Bürgerschaftliches Engagement für AsKI-Institute: Leidenschaft und Liebe zur Kunst. Henri Nannen als Sammler, Stifter und Museumsgründer

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Henri Nannen (1913-1996) brach mit 65 Jahren in sein "drittes Leben" (wie er es einmal nannte) auf: als Kunsthändler!

Einige wichtige Aspekte, die ihn nicht nur als Sammler charakterisieren, sondern kurz erhellen, wie es zu seiner Stiftung und schließlich zur Gründung der Kunsthalle in Emden kam, werden im Folgenden skizziert.

Henri Nannen, Juni 1989, © Foto: Joachim Giesel, Hannover Im "ersten Leben" begann Nannen nach dem Abitur in Emden mit einer Buchhändlerlehre, ging dann zum Studium u.a. der Kunstgeschichte nach München, arbeitete als Redakteur und Kriegsberichterstatter. Nannens "zweites Leben" war dem "Stern" gewidmet, den er als begnadeter Journalist in rund 33 Jahren als Chefredakteur zu einer der erfolgreichsten Illustrierten der Welt machte. Und nun suchte er für sein "drittes Leben" eine neue Herausforderung: "Ich wollte noch einmal etwas ganz anderes machen, nicht ewig den ,Stern'. Und meine Nachfolger sollten nicht das Gefühl haben, der alte Zampano sitzt ihnen noch im Genick. Da hab` ich mir von Reinhard Mohn drei Millionen geliehen, bißchen was hatt` ich auch selber, und dann hab` ich eingekauft."

So nüchtern, wie Henri Nannen hier auf seine Kunstankäufe verweist, sind sie sicherlich nicht verlaufen; verbirgt sich doch hinter diesem Entschluss seine Leidenschaft und sein ausgeprägter Spürsinn, der ihn auch schon früher beim Sammeln leitete. Er bewies, nach Aussage des New Yorker Händlers und Kunst-Impresarios Serge Sabarsky, von dem Nannen "immer nur das Beste" kaufte, "ein absolutes Gefühl für die Spitze". Sabarsky bezeichnete ihn deshalb einmal als "das Trüffelschwein", was Nannen durchaus als Ehrentitel ansah.

Bereits 1982 zeigte der "Henri Nannen Kunsthandel" auf dem internationalen Kunstmarkt in Düsseldorf zusammen mit der Galerie Thomas Levy, die ihn im "Huckepackverfahren" mitnahm, "Expressionisten". Die Presse bescheinigte dem Neuling auf dem Kunstmarkt "monumentale Akzente" (Handelsblatt). Gleichwohl blieb der durchschlagende Erfolg aus, und das lag nicht nur am unkonventionellen Geschäftsgebaren, sondern vielmehr an der Einstellung des selbsternannten Kunsthändlers, denn - so Henri Nannen: "Ich war eben ein leidenschaftlicher Sammler und kaufte meist nur, was mich selbst interessierte und nicht etwa, was man teuer hätte verkaufen können." So bewahrheitete sich die Mahnung seines Sohnes Christian, der ihm gleich zu Anfang der neuen Initiative offen erklärte: "Es mag ja sein, daß Du etwas von Kunst verstehst, aber vom Handel verstehst Du ja nun wirklich überhaupt nichts, und ich kann Dich also nur dringend warnen."

Franz Marc, Die blauen Fohlen, 1913 Kunsthalle in Emden Was den intensiven weiteren Aufbau seiner Sammlung durch hochwertige Werke anbelangte, war das Intermezzo als Kunsthändler durchaus entscheidend und erfolgreich, wenn man nur zum Beispiel an Franz Marcs "Die Blauen Fohlen" (1913) denkt - sein Lieblingsbild, das er um jeden Preis behalten wollte. "Ich jedenfalls wußte plötzlich, daß ich mit Kunst nicht mehr handeln wollte. Wie sollte ich mich immer wieder mit Schmerzen von Bildern trennen, die ich mit Liebe erworben hatte?" So ist die Einschätzung von Peter Sager, Nannens Emder Stiftung sei "im Kern die Kollektion eines sitzengebliebenen Kunsthändlers", im Prinzip zutreffend, wenn das ,Sitzen Bleiben' den seltenen und dann immer unwilliger erfolgten Verkauf nicht mit mangelnder Qualität der "Ware" assoziiert.

Nannens Kunstsammlung geht bis in seine Münchner Studienjahre zurück, als er wohl auch seine erste Graphik von Emil Nolde bei Günther Franke erwarb. Die Faszination für diesen Künstler hielt an, und so trug Nannen schließlich 36 Arbeiten von ihm zusammen. Nach dem Krieg begann Henri Nannen erst Anfang der 70er Jahre wieder im privaten Rahmen zu sammeln. Dies geschah mit Blick auf seine bevorzugten Interessengebiete Expressionismus und Neue Sachlichkeit. Dabei ließ er seine Sammelleidenschaft weder von historischen Kategorien - etwa bestimmte Entwicklungslinien, Tendenzen oder Themen belegen zu müssen - einengen, noch von der Prämisse eines kontinuierlichen, Vollständigkeit anstrebenden oder systematischen Aufbaus leiten. Der Erwerb von Bildern erfolgte vielmehr spontan, die Anlässe waren durchaus von Zufälligkeiten bestimmt. Nannen folgte letztlich seinen Instinkten, sammelte "aus dem Bauch heraus" und kümmerte sich nicht um mehr oder weniger stringente Konzepte, handelte also ganz so, wie er auch den "Stern" machte. Seine Privatsammlung unterlag allerdings nicht wie dieser den allwöchentlichen Reaktionen bzw. dem Zuspruch der Öffentlichkeit, und so konnte er hier unmittelbar dem für seine Sammeltätigkeit ausschlaggebenden Prinzip - dem Lustprinzip - folgen. Als die Werke dann später in der Kunsthalle in Emden der Öffentlichkeit vorgestellt wurden und Kritiker davon sprachen, dass hier eher Willkür als Systematik die Szene bestimmte, konterte Nannen mit Witz und Schlagfertigkeit, sich zu seinen persönlichen Vorlieben bekennend, dass man bitte nicht von Willkür, sondern von "Lustkür" zu sprechen habe. So lautete denn auch seine Überzeugung als Sammler, die er immer wieder zum Ausdruck brachte: "Ich habe immer nur gesammelt, was Lust in mir erweckt hat - oder was mich bis unter die Haut schmerzte - was mich freute, aber auch wütend machte, wie könnte Lust entstehen ohne den Rausch der Farbe, wie könnte etwas Gefühls- und Denkanstöße vermitteln, was nicht auch ,anstößig` ist."

Bernhard Heisig, Porträt Henri Nannen, 1989, © Foto: Sammlung Henri Nannen - Kunsthalle in Emden Ästhetische Wertungen und Gespür für künstlerische Qualität sind naturgemäß eng mit den Grundzügen der Persönlichkeit verwoben, und Henri Nannen ließ sich vielleicht mehr als andere Sammler von ihr leiten. Folgerichtig findet man in seiner Kollektion eben keine Arbeit von Piet Mondrian, für den ihm der Sinn nicht aufgegangen ist oder von Joseph Beuys, mit dessen Werk Nannen "nichts anfangen" konnte. Dagegen war er von den Künstlern, denen es um Expressivität, um malerische Gestik und sinnliche Ausdruckskraft ging, wie die der "Brücke" und des "Blauen Reiters" "vom ersten Tage an" fasziniert. Diese begeisterte Hinwendung zur Kunst des Expressionismus und zur Neuen Sachlichkeit sollte langfristig Bestand haben und seine Sammelleidenschaft lenken. Eberhard Roters sprach einmal treffend davon, dass Henri Nannen "heiße Kunst" sammelt. In der Tat entsprachen weder die "kalte", geometrische Abstraktion noch eine intellektualisierte bzw. theorielastige Kunst seiner Persönlichkeit. Seinen Kunstbegriff setzte Nannen parallel zu dem rational nicht auflösbaren Gefühl der Liebe zu einem Menschen, die sich auch dann entzünden kann, wenn die oder der Angebetete nicht den Schönheitsidealen entspricht: "Was Kunst ist, und ob es das ist, wie will einer das mit Worten artikulieren? Weiß man, warum man eine Frau liebt? [...] Und wie oft lieben wir, auch wenn alle vernünftigen Gründe dagegen sprechen? Es bleibt ein Geheimnis, und mit der Kunst ist es nicht anders."

Nannen kam die Idee, die von ihm zusammengetragene Ausstellung "Russische Malerei heute", die durch mehrere Städte wandern sollte, auch in seiner Vaterstadt Emden zu zeigen, um zu sehen "wie die Leute reagieren". Am 10. April 1983 wurde die Präsentation im Rathaus am Delft eröffnet. "Da passierte etwas sehr Merkwürdiges. Ich hab` ja häufig in Hamburg Vernissagen erlebt, wo sich die Leute am Sektglas festhalten, mit'm Arsch an den Bildern rumscheuern und immer reden, was sie gestern anderswo erlebt haben. Hier in Emden kamen nun Werftarbeiter und stellten Fragen, die Leute waren interessiert, sie wollten was wissen." Sie kamen "in Strömen und bestaunten die Bilder und ließen sich von der Kunst in den Bann nehmen, es gab einen regelrechten Hunger nach Kunst". Henri Nannen konnte mit den Leuten reden "und das hat mir so viel Spaß gemacht, daß ich mir gesagt habe: Eigentlich müßte man da was tun." Diese positiven Erfahrungen wurden verstärkt, als die von Nannen bereits im März angeregte Spendenaktion zum Ankauf eines Hauptwerkes des aus Emden stammenden barocken Marinemalers Ludolf Backhuysen (1630-1708) für das Ostfriesische Landesmuseum erfolgversprechend anlief. Sein Appell an Bürgerstolz und Kunstsinn der Emder, an Freunde, an die Wirtschaft und Industrie brachte schließlich die benötigte Summe für den Kauf zusammen. Im Mai 1983, noch während dieser Initiative - die vielleicht nicht ganz so spektakulär inszeniert wurde wie 1962 Nannens "Stern"-Lösegeldaktion zur Wiederbeschaffung der im fränkischen Volkach gestohlenen spätgotischen Madonna von Tilman Riemenschneider, aber ähnlich gute Public-Relations-Effekte in Gang setzte -, gründeten Henri und Eske Nannen einen Kunstverein, der den Namen des Meisters aus dem 17. Jahrhundert trägt; seine Aufgabe besteht darin, "das Kunstleben der Stadt Emden und des Ostfriesischen Raumes nachhaltig zu fördern". Und in der Tat stimmten die vom Verein getragenen und von Nannen organisierten Ausstellungen im Vorfeld der Kunsthallengründung positiv auf die Kunst des 20. Jahrhunderts ein, so wie ihre Resonanz beim Publikum Henri Nannen weiter in seiner Absicht bestärkte, sein Museum gerade hier in seiner Heimatstadt zu bauen. Er schrieb später: "Spötter behaupten, Backhuysen sei das ,Trojanische Pferd` gewesen, mit dem ich den skeptischen Ostfriesen die moderne Kunst in ihre konservative Stadt Emden gebracht hätte."

Ein weiterer Grund, sich nach Emden zu orientieren, war ganz persönlicher Natur. Nannen fuhr öfter von Hamburg aus an das Krankenbett eines alten Schulfreundes, der im Februar 1982 verstarb. Während dieser Zeit wuchs die Zuneigung zu dessen Tochter Eske, die er bereits seit ihrer Geburt kannte. Sie wurde seine Lebensgefährtin. 1990 schließlich heiratete das Paar. Henri Nannen fand in der 1942 in Emden geborenen Partnerin, die nach einer kaufmännischen Ausbildung in unterschiedlichen Tätigkeiten die gan ze Welt bereist hatte und nach zehn Jahren in Berlin dabei war, in ihre Heimatstadt Emden zurückzukehren, eine Gleichgesinnte seiner Leidenschaft für die Kunst. Von Anfang an unterstützte Eske Nannen ihn mit ihrem ausgeprägten Organisationstalent tatkräftig und zielstrebig bei allen Aktivitäten. Henri Nannen machte später immer wieder, auch öffentlich, deutlich, dass die Kunsthalle nicht sein Werk allein war, sondern ohne die Mitwirkung seiner Frau Eske nicht entstanden wäre. Diese Gemeinsamkeit dokumentiert sich schließlich auch in der 1996 erfolgten Namensänderung der Stiftung: Stiftung Henri und Eske Nannen.

Nachdem der Kunsthändler Nannen sich letztlich von seiner wahren Sammlernatur selbst überzeugt hatte, geriet das Jahr 1983 zum eigentlichen Start in die Erfolgsgeschichte seines "dritten", der Kunst gewidmeten Lebens. Der Ankaufsinitiative zum Backhuysen-Bild, der Ausstellung russischer Malerei und der Kunstvereinsgründung folgte im August, nach einer Idee von Eske Nannen, die Gründung einer Malschule für Kinder und Jugendliche, die zunächst in der alten Emder Berufsschule Raum fand. Ferner wurden Pläne für eine Kunsthalle gemacht und das Architektenpaar Friedrich und Ingeborg Spengelin eingeschaltet, das im Oktober erste Skizzen vorlegte, in denen das Projekt Kunsthalle in Emden bereits konkrete Gestalt annahm. Nannens 70. Geburtstag im Dezember 1983 bedeutete den endgültigen Abschied vom "Stern" und damit von seinem "zweiten Leben", gleichzeitig gründete er seine Stiftung. Um ihren Zweck zu erfüllen, musste zunächst die Kunsthalle errichtet werden und darin lag die neue große Herausforderung, die Henri und Eske Nannen mit Verve anpackten. Im Mai 1984 wurde das Grundstück "Hinter dem Rahmen 13" gekauft, am 6. September 1984 erfolgte die Grundsteinlegung, am 16. Mai 1985 feierte man Richtfest und am 3. Oktober 1986, nur dreieinhalb Jahre nach der ersten Idee, wurde mit einem Festakt die Kunsthalle in Emden eröffnet.

Die dürren Daten lassen kaum ahnen, welche Anstrengungen notwendig waren, um dieses Projekt zu realisieren. Nannens Privatvermögen, das er, neben der Stiftung seiner Kunstsammlung, generös für den Museumsneubau hingab, reichte nicht aus, um die Kosten vollständig zu tragen. "Und dann bin ich schamlos betteln gegangen bei der Industrie und Wirtschaft und bei meinen Freunden." Er schrieb seine berühmten "Bettelbriefe" und warb nicht nur Geld-, sondern auch Sachspenden für den Bau ein, dessen Fortgang er mit "detailversessener Begeisterung" (Schreiber) verfolgte.

Kunsthalle in Emden, Foto: Jost Schilgen Ein Traum, kämpferisch und voller Engagement angestrebt, war für Henri Nannen Wirklichkeit geworden: Er hatte seinen Bildern ein Haus gebaut! Zwei Motive leiteten diese außer wenigen Beispielen einmalige private Initiative einer Museumsgründung im Wesentlichen: Zunächst der Wunsch Henri Nannens, seine in vielen Jahren gewachsene Sammlung zusammenzuhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Anderen die eigenen Bildschätze zeigen zu wollen, entsprach dem Exhibitionismus, der - so sein Eingeständnis - in jedem leidenschaftlichen Sammler steckt. Sodann war ein im weitesten Sinne auf Vermittlung ausgerichteter, pädagogischer Impuls weitere Antriebskraft, denn "das Verständnis für die Kunst des 20. Jahrhunderts" sollte geweckt und vertieft sowie zur "geistigen Auseinandersetzung mit den Inhalten und Formen dieser Kunst" angeregt werden. So formuliert es programmatisch die Satzung der gemeinnützigen Stiftung. Die Kunsthalle in Emden hat ihre Anziehungskraft für ein weites Publikum nachhaltig unter Beweis gestellt und bisher über 1,3 Mio. Besucher gezählt. Das Museum ist rasch zu dem geworden, was der Sammler ihm zum Ziel setzte, nämlich eine "lebendige Begegnungsstätte zwischen Bürgern und Bildern" zu sein.

Henri Nannen hat mit Weitsicht und großer mäzenatischer Geste einem Potential Ort und Wirkungsraum gegeben, aus dem auch alle anderen Interessierten schöpfen können: seiner Liebe zur Kunst. Dass dieses "Kraftfeld" Kunsthalle in Emden auch für die Zukunft gesichert und lebendig bleiben wird, dafür sorgt nicht nur die Stiftungskonstruktion, sondern all diejenigen, die es mit einem hohen Maß an Idealismus, Sachverstand und Realitätssinn lebendig werden lassen. Es gehört zu den besonderen Glücksfällen, dass das beispielhafte Mäzenatentum Henri Nannens - der 1995 mit der Maecenas-Ehrung des AsKI ausgezeichnet wurde - durch die Schenkung von Otto van de Loo und den dafür errichteten Erweiterungsbau im Jahr 2000 eine sinnvolle Fortsetzung gefunden hat.

 

Achim Sommer

Dr. Achim Sommer ist wiss. Leiter der Kunsthalle in Emden

 

Literaturhinweis:
Sammlung Henri Nannen; Schenkung Otto van de Loo, Meisterwerke der Kunsthalle in Emden, Band I und II, hrsg. von Achim Sommer, Emden 2000.



AsKI KULTURBERICHTE 1/2003

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