»NEWTON / GOETHE / GALILEO. Reflexionen von Mischa Kuball«
Das Museum Casa di Goethe in Rom zeigt vom 30. April bis zum 4. Oktober 2026 eine Einzelausstellung des Konzeptkünstlers Mischa Kuball. In zwei Werkkomplexen setzt sich der Künstler mit zwei bedeutenden Ereignissen der Wissenschaftsgeschichte auseinander: Eine eigens für die Casa di Goethe neu entwickelte Arbeit stellt visuell die gegensätzlichen Auffassungen von Johann Wolfgang von Goethe und Isaac Newton zur Farbenlehre und Lichtbrechung in einem offenen, zeitgenössischen Dialog gegenüber. Die Installation five suns – after Galileo, thematisiert Galileo Galileis Betrachtungen der Sonnenflecken, die im frühen 17. Jahrhundert zum Konflikt mit der katholischen Kirche führten.
Künstler und Ausstellung
Mischa Kuball (*1959) arbeitet seit über drei Jahrzehnten vornehmlich mit dem Medium Licht und greift in seiner künstlerischen Praxis soziale und politische Themen auf; immer wieder beziehen sich seine Arbeiten auch auf wissenschaftliche Fragestellungen, etwa Neurowissenschaften oder die Kunsttheorie von Aby Warburg. Öffentliche wie private Räume werden dabei zu Plattformen für den Austausch zwischen Publikum, Künstler und Werk. Die Präsentation in Rom wird kuratiert von Gregor H. Lersch, dem Leiter der Casa di Goethe. Die eigens für die Ausstellung entstandene Installation Newton/Goethe (luce nera) bildet den Auftakt. Hier wird die historische Diskussion um Lichtbrechung und Farbentheorie raumgreifend erfahrbar. Goethes intensive Beschäftigung mit Licht und Farbe fand ihren Niederschlag in der 1810 veröffentlichten Schrift »Zur Farbenlehre«. Darin widersprach er ausdrücklich Newtons physikalischem Modell, nach dem Farbe durch die Zerlegung weißen Lichts in Spektralfarben entsteht. Während Newton Farbe als objektive Eigenschaft des Lichts verstand, rückte Goethe die menschliche Wahrnehmung in den Mittelpunkt: Farben entstehen für ihn im Übergang von Licht und Finsternis und sind untrennbar mit dem sehenden Subjekt verbunden. Sein Ansatz war ganzheitlich angelegt und er verstand Farbe als Erfahrungsphänomen. Obwohl seine Theorie aus naturwissenschaftlicher Sicht umstritten blieb, entfaltete sie eine nachhaltige Wirkung auf Kunst, Wahrnehmungstheorie und Ästhetik und prägte das Denken zahlreicher Künstlerinnen und Künstler bis heute.
Mischa Kuball greift den historischen Diskurs in einer raumgreifenden Installation auf, in der Goethes und Newtons Vorstellungen von Lichtbrechung in einer Projektion auf einen rotierenden Körper miteinander verschränkt werden. Durch Bewegung, Überlagerung und kontinuierliche Veränderung entstehen instabile Farbkonstellationen, die sich dem eindeutigen Zugriff entziehen. Farbe erscheint hier nicht als festes Resultat, sondern als Prozess, der von Lichtquelle, Raum, Zeit und Perspektive abhängt. Der Betrachter wird Teil eines Wahrnehmungsgeschehens, das zwischen naturwissenschaftlicher Analyse und subjektiver Erfahrung oszilliert und damit zentrale Fragen von Erkenntnis und Sichtbarkeit verhandelt.



Die Installation five suns – after Galileo
In der Installation five suns – after Galileo wird im zweiten Teil der Ausstellung Licht auf fünf rotierende Gläser unterschiedlicher Farbe projiziert. Galileo beobachtete die sich bewegenden und verändernden Sonnenflecken und hielt sie in einer Reihe von Bildern fest. Ohne genau zu wissen, was diese Sonnenflecken genau bedeuteten, sah Galileo in ihnen eine Bestätigung der kopernikanischen Weltanschauung im Gegensatz zu den Dogmen der damaligen Kirche: Die Erde ist keine Scheibe, sondern eine Kugel, sie ist nicht der Mittelpunkt des Universums, sondern einer von mehreren Planeten, die um die Sonne kreisen. In Fortführung der galileischen Intuition präsentiert Kuball mit seiner Installation seine eigene Vorstellung von visuellem Wissen und Denken. Galileo etablierte eine neue Form des Sehens: nicht das autorisierte Sehen, sondern das »instrumentell erweiterte, individuelle, überprüfbare Sehen«. Dabei wird deutlich, dass Sichtbarkeit nicht neutral, sondern immer in Machtverhältnisse eingebettet ist. Zudem schlägt der Konflikt Galileos mit der katholischen Kirche einen inhaltlichen Bogen in die Papststadt Rom.
five suns – after Galileo wird als Leihgabe der Monika Schnetkamp Collection Düsseldorf präsentiert. Monika Schnetkamp, Unternehmerin, Gründerin und Stifterin der Kunstinstitution KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION, erhielt 2023 die Maecenas-Ehrung des Arbeitskreises selbständiger Kulturinstitute e. V. (ASKI), dem Trägerverein der Casa di Goethe.