frankreich und der Russischen Föderation. Sie vertraten große und kleine Museen, Schulen und Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien.

Das gemeinsame Anliegen: eine Standortbestimmung der deutschen Museumspädagogik und die Diskussion neuer zeitgemäßer Ansätze museumspädagogischen Arbeitens. Eine Initiative des AsKI-Vorsitzenden Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard aufgreifend, hatten die Geschäftsführerin des AsKI, Dr. Sabine Jung, gemeinsam mit dem Leiter des Museumszentrums Lorsch, Dr. Hermann Schefers, in Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen und der Deutschen UNESCO-Kommission zu dieser Veranstaltung eingeladen. Die bundesweite Resonanz auf die Veranstaltung war durchaus eindrucksvoll: Knapp 100 Fachleute verfolgten und diskutierten zwei Tage lang die insgesamt 11 Vorträge.

 

Fachtagung Neue Wege der Museumspädagogik Dass die Museumspädagogik zu den wichtigsten Tätigkeitsbereichen kleiner wie großer Museen gehört, dürfte längst eine Binsenweisheit sein. In drei Umfragen des Instituts für Museumskunde (Berlin) seit 1988 zeigte sich, dass die mit museums- und kulturpädagogischen Angeboten angesprochenen Zielgruppen für klare Zuwächse bei den Besucherzahlen sorgen - ähnlich wie die Veranstaltung von Sonderausstellungen. Mit zum Teil noch unveröffentlichten Daten aus aktuellen statistischen Erhebungen des Berliner Instituts für Museumspädagogik (Monika Hagedorn-Saupe und Andrea Prehn) konnte dieser Trend ebenso belegt werden wie die Bedeutung traditioneller wie auch neu zu erschließender Zielgruppen und Kooperationspartner, aber auch die Vielfalt denkbarer Aktivitäten, zu denen zunehmend auch die Zugänglichkeit museumspädagogischer Angebote im Internet gehört.

 

Partner Schule

Der traditionell wichtigste Partner des Museums ist und bleibt wohl auch die Schule. In einer auf die Befragung von 15 Schulleitern im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts für den Kreis Bergstraße und den Odenwaldkreis gestützten empirischen Studie stellte der Leitende Direktor des Schulamtes, Dr. Dieter Roghé, seine Erkenntnisse, aber auch Erwartungen und Wünsche vor: Einer eher bescheidenen kultusministeriellen Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Museen stehe die Erkenntnis vom beträchtlichen Wert der Unterstützung unterrichtlicher Arbeit durch das Museum gegenüber. Immerhin stünden den hessischen Schulleiterinnen und Schulleitern künftig größere zeitliche Freiräume zur Verfügung, die sie u. a. auch für im Unterricht vor- und nachzubereitende Museumsbesuche nutzen können. Weniger die in vielen Erhebungen als behindernd empfundenen "Schwellenängste" hindern am Museumsbesuch als vielmehr einfache organisatorische oder auch finanzielle Probleme. Daher plädierte Roghé nicht nur für eine stärkere Verankerung des Museumsbesuchs in den Lehrplänen, sondern auch für ein verstärktes Fundament der Schulträger und eine strukturiertere institutionelle Zuordnung von Schulämtern, Einrichtungen der Lehrerfortbildung und Studienseminaren im Sinne einer auf Dauer zu sichernden Kooperation, die durch einen speziell hierfür zuständigen Referenten im Schulamt erreicht werden könne. Schule und Museen sollten sich gegenseitig besser kennen lernen und füreinander öffnen.

 

Dr. Wolfgang Zacharias (SPIELkultur e.V., München) konnte diesen Postulaten in vielen Einzelheiten zustimmen und verwies seinerseits auf die Möglichkeiten, etwa in Form von Netzwerken schulischer wie außerschulischer Einrichtungen das "gesamte Interesse kultureller Bildung stärker als bisher zu betonen und öffentlich zu vertreten". Der aus zahlreichen wegweisenden Veröffentlichungen bekannte Referent betonte die Rolle des Museums als einen realen Ort mit eigener sinnlicher Repräsentanz als Verbindungsglied zwischen vergangenen und realen Erlebnishintergründen. Idealerweise, so Zacharias, sei das Museum Teil der Lebenswelt gerade junger Menschen und Teil des Orientierungsangebots beim Erwerb kultureller und künstlerischer Kompetenz. Mit Blick auf PISA betonte er die Notwendigkeit einer Erweiterung des traditionellen Bildungsbegriffes: "Bildung ist mehr als Wissen, Schlüsselkompetenzen sind mehr als Lesekompetenzen, Bildung findet überall statt - nicht nur in der Schule, sondern vor allem dort, wo Grundeinstellungen geprägt werden."

 

Ungenaues Berufsbild

Das Netzwerk als Modell dringend notwendiger Kooperation im Dienste einer Regionalkultur. Das leuchtet ein. Aber nicht jedes Museum hat die Möglichkeit, hierfür eine adäquate Schnittstelle anzubieten. Nur größere Häuser können sich eigene Museumspädagogen leisten; sehr häufig wird ein wesentlicher Teil der Vermittlungsarbeit von ehrenamtlichen Kräften übernommen, und selbst der hauptamtliche Museumspädagoge repräsentiert noch immer ein reichlich ungenaues Berufsbild. Dr. Hildegard Vieregg, stellvertretende Leiterin des Museumspädagogischen Zentrums MPZ (München), vertrat deshalb die Forderung nach einer stärker auf die Museumsarbeit und die Kommunikation musealen Arbeitens zu entwickelnden fachwissenschaftlichen und didaktischen Qualifikation, die "den im Museum Tätigen einerseits und den gesellschaftlichen Bedürfnissen andererseits gerechter" wird. Kommunikation ist nun in der Tat ein Schlüsselbegriff - nicht nur in der Museumspädagogik, sondern auch und gerade in der Öffentlichkeitsarbeit. Dr. Hannelore Kunz-Ott, Vorsitzende des Bundesverbandes Museumspädagogik (München) konstatierte denn auch, dass Öffentlichkeitsarbeit und Museumspädagogik nicht nur sehr ähnliche Ziele, sondern auch ganz ähnliche Methoden verfolgten, dass beide Bereiche aber idealerweise aufeinander bezogen, miteinander kooperierend, in ihrer Bedeutung als gleichwertig angesehen werden sollten und die Museumspädagogik beispielsweise nicht dienend der Öffentlichkeitsarbeit untergeordnet werden dürfe. In ähnlicher Weise ließ sich auch Folker Metzger von der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum (Dresden) vernehmen. Vieles spricht für eine Art Arbeitsteilung zwischen Museumspädagogik und Öffentlichkeitsarbeit. Hinzu komme aber, so Metzger, dass die Museumspädagogik, nicht zuletzt bedingt durch die immer stärker "zunehmende Kundenorientierung der Museen und die Übernahme von Methoden der Betriebswirtschaft", sich dem Servicesektor zu öffnen habe. Nur so werde das Museum auch zu einem öffentlichen, zu einem gastlichen Ort, der auch neue Stärken entwickeln und so ein optimales Angebot an den Kunden, pardon: den Besucher, hervorbringen kann. Auch hierbei kann die Museumspädagogik mitwirken.

 

Voraussetzungen

Wie also sieht der ideale Museumspädagoge aus? Eine klare Definition seines Berufsbildes konnte auch die Lorscher Tagung nicht produzieren. Ein paar Konturen immerhin: Ein wissenschaftliches Studium muss sein, fachliche Kompetenz, didaktische und pädagogische Grundkenntnisse, ein ausgeprägt kommunikatives Talent und, wie man hinzusetzen möchte, manuelles Geschick. Alles Weitere, so die Position vieler in Lorsch diskutierender Fachleute, könne man in der Berufspraxis dazulernen. Die Museumspädagogik, so der wohl allgemeine Konsens, ist nicht der verlängerte Arm der Schule, der ideale Museumspädagoge also nicht notwendigerweise ein Lehrer. Das Museum ist bei der Mitwirkung an der Erfüllung eines Bildungsauftrags als eigenständige Institution zu sehen und verfährt hierbei nach eigenen Methoden: Der Museumspädagoge weckt Neugier, Emotionen und eröffnet einen offenen Erlebnis-, Erfahrungs- und Lernprozess, in den er nicht oder kaum wahrnehmbar steuernd eingreift. Offen bleibt beispielsweise, welchen Dingen der Lernende Bedeutung zumisst und welchen nicht. Die Ergebnisse eines Museumsbesuchs sind für die Überprüfung von Lernergebnissen ohnehin nicht geeignet. Museen sind "hervorragende Lernorte, aber schlechte Orte für das Belehren" (Kenneth Hudson). Was also der Museumspädagoge vermitteln kann, ist allenfalls ein Baustein in einem hoffentlich kontinuierlichen Prozess der Informationsgewinnung.

 

Das sind nicht zuletzt lern- und erkenntnistheoretische Einsichten, die der Leiter des Museumspädagogischen Zentrums München, Professor Dr. Manfred Treml, in vielen seiner Veröffentlichungen immer wieder engagiert vertritt. In seinem Lorscher Referat, das sich mit der Ausstellbarkeit von Geschichte befasste, verwies er dabei noch besonders auf ein durch ihn entwickeltes Strukturmodell visuellen Lernens im Museum, das sich in den vier Dimensionen des Ästhetischen, des Kommunikativen, Emotionalen und des Kognitiven entfalte: "Die Gleichgewichtigkeit aller vier Dimensionen und der Verzicht auf die bisher praktizierte Überbewertung des Kognitiven" wird nach Einschätzung Tremls "auch zu einer veränderten Praxis der Vermittlung im Museum führen und damit auch für die Museumspädagogik neue Wege eröffnen."

 

Außerschulische Lernorte

Neue Wege: Diese Fachtagung zeigte einige davon. Für den außen stehenden Zuhörer - jenen also, der die fachwissenschaftliche Diskussion, museumspädagogische Fachliteratur und die Tagungen der letzten Jahre nicht persönlich verfolgen konnte - blieben manche eigentlich erwartete Themen unberührt. Das der Zielgruppen der Museumspädagogik beispielsweise. Da geht es ja längst nicht mehr nur um Kinder und Jugendliche im Schulalter, sondern auch um Familien, Erwachsene, Senioren (um nur einige zu nennen). Oder die Frage, ob denn die Begriffe "Museumspädagogik" oder "Kulturpädagogik" dem überhaupt noch angemessen sind, was heute bereits darunter zusammengefasst wird.

 

Über den Tellerrand des traditionellen Betätigungsfeldes eines im Museum tätigen Pädagogen hinaus wies der Vortrag von Hanna Hilger, die für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Bonn) nach Lorsch gekommen war, um über erste Ansätze einer Denkmalpädagogik zu berichten, also die Möglichkeiten, junge Menschen dazu zu motivieren, "ihre eigenen Erfahrungen mit den sichtbaren Spuren der Geschichte zu machen und sich für den Denkmalschutz als kulturellen Umweltschutz zu engagieren". Gerade für Welterbestätten wie Lorsch ist das ein sehr interessanter Ansatz. Wie man sich in einem Baudenkmal bewegen kann und dabei ein Maximum an Information und Unterhaltung bekommt, bewies Monique Fuchs vom Musée Historique (Strasbourg) an dem von ihr für die Haut-Koenigsbourg im elsässischen Orschwiller entwickelten Konzept: Hier führen als Mägde, Gaukler, Köche, Mönche oder Soldaten des 15. Jahrhunderts verkleidete Studenten vor allem junge Besucherinnen und Besucher des imposanten Schlosses und provozieren zu einer Auseinandersetzung der Gäste mit ihrer eigenen Lebenswirklichkeit: "Was, du kannst lesen? Wozu brauchst du das denn?" könnte dort die Frage einer als Magd verkleideten Museumspädagogin mit Schauspielunterricht an einen Schüler lauten.

 

Die Führung auf Haut-Koenigsbourg dauert eine Stunde. Das Projektangebot am Puschkin-Museum in Moskau, wenn man will, ein Leben lang. Venedikt Tyazhelov (Moskau) stellte ein langfristig auf alle Altersstufen abgestimmtes Programm seines Hauses vor und verwies auf eindrucksvolle Erfolge von Programmen, die das Puschkin-Museum beispielsweise für Familien, für Eltern und Kinder, anbietet. Man erinnere sich: Bildung findet überall statt - nicht nur in der Schule, sondern vor allem dort, wo Grundeinstellungen geprägt werden. Hierher gehört vor allem die Familie. Durchaus eine noch zu entdeckende Zielgruppe. Auch bei uns - und vielleicht gerade hier, in Deutschland.

 

Hermann Schefers

Dr. Hermann Schefers ist Leiter des Museumszentrums Lorsch

 

Neue Wege der Museumspädagogik - Fachtagung des AsKI e.V. am UNESCO-Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch im Museumszentrum Lorsch am 25./26. April 2002

 

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 2/2002

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