Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten - Wechselausstellung im Museum für Kommunikation Berlin

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Vom vermeintlich harmlosen Humor bis zum diffamierenden Spott - judenfeindliche Motive und Darstellungen trugen dazu bei, eine gesamte Bevölkerungsgruppe „abzustempeln" und zur Zielscheibe von Hohn und Hetze zu machen. Wie wurden solche Bilder konstruiert?

Welche Rolle spielte der „alltägliche" Judenhass der wilhelminischen Zeit für den Erfolg des Nationalsozialismus? Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Frankfurt am Main entstanden ist, zeigt und analysiert noch bis zum 15. Februar 2004 die Bilder und Vorstellungen, die den Antisemitismus in Deutschland und Österreich seit dem 19. Jahrhundert kennzeichneten.

Gruss aus dem Kölner Hof (1897), 1896 untersagte das Frankfurter Hotel Kölner Hof Juden den Besuch und warb auf Postkarten, Werbezetteln und Plakaten damit massiv um antisemitische Gäste. Der Erfolg dieser Kampagne zeigte, dass der Ausschluss von Juden geschäftlich attraktiv sein konnte. Sammlung Haney, Berlin © Bildarchiv Foto Marburg Im Mittelpunkt stehen über 400 Postkarten einer Berliner Privatsammlung. Sie stammen überwiegend aus der Zeit des wilhelminischen Kaiserreichs, eine geringere Anzahl ist aus der Weimarer Republik sowie der Zeit des Nationalsozialismus erhalten. Gemeinsam mit zahlreichen Grafiken, Flugblättern und Büchern dokumentieren sie die Spannweite stereotyper antisemitischer Darstellungen, die sowohl ursprünglich religiös begründeten als auch rassistischen Vorurteilen und Feindbildern Rechnung trugen. Als alltägliches visuelles Kommunikationsmedium spiegeln die Bildpostkarten politische, ideologische und moralische Strömungen der jeweiligen Epochen wider und bieten zugleich konkrete Einblicke in die Bild- und Vorstellungswelt ihrer Absender.

Ehren-Diplom! (1898), Die Karte mit dem Motiv des >raffgierigen Juden< gehört zum Typus der Neujahrskarten, die gerne an unbeliebte Bekannte gesandt wurden. Sammlung Haney, Berlin © Bildarchiv Foto Marburg Um 1900 waren vor allem vier antisemitische Bildstereotype verbreitet, die sich in vielen Variationen in der Ausstellung wiederfinden: der assimilierte, reich gewordene „Westjude", der arme „Ostjude", der jüdische Intellektuelle und die jüdische „Matrone". Diese „Judentypen", physiognomisch in der Regel durch die fliehende Stirn, eine ausgeprägte Nase und eine übertriebene Gestik gekennzeichnet, wurden in unterschiedlichen Themenzusammenhängen eingesetzt: Mal schürten sie Überfremdungsängste angesichts der Einwanderung von „Ostjuden" nach Deutschland, unterstrichen die herabwürdigende Vorstellung vom geldgierigen „Wucherjuden" und „betrügerischen Trödler" oder brandmarkten die Juden als wehrdienstuntauglich und feige. Hotels wie der „Kölner Hof" in Frankfurt/Main oder Urlaubsorte wie Borkum erklärten sich zu „judenfreien" Zonen und warben auf Bildpostkarten damit.

Deutschland (1920), Dieses nationalsozialistische Wahlplakat zur Reichstagswahl 1920 greift die den Juden zugeschriebene Haken- bzw. Habichtsnase auf, Sammlung Haney, Berlin © Bildarchiv Foto Marburg Eine Grundlage für den Erfolg judenfeindlicher Karten war der völkische Antisemitismus, eine im wilhelminischen Kaiserreich zeitweise sehr erfolgreiche politische Bewegung. Ziel war es, den Juden die erst wenige Jahre zuvor erlangten Bürgerrechte wieder abzuerkennen und sie aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben zu verdrängen. Diese Forderungen meinte man ableiten zu können aus den Erkenntnissen über die angeblich unterschiedliche Wertigkeit der semitischen und arischen Rasse. Der zuvor meist religiös begründete Judenhass sollte hierdurch auf eine neue, pseudowissenschaftliche Grundlage gestellt werden.

In der wilhelminischen Kaiserzeit, der „Blütezeit" der Postkarte, wurden in Deutschland bis zu drei Millionen Exemplare täglich verschickt. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Bedeutung der Bildpostkarte stark zurück, die Produktionszahlen sanken. Gleichwohl riss die antisemitische Bildpropaganda nicht ab. So war mit den bis 1933 formulierten Bildstereotypen unter anderem der Grund bereitet für den Antisemitismus, der im Dritten Reich zur Staatsdoktrin erhoben wurde. Dass antijüdische Vorurteile selbst nach dem Zweiten Weltkrieg in hohem Maße verbreitet blieben, zeigt, wie effektiv die judenfeindliche Propagandamaschinerie gearbeitet hatte.

 

Monika Seidel

Pressereferentin im Museum für Kommunikation Berlin

 

Katalog zur Ausstellung
Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten. Auf der Grundlage der Sammlung Wolfgang Haney (Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Band 4). Hrsg. v. Helmut Gold und Georg Heuberger. Eine Publikation der Museumsstiftung Post- und Telekommunikation und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Heidelberg, 1999
ISBN 3-8295-7010-4, 380 S., zahlreiche Abb.
Zum Preis von 29,80 € inkl. Versandkostenpauschale über das Museum zu beziehen.

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 3/2003

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