Bernhard Heiliger - Die Köpfe. Ausstellung im Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg

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Das Museum Ostdeutsche Galerie in Regensburg zeigt seit dem Spätherbst (18.11.2001 - 13.01.2002) die von der Bernhard-Heiliger-Stiftung in Berlin konzipierte Ausstellung "Bernhard Heiliger - Die Köpfe", die seit einem Jahr quer durch die Museen in Deutschland, von Berlin über Wuppertal, Magdeburg, Neu-Ulm, Regensburg und schließlich Künzelsau wandert.

Bernhard Heiliger (1915 Stettin - 1995 Berlin) zählt zu den herausragenden deutschen Bildhauern der Nachkriegszeit. Er hinterließ ein äußerst vielfältiges Werk, das sich von der Figuration zur reinen Abstraktion entwickelte. So sind seine Großskulpturen heute in zahlreichen deutschen Städten vertreten (u.a. Bonn, Villa Hammerschmidt und ehem. Bungalow des Bundeskanzlers; Bremen, Bürgerschaftshaus; Esslingen, Neckarbrücke; Frankfurt a. M., Justus-von-Liebig-Schule; Karlsruhe, Technische Universität; München, Tucherpark; Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum; Stuttgart, Landesbibliothek; Ulm, Universitätsklinik; Untertürckheim, DaimlerChrysler). Auch im Regensburger Stadtpark an der Westfassade des Museums Ostdeutsche Galerie ist eine Wandplastik ("Montana III") des Bildhauers zu sehen, aus deren amorphen dunklen Strukturen einer Stammform sich polierte goldene Flächen einer Flügelform entfalten, als Zeichen der Versöhnung zwischen realer Natur und technischer Abstraktion. Heiligers Schaffen war aber zeitlebens eng mit der Stadt Berlin verknüpft, wo Werke wie die "Flamme" auf dem Ernst-Reuter-Platz oder das "Auge der Nemesis" vor der Schaubühne auf dem Kurfürstendamm stehen. In Berlin lehrte er fast vierzig Jahre an der Hochschule der Künste, hier befand sich auch sein Grunewalder Atelier, heutiger Sitz der aus dem Nachlass hervorgegangenen Bernhard-Heiliger-Stiftung.

Neben seinen freien Arbeiten schuf Heiliger eine Serie von Porträtköpfen, die zu den wichtigen Werken ihrer Gattung zählen. Die nach 1945 schwierige Aufgabe, den Darzustellenden möglichst treffend zu charakterisieren und dabei zugleich ein modernes Kunstwerk zu schaffen, fand eine neuartige Lösung zwischen formaler Radikalität und mimetischer Präzision, von allgemeinem Typus und individueller Physiognomie.

Die Porträtierten waren größtenteils mit Heiliger befreundet. Es sind unter anderem Künstler (Karl Hofer, Alexander Camaro, Boris Blacher), Schauspieler (O. E. Hasse, Ernst Schröder), Kunsthistoriker (Karl Ludwig Skutsch, Christian Adolf Isermeyer, Kurt Martin, Graf Philippe d'Arschot), Autoren (Hans Blüher, Martin Heidegger), Sammler (Ehepaar Schniewind), Tänzerinnen (Dore Hoyer, Katherine Dunham) sowie Freundinnen und Ehefrauen. In drei Fällen hatte Heiliger Aufträge aus der Politik angenommen (Ernst Reuter, Theodor Heuss und Ludwig Erhard). Diese Köpfe machten Heiliger einer breiten Öffentlichkeit bekannt, brachten ihm Ruhm ein. Sie wurden "in ihrer Gesamtheit ... und über das Individuelle hinausgehend zum Gesicht der damaligen Zeit" (Gottfried Sello). Und fast alle Köpfe sind nur aus dem Interesse an der Spiegelung eines Charakters entstanden, wenn ihm - so Heiliger selbst - ein "besonders einprägsames Gesicht begegnet, das meiner Formenwelt entsprach."

Heiligers Porträtauffassung ist mitnichten konventionell, vielmehr schuf er "frei erfundene Skulpturen ... mit gewissen Physiognomien". Typisch für dieses Verständnis sind die zwei Köpfe des Berliner Bürgermeisters "Ernst Reuter" aus den Jahren 1954/55. Zu diesem Zeitpunkt lebte das Modell nicht mehr, und Heiliger entwickelte aus der Intuition ein prägnantes Porträt, das physiognomische Details und überindividuellen Typus in einer untrennbaren Einheit verband. Aus Respekt vor seinem Gegenüber vermied er bei seinen Porträts grundsätzlich jegliche schmeichelnden Pathosformel oder gar karikaturhafte Übersteigerung.

In der künstlerischen Entwicklung Heiligers ist nach 1945 eine immer stärkere Zurücknahme des formalen Details zugunsten einer mehr archaisierenden Formensprache erkennbar. Seine kugeligen "Frauenköpfe" vom Ende der vierziger Jahre weichen späteren Gesichtern mit kantigen Profilen und Graten der Lineatur. Die Auftragsarbeit der Amerikanerin "Eline McKnight" von 1950 - mit hochgerecktem Hals als Sockel und Büste - zugleich steht noch in der Tradition expressiver Vereinfachung. Dagegen steigerte er fünf Jahre später das Bildnis des "Grafen Philippe d'Arschot" zu einem Porträt zwischen geistiger Anspannung und formaler Autonomie. Den Durchbruch erlangte Heiliger schließlich 1951 mit dem "Karl Hofer"-Porträt. Der Kopf des damals 73-jährigen Hochschuldirektors erregte großes Aufsehen in der Fachwelt. "Er ist von einer entwaffnenden Ähnlichkeit und gleichzeitig ganz und gar plastisch. Wie Heiliger das zuwege gebracht hat, ist rätselhaft." (Will Grohmann)

Die allgemeine Verblüffung lag in der Auflösung der Symmetrie, die ansonsten im Aufbau seiner Köpfe ruhte. Von der Basis schwingen Kopf und Schulter gestenreich nach oben. Die dynamische Anspannung durchfährt das gesamte Gesicht, das sich in entgegengesetzte Richtung zum Körper dreht. "Er hatte zentrale Vorstöße der modernen Plastik - die Dynamik einer aufsteigenden Form, den großlinig flüssigen Zusammenklang des Gesamtkonturs wie der Binnenzeichnung, die Rhythmik konkaver Mulden und konvexer Wölbungen - ins psychologische Raffinement einer Portraitbüste überführt. Dieser Kopf besteht die Nagelprobe der Formautonomie und verblüfft doch durch Ähnlichkeit. Der zusammengekniffene Schlitz des Mundes, die witternd vorgeschobene Nase, die tief unterschnittene Brauenlinie mit den kleinen eingebohrten Augenlöchern - das alles charakterisiert, ohne jede deskriptive Anpassung, Hofers wache Skepsis, spürsinnige Aufmerksamkeit, bis hin zum verhalten visionären Blick." (Manfred Schneckenburger)

Mit diesem Kopf wird ein Paradigma der modernen bildhauerischen Porträtgestaltung gesetzt, über die physiognomische Treue hinaus das Wesen des Gegenübers erst durch Haltung, Neigung, Drehung und Umriss des ganzen Kopfes zu bestimmen. So erschließt sich für den Betrachter der Charakter anderer Köpfe durch unterschiedliche Annäherung, schräg z. B. beim Kunsthistoriker "Kurt Martin" oder frontal z. B. beim Schauspieler "Ernst Schröder". Es sind wahre "Kopflandschaften" (Heiliger), deren materielle Beschaffenheit auch zum Ausdrucksträger ihres Wesens werden.

Neben Bronzen entstanden vor allem Zementgüsse, deren raue Oberfläche sich besonders für den Eindruck einer zerfurchten Epidermis mit tiefen Senken und Buchten eignet. Der Blick des Auges mit gebohrten Pupillen verändert sich durch den Grad der Ritzung und Kerbung, einmal verinnerlicht kontemplativ beim Musiker "Boris Blacher", dann kantig kämpferisch beim Kunsthistoriker "Kurt Martin" und schließlich gelassen würdevoll beim Bundespräsidenten i.R. "Theodor Heuss". Am Beispiel des Mimen "Ernst Schröder" vermag eine Ritzzeichnung dessen Gesichtszüge als Maske zu tarnen.

In der Bronze erscheinen dagegen die vom Licht glänzend getroffenen Formen nobel glatt und herrschaftlich kompakt. Das pyknische Gesicht von "Ludwig Erhard" wirkt eher geschönt angesichts seines wuchtigen Schädels. Ohren und Haare verschmelzen sich mit dem Kopfmassiv. Von den knapp 80 überlieferten Köpfen werden in Regensburg 35 herausragende Beispiele aus dem geistigen Kulturleben von 1945 bis 1965 zu sehen sein.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 160 Seiten und zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen, herausgegeben von Marc Wellmann im Auftrag der Bernhard-Heiliger-Stiftung Der Katalog enthält kritische Aufsätze, biographische Informationen zu den Dargestellten und ein Werkverzeichnis aller Köpfe (Preis an der Museumskasse 29 DM/14,80 EUR).
Weitere Station der Ausstellung: Hirschwirtscheuer, Museum für die Künstlerfamilie Sommer, Künzelsau (24.1. - 24.3.2002)

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2001

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