Bürgerschaftliches Engagement für AsKI-Institute: Der Arm des Laokoon

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Mitten im Januar 1506 löst in Rom ein Fund Begeisterungsstürme aus: die Entdeckung der Laokoon-Gruppe, die heute in Museo Pio-Clementino im Vatikan-Komplex zu sehen ist.

 

Ein Weinbergbesitzer entdeckt in der Nähe des Kolosseums ein unterirdisches altes Gewölbe, in dem die antike Figurengruppe einigermaßen geschützt ein Jahrtausend überdauert hat.

Laokoon-Gruppe im 1. Band , 1. Stück der Propyläen, Kupferstich von J.Ch.E. Müller (1766-1824) nach einer Zeichnung von K. Horney (1764-1807), © Foto: Goethe-Museum Düsseldorf Der päpstliche Baumeister Giuliano da San Gallo, begleitet von Michelangelo, erkennt in ihr das Kunstwerk, das der in Pompeji 79 n. Chr. umgekommene Plinius der Ältere in Rom im Haus des Kaisers Titus gesehen und über alle anderen Werke der bildenden Kunst gestellt hat: "opus omnibus et picturae et statuaria artis praeferendum". Der überwältigende Eindruck hat keinen Schaden dadurch erlitten, dass unter den Beschädigungen der ganze rechte Arm des Laokoon bis zur Schulter verloren gegangen ist. Michelangelo, dessen Moses-Statue in der nahe gelegenen Kirche S. Pietro in Vincoli ohne diese erschütternde Begegnung gar nicht zu denken ist, hat einen angewinkelten Arm, um den sich ein Schlangenkörper windet, ausgeführt, doch der Vorschlag seines Schülers Montorsoli hat sich durchgesetzt. Mit dessen Ergänzung, einem hochgereckten Arm, ist die Statuengruppe in den nächsten drei Jahrhunderten erlebt worden, hat die napoleonische Verschleppung nach Paris in der Zeit von 1797 bis zum Wiener Kongress 1815 überdauert. Dem Kunsthändler und Archäologen Ludwig Pollak ist 1905 dann bei einem römischen Steinmetzen ein sensationeller Fund gelungen: Er erkannte in dem Armfragment, das bis zum Unterarm reicht und das Ellenbogengelenk geknickt zeigt, ein Stück des Torso, das sich nahtlos einfügen ließ. Bei der 1960 abgeschlossenen Restaurierung der Gruppe wurde ihr dieser Armteil hinzugefügt, während frühere unbedeutende, von Cornacchini stammende Ergänzungen der Arme der Söhne entfernt wurden. Was das Kunstwerk an Geschlossenheit verliert, hat es seitdem an Authentizität gewonnen.

"Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten" - das ist der zentrale Satz in Winckelmanns 1755 veröffentlichten "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und der Bildhauerkunst", der zum Programm nationalen Aufstiegs wurde und der Interpretationen der Laokoon-Gruppe zu einem Schlüsselerlebnis über Ästhetik und Kunstgeschichte hinaus gemacht hat. Winckelmann leitet seine Sentenz von der "edlen Einfalt und stillen Größe" davon ab, weist dem Klassizismusverständnis um 1800 den Weg. Sein Hinweis auf die allgemeineuropäisch bekannte "Aeneis" des Vergil führt zwar in die Irre, ruft jedoch 1766 Lessings grundlegende Unterscheidung "Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie" hervor. Welche verschiedenartigen Entwicklungen auf dem gemeinsamen Boden der Naturnähe möglich waren, ist an den Wegen Goethes und Wilhelm Heinses ablesbar. Goethe knüpft in seinem programmatischen "Propyläen"-Beitrag "Über Laokoon" an die Vorstellung tragischer Idylle an, sieht in dem gestalteten Augenblick, der die Empfindungsweisen Furcht, Schrecken und Mitleid vereinigt, "eine gewisse Ruhe und Einheit", Heinse dagegen in seinem Renaissance-Roman "Ardinghello und die glückseligen Inseln":


"Das Ganze von Laokoon zeigt einen Menschen, der gestraft wird und den endlich der Arm göttlicher Gerechtigkeit erreicht hat; er sinkt in die Nacht des Todes unter dem schrecklichen Gerichte, und um seine Lippen herum liegt noch Erkenntnis seiner Sünden. Über dem rechten Auge und dem weggezuckten Blick aus beiden ist der höchste Ausdruck des Schmerzens. Sein ganzer Körper zittert und bebt und brennt schwellend unter dem folternden tötenden Gifte, das wie ein Quell sich verbreitet. - Seine Gesichtsbildung mit dem schönen gekräuselten Barte ist völlig griechisch und aus dem täglichen Umgange von einem tiefschauenden Menschen weggefühlt, und drückt einen gescheiten Mann aus, der wenig ander Gesetz als seinen Vorteil und sein Vergnügen achtet, und der dazu den besten Stand in der bürgerlichen Gesellschaft gewählt hat; voll Kraft und Stärke des Leibes und der Seele. Die zwei Buben werden mit umgebracht, als Sprossen von altem Stamme; das ganze Geschlecht von ihm wird vertilgt. Es leidet ein mächtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Götter, und man schaudert mit einem frohen Weh bei dem fürchterlichen Untergange des herrlichen Verbrechers. Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feierlich und naturgroß in ihrer Art, wie Erdbeben die Länder verwüsten. - Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schön; alle Muskeln gehen aus dem Innern hervor, wie Wogen im Meere bei einem Sturm. Er hat ausgeschrien und ist im Begriffe, wieder Atem zu holen. Der rechte Sohn ist hin, der linke wird derweile festgehalten, und die Drachen werden bald hernach mit ihm vollends kurzen Prozeß machen." Sturm-und-Drang lebt bei ihm ungebändigt weiter, strahlt auf Hölderlins "Hyperion" ab.

Skepsis gegenüber der Restaurierung des Arms meldet Heinse deutlicher an als Goethe, der intensiv den Prozess der direkten Zerstörung, wiederholter Übermalung und Versuche der Wiederherstellung im Zusammenhang von Leonardo da Vincis "Abendmahl" in der historischen Beschreibung durch Joseph Bossi verfolgt und in staatsbürgerlicher Verantwortung in die Debatte anhand von Weimarer Durchzeichnungen eingegriffen hat. Er war ein Verfechter der Befreiung und sorgfältigen Rekonstruktion des Originals. Es lässt sich unschwer erraten, was er zur Freilegung von Michelangelos Malereien in der Sixtinischen Kapelle gesagt hätte, die durch Sponsoring möglich geworden ist. Goethe notiert in der "Italienischen Reise": "das sind ja grade die Kerzen, welche seit dreihundert Jahren diese herrlichen Gemälde verdüstern, und das ist ja eben der Weihrauch, der mit heiliger Unverschämtheit die einzige Kunstsonne nicht nur umwölkt, sondern von Jahr zu Jahren mehr trübe macht und zuletzt gar in Finsternis versenkt."

Erhalt, Rekonstruktion und Unterbringung in Erweiterungsbauten - das sind die Themen, die zukünftig immer stärker private Beteiligung fordern. Die Spannweite geht von der Einzelrestaurierung von Büchern bis zu Neu- und Umbauten, für die wir in diesem Heft der "Kulturberichte" wieder ermutigende Beispiele präsentieren können. Die AsKI-Mitglieder Beethoven-Haus in Bonn und Kunstverein in Bremen konnten wichtige Baumaßnahmen von der Gründungszeit ihrer Institutionen bis in die jüngste Vergangenheit nur durch wesentliches bürgerschaftliches Engagement realisieren. Die Aufgabe der Pflege, oft in einem einfachen Sinn, erfordert eine intensivere Beteiligung des einzelnen Bürgers. Es sind Werke, die die Identität einer ganzen Kultur bedeuten können, der behutsamen Interpretation durch Kenner bedürfen und zugleich auf den Schutz jedes Einzelnen angewiesen sind.

Volkmar Hansen

Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen ist Vorstand und Direktor des Goethe-Museums/ Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Düsseldorf und Vorsitzender des AsKI e.V.

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 2/2003

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