Das Bauhaus-Archiv, Berlin, unter neuer Leitung

Bauhaus-Archiv - Museum für Gestaltung

Das 1960 gegründete Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung ist unter den drei dem Erbe des Bauhauses verpflichteten Institutionen - neben dem Archiv die Stiftung Bauhaus Dessau und das Bauhaus-Museum der Kunstsammlungen Weimar - die älteste Einrichtung und umfasst die größte Sammlung.

 

In ihrer doppelten Funktion als Archiv und Museum wird hier seit bald einem halben Jahrhundert nicht nur die bedeutendste Kunstschule des 20. Jahrhunderts erforscht und präsentiert, sondern es werden auch die Vorläufer und das Nachwirken des Bauhauses thematisiert.

 

Bauhaus-Archiv Berlin 1976-78

Diese satzungsgemäß festgelegte Breite des Spektrums öffnet die Sicht auf Älteres und schließt ausdrücklich Aktuelles mit ein, denn - so forderte es Walter Gropius selbst - das Bauhaus-Archiv müsse ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung, nicht ein verstaubtes Museum sein. Hans Maria Wingler, Gründungsdirektor des Bauhaus-Archivs, legte das Fundament zur Sammlung, machte das Bauhaus durch Publikationen und Ausstellungen weltweit bekannt und setzte den Bau eines Museumsgebäudes durch, das Walter Gropius entwarf. Unter Winglers Nachfolger Peter Hahn widmete sich das Bauhaus-Archiv der genaueren Erforschung des Bauhauses, nicht zuletzt, um dem wachsenden Mythos und der zunehmenden Reduktion seiner Bedeutung auf einige wenige Klassiker-Ikonen eine differenzierende Sicht entgegenzuhalten. Aber auch unbequeme Themen, z. B. die "Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus. Zwischen Anbiederung und Verfolgung", wurden angefasst. Und in schwierigen Zeiten gelangen Kooperationen mit den Bauhaus-Institutionen der DDR, im Jahre 1988 z. B. die viel beachtete Ausstellung "Experiment Bauhaus. Das Bauhaus-Archiv, Berlin (West) zu Gast beim Bauhaus Dessau".

Was, so könnte man fragen, gibt es nach so langer Zeit des Forschens und Ausstellens noch Neues zum Bauhaus zu sagen? Nach wie vor, muss man antworten: sehr viel!

Als weitgehend unbearbeitet erweist sich z. B. der Bereich der Auftraggeber, Käufer und Unterstützer des Bauhauses. Welchem sozialen Umfeld entstammen sie? Handelte es sich um avantgardistische Kunstzirkel und explizite Reformkräfte, oder gelang es dem Bauhaus auch, in andere Haushalte vorzudringen? Der Aufarbeitung harren auch das Thema "Musik am Bauhaus" und die Rolle, die Alma Mahler, erste Ehefrau von Walter Gropius, in der Vermittlung der musikalischen Avantgarde - Busoni, Hindemith, Krenek und Strawinsky - ans Bauhaus spielte. Näheres könnte die Transkribierung der ca. 900 Briefe von Alma Mahler an Walter Gropius ergeben, die in Form eines interdisziplinären Projektes in Zusammenarbeit mit einem Musikwissenschaftler noch dieses Jahr beginnen soll.

Den Mittelpunkt des Museums nimmt die ständige Sammlung ein. Sie ist, neben den wechselnden Sonderausstellungen, der Magnet des Hauses, der ein überwiegend junges Publikum aus der ganzen Welt anzieht. Zählten zu den 40% ausländischen Besuchern im Bauhaus-Archiv bisher überwiegend Nordamerikaner und Japaner, so macht sich zunehmend das Interesse der Spanisch sprechenden Welt bemerkbar. Alleine in den vergangenen beiden Monaten trafen aus Argentinien, Chile und Peru zahlreiche Anfragen ein, u. a. von Universitäten und Kultur-Ministerien, verbunden mit der Führung von Delegationen durch das Haus. In Anbetracht der internationalen Ausstrahlung und kulturpolitischen Bedeutung des Bauhauses im Ausland wäre eine Unterstützung des Bauhaus-Archivs durch den Bund durchaus gerechtfertigt.

In der Programmgestaltung des Bauhaus-Archivs gilt es, Begonnenes weiterzuführen - hierzu zählt der Zyklus der Werkstatt-Ausstellungen, der 2005 mit der Darstellung der Werkstatt für Wandmalerei fortgesetzt werden soll und eine Fülle neuer Erkenntnisse zum farbigen Interieur der 1920er Jahre vermitteln wird. Und das 25-jäh-rige Bestehen des Gebäudes wird im Herbst 2004 mit einer Ausstellung über die legendäre Fest- und Geschenkkultur am Bauhaus begangen.

In dieses Jubiläumsjahr wird auch die lang erwartete und dringend notwendige Erweiterung des Bauhaus-Archivs fallen. Im Rahmen einer Public-Private-Partnership soll eine für das Land Berlin kostenneutrale Lösung gefunden werden, die neben einer Wechselausstellungshalle, einem größeren Veranstaltungssaal und Räumlichkeiten für den Museums-Shop auch zusätzliche Magazine und Archivräumlichkeiten bieten wird. Nach Jahren des kreativen Improvisierens kann dann auch das Bauhaus-Archiv seinen Besuchern ein den heutigen Museums- und Archiv-Standards entsprechendes Haus bieten.

 

Annemarie Jaeggi

 

Zur Autorin

Dr. Annemarie Jaeggi, © Foto: Privat

Seit April 2003 hat Dr. Annemarie Jaeggi als neue Direktorin die Leitung des Bauhauses übernommen. Die promovierte und habilitierte Kunsthistorikerin war zuvor Lehrstuhlvertreterin am Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe und zugleich amtierende Leiterin des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau. Nach dem Studium in Zürich und Freiburg im Breisgau hatte sie zunächst freiberuflich im Museum, in der Denkmalpflege, in den Printmedien und in verschiedenen Architekturbüros gewirkt. Sie war Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Karlsruhe und hatte diverse Professur-Vertretungen inne. Am Bauhaus-Archiv hat sie sich u. a. durch viel beachtete Ausstellungen über den Gropius-Kompagnon Adolf Meyer und über die Fagus-Werke zwischen Werkbund und Bauhaus einen Namen gemacht.

Annemarie Jaeggi hat mit dieser Amtsübernahme "den Wechsel von der Lehre hin zu einer Aufgabe (vollzogen), in der sie Museumsdirektorin, Archivarin, Ausstellungskuratorin und Bauherrin zugleich sein kann", so Ilona Lehnart in der "FAZ" vom 1. April 2003.

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 2/2003

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