Dialog der Kulturen - aber wie?

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Nie sprach man in Politik und Wirtschaft so viel über Kultur wie heute.

So auch Bundeskanzler Gerhard Schröder unmittelbar nach den Terroranschlägen islamischer Extremisten in New York und Washington: Es gehe nicht um einen Kampf der Kulturen, sondern um einen Kampf für die Kultur - also gegen Gewalt und Hass. Inzwischen kann man allerorten hören, sehen und lesen, wie wichtig gerade jetzt der Dialog der Kulturen sei, besonders zwischen dem europäisch-amerikanischen "Westen" und dem Islam. Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, brachte es auf den Punkt: "Bündnispolitik ist wichtig, Sicherheitspolitik lebensnotwendig, Kulturpolitik aber ist die beste Krisenprävention, die es gibt."

Sind wir, sind die Träger des Kulturlebens hierzulande darauf vorbereitet und dazu fähig, solche Krisenprävention zu betreiben? Zweifel sind erlaubt:

  • In der auswärtigen Kulturpolitik standen bisher die islamischen Länder und Völker, von Marokko bis Indonesien, nicht gerade an erster Stelle der Prioritätenliste. Vorrang hatte in den letzten zehn Jahren Mittel- und Osteuropa - verständlich, angesichts des Nachholbedarfs im Anschluss an den Zusammenbruch des Kommunismus, aber bei knapper Kasse zu Lasten anderer Weltgegenden.
  • Die innere Kulturpolitik nahm bis vor kurzem die Tatsache kaum zur Kenntnis, dass mehr als drei Millionen Moslems friedlich unter uns leben und sich mit der schwierigen Aufgabe abmühen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und zugleich ihre überlieferte Identität, nicht zuletzt auch ihre Religion zu pflegen.

Nun ist die Krise da, Vorbeugung mit kulturellen Mitteln gab es kaum, darum muss nun eine Strategie zur Überwindung der Krise entwickelt werden. Kurzfristige Reaktionen helfen da nicht, zumal dauerhafte kulturelle Wirkungen stets nur langfristig eintreten. Also muss auf lange Sicht geplant, mit ersten Schritten aber sofort angefangen werden. Zudem ist es nötig, Innen und Außen miteinander zu verbinden, also mit gleichem Ziel im eigenen Land wie in den moslemischen Weltgegenden tätig zu werden.

Das Ziel ist immerhin klar: Es geht darum, die zu Dialog und Kooperation immer noch bereite Mehrheit der Moslems so zu stärken, dass sie den innerislamischen Kampf mit den Extremisten gewinnen können. Ebenso ist es nötig, in den westlichen Gesellschaften den Schock zu überwinden, den der fundamentalistische Terror ausgelöst hat, und die Menschen davon zu überzeugen, dass ein friedliches, ja gegenseitig befruchtendes Zusammenleben mit den moslemischen Nachbarn nah und fern möglich und dringlich ist. Beides beginnt damit, das Wissen voneinander zu vermehren und zu vertiefen. Hier sind vor allem die klassischen und die modernen Medien gefordert. Das Nichtwissen ist auf beiden Seiten beängstigend groß. Hand aufs Herz: Wer von uns hat sich schon einmal gründlich darüber informiert, wie vielfältig, ja oft gespalten und zerrissen sich der Islam selbst darstellt, nicht anders als das Christentum? Wenn der Schock des 11. September überhaupt etwas Positives bewirkt hat, dann wohl die wachsende Erkenntnis, dass wir mehr über den Islam wissen müssen, um einen Dialog mit den Moslems führen zu können.

Wenn es richtig ist, dass Religion und Philosophie, Kunst und Sprache, Literatur und Geschichte Bestandteile dessen sind, was wir "Kultur" nennen, dann wird der Dialog der Kulturen in all diesen Bereichen zu führen sein. Er wird dadurch nicht leichter, dass die Kultur angesichts der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung für viele Menschen zum Rückzugsgebiet für ihre eigene Identität geworden ist, ein Gebiet, das sie erbittert gegen die globalen Zwänge verteidigen. Schon deshalb genügt es nicht, die alle Kulturen verbindenden Gemeinsamkeiten herauszustellen, so wichtig sie sind, vor allem die Einhaltung der grundlegenden Menschenrechte. Ebenso wird die innere und äußere Kulturpolitik darauf bedacht sein müssen, den Menschen zu helfen, das Andere, Fremde zu erleben, zu verstehen und zu respektieren. Allzu oft und nicht nur in moslemischen Ländern nährt sich der Fundamentalismus - mit seiner wütenden Ablehnung der die Welt dominierenden westlichen Kultur - aus dem Fremdheitserlebnis, das sehr leicht zur Ablehnung des Anderen bis hin zu dessen Vernichtung statt zu Verständnis und friedlichem Zusammenleben führt.

Was wir in Europa inzwischen gelernt haben und im eigenen, föderalistischen Land seit jeher praktizieren, nämlich den doppelten Charakter der Kultur als Vielfalt wie als Einheit zu fördern, das kann sich nun im Dialog mit dem Islam bewähren. Dabei unentbehrlich ist, der gegenseitigen Annäherung eine wirkliche, historische Tiefe zu geben, denn erst sie kann bewirken, dass an die Stelle von Überlegenheitsgefühl und nachsichtiger Betrachtung der Anderen die Erkenntnis von der prinzipiellen Gleichwertigkeit der Menschheitskulturen gesetzt wird. Diese Erkenntnis bedeutet ja keineswegs Beliebigkeit oder gar Verzicht auf die eigenen Grundwerte. Doch sie führt zu mehr Offenheit und auch dazu, nicht-überwindbare Differenzen friedlich einzuhegen, statt sie als Kriegsgrund zu nutzen.

Solche Differenzen gibt es durchaus zwischen dem christlich geprägten, heute weithin säkularisierten Westen und der islamischen Welt. Sie reichen von der Malerei bis zum Staatsrecht, vom Gottesbild bis zum Stellenwert des Individuums. Sie zu vernachlässigen schadet mehr, als sie auszusprechen. Auch ihnen muss sich also der Dialog widmen, dies freilich so, dass er keine zerstörerische Wirkung entfaltet. Am Ende werden die Dialogpartner gut daran tun, das, was sie trennt, im Auge zu behalten, es einstweilen aber behutsam beiseite zu legen.

Alle diese Erkenntnisse werden die Veranstalter von Kultur hierzulande und anderswo teilen, aber die Frage hinzufügen, wie sie die zusätzliche Aufgabe denn anpacken können, wenn ihnen die staatliche und kommunale Sparpolitik schon jetzt fast den Boden unter den Füßen wegzieht. Die Frage ist berechtigt. Unsere Regierenden haben auf das Geschehnis vom 11. September unter anderem dadurch reagiert, dass sie zusätzliche Milliarden Mark für die äußere und innere Sicherheit bereit gestellt haben. Das war und bleibt eine richtige Entscheidung. Doch in der nächsten Runde, wenn es darum geht, der Herausforderung durch den extremistischen Islam mit einer weitsichtigen Kulturpolitik zu begegnen, wird auch von zusätzlichem Geld aus öffentlichen Kassen die Rede sein müssen.

Barthold C. Witte


Dr. Dr.h.c. Barthold C. Witte ist Vorsitzender des AsKI

AsKI KULTURBERICHTE 3/2001

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