25 Jahre Eiselen-Stiftung Ulm - Bürgerschaftliches Engagement für Kultur und Wissenschaft

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Stiftungen verkörpern Bürgersinn, weil sie ihre Freiheit mit Verantwortung verbinden sowie ihre Selbstverwirklichung mit dem Gemeinnutz kombinieren. Klassische Stiftungen leisten einen wichtigen Beitrag zur Zivilgesellschaft und komplementieren und verstärken in vielen Bereichen staatliches Handeln.

 

Stiftungen und ihre Stifter sind die idealtypischen Beispiele bürgerschaftlichen Engagements. Stifter ergreifen die Initiative, um etwas in Gang zu setzen. Viele Stifter wollen, nachdem sie im Leben etwas erreicht haben, einen Teil ihres Ertrages der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Mäzenatisches und philanthropisches Engagement, d. h. die Bereitstellung privater Mittel für öffentliche Zwecke, lässt sich als Ausdruck eines bürgerlichen Selbstverständnisses interpretieren, das die Produktion öffentlicher Güter nicht allein dem Staat überlässt. Die Förderung von Wissenschaft, Kunst und Kultur verfolgt darüber hinaus das Ziel, bürgerlichen Normen, Wertvorstellungen und Deutungsmustern Akzeptanz und Geltung zu verschaffen.

Job Adriensz Berckheyde, Der Bäcker ruft, 1681, Öl auf Leinwand, Foto: Museum der Brotkultur Ulm Die Erweiterung des Wissens um die Geschichte des Brotes und seine Bedeutung für den Menschen ist eine Aufgabe der Eiselen-Stiftung. Darüber hinaus ist die Förderung der Wissenschaft in ihrer Satzung verankert. Die Vater und Sohn Eiselen-Stiftung in Ulm wurde im Dezember 1978 als gemeinnützige GmbH gegründet und 1991 in eine gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts umgewandelt. Ihre spezifischen Aufgaben sind die Trägerschaft für das Museum der Brotkultur, ehemals Deutsches Brotmuseum, und die Förderung von Forschungsvorhaben zur Verbesserung der Ernährungslage in der Welt. Sie verdankt ihre Entstehung und ihre Ausgestaltung dem jahrzehntelangen persönlichen Engagement von Dr. h.c. Willy Eiselen (1896-1981) und seinem Sohn Dr. rer. pol. Hermann Eiselen (Jahrgang 1926).

Der Fabrikant Willy Eiselen war eine eindrucksvolle Unternehmerpersönlichkeit. Sein Unternehmen "Ulmer Spatz Vater und Sohn Eiselen" befasste sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Backmitteln und Grundstoffen für die Bäckerei und war einer der führenden Zulieferbetriebe des Backgewerbes. Der Betrieb ging auf die im Jahre 1859 gegründete Ulmer Malzfabrik zurück, die 1944 total zerstört worden war. 1946 begann der Wiederaufbau. Willy Eiselens Verdienste auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet wurden von verschiedenen Universitäten gewürdigt. 1971 verlieh ihm die Universität Hohenheim außerdem die Würde eines Ehrendoktors.

Truhe einer Bäcker- und Müllerzunft, Oberschwaben 1701, Sammlung Museum der Brotkultur, © Foto: Museum der Brotkultur, Ulm Dr. rer. pol. Hermann Eiselen, promovierter Volkswirt, trat 1954 an die Seite seines Vaters, um das Unternehmen zu leiten. Fast dreißig Jahre hat Dr. Hermann Eiselen entscheidend das Unternehmen geprägt. Es konnte zielgerecht viel beachtete Beiträge zur Verbesserung der Qualität von Brot und Backwaren durch seine getreide- und backtechnologischen Forschungsstätten leisten. Durch die innovativen und kundenorientierten Leistungen war auch der große wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens möglich. Anfang der achtziger Jahre waren zwei Drittel aller deutschen Bäckereien Kunden. Da aus der Familie niemand die Nachfolge antreten wollte, entschlossen sich Vater und Sohn Eiselen, das Unternehmen zu verkaufen, was am 1.1.1980 geschah. Die Möglichkeit der Einbringung der Firma in eine Träger-Stiftung war zuvor geprüft, jedoch aus verschiedenen Gründen verworfen worden.

Die lebenslange Beschäftigung von Vater und Sohn Eiselen mit dem Thema Brot und die daraus erlangte zentrale Stellung des Brotes in ihrem Denken und Handeln sowie ein ausgesprochenes Traditionsbewusstsein, verbunden mit der Liebe zu historischen Gegenständen, führte zu dem Gedanken, das Deutsche Brotmuseum als Verein zu gründen. Dies geschah im Dezember 1955. Zwei Jahre später erfolgte die Anerkennung des eingetragenen Vereins als gemeinnützige und wissenschaftliche Einrichtung. Es war das erste und viele Jahre lang das einzige Museum seiner Art auf der Welt. 1960 konnte das Museum eigene Ausstellungsräume in Ulm beziehen. Das Museum hat niemals öffentliche Mittel beantragt oder erhalten, sondern wurde von Vater und Sohn Eiselen nahezu 30 Jahre lang aus privaten Mitteln getragen.

Dr. H. Eiselen, der die Stiftung und das Museum über 20 Jahre geleitet hat, ist diese Aufbauarbeit gelungen. Er hat eine eigenständige und gemeinnützige Stiftung geschaffen und aus dem mehr technikorientierten Deutschen Brotmuseum das anspruchsvolle Museum der Brotkultur mit einer großen Spezialsammlung gemacht. Die Eiselen-Stiftung ist rechtlicher Träger des Museums der Brotkultur, daher gehört es zu ihren Aufgaben, die erforderlichen Mittel für dessen Betrieb aufzubringen.

Pieter Brueghel d.J., Die sieben Werke der Barmherzigkeit zwischen 1616 und 1638, Öl auf Holz, Sammlung Museum der Brotkultur, © Foto: Museum der Brotkultur, Ulm Die Vision und der Weitblick von Dr. H. Eiselen führten zum Umzug des Museums in den historischen Salzstadel in der Ulmer Innenstadt. Dort hat sich das Museum ausgezeichnet entwickelt und verzeichnete in den 90er Jahren zwischen 40.000 und 50.000 Besucher. Die Sammlungen sind auf über 10.000 dreidimensionale Objekte, fast 3.000 Originalgraphiken, Gemälde und andere bildliche Darstellungen sowie auf eine große Spezialbibliothek mit über 5.000 Büchern angewachsen. 1.300 Exponate sind in der Dauerausstellung auf 800 Quadratmetern, die sich auf zwei Stockwerke des Salzstadels erstrecken, zu sehen. Das Erdgeschoss bietet Platz für thematische Sonderausstellungen des Museums.

In seiner ständigen Ausstellung und in zahlreichen Sonderausstellungen will das Museum seinen Besuchern die Geschichte und Bedeutung des Brotes für den Menschen in Vergangenheit und Gegenwart sowie die aktuelle Welternährungslage bewusst machen. Es versteht sich als zentrale Auskunftsstelle für alle Fragen, welche die Geschichte und Bedeutung des Brotes für den Menschen betreffen. Es erforscht die Technik, die Kultur und die sozialgeschichtlichen Fragen des Brotes. Brot ist hierbei als Inbegriff aller Nahrung zu verstehen. Das Fehlen von Brot ist gleichbedeutend mit Hunger. Hunger hat die Menschheit seit Anbeginn immer wieder bedroht und oft viele Opfer gefordert. Dem Hunger ist daher ein Teil der Dauerausstellung gewidmet, die dieses Thema historisch und künstlerisch ausleuchtet. Damit ist das Museum der Brotkultur eines der bedeutendsten Spezialmuseen in privater Trägerschaft.

In der zweiten Hälfte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde das Welthungerproblem in seinem ganzen Umfang wahrgenommen. Hunderte von Millionen Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika litten Hunger. Die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) postulierte damals das Recht jedes Menschen auf genügend Nahrung als sein erstes und wichtigstes Grundrecht. Das Deutsche Brotmuseum stellte sich ab 1960 als erste Institution in der Bundesrepublik in den Dienst der Aufklärung über die alarmierende Welternährungslage, indem es Ausstellungen durchführte und Publikationen der FAO in deutscher Sprache herausgab. Damit war der Aufruf verbunden, mit Spenden zum Kampf gegen den Hunger auf der Welt beizutragen. Vater und Sohn Eiselen, geprägt durch die Hungererfahrungen während und nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, empfanden es als Verpflichtung, dass sich die deutsche Bevölkerung für die Hungernden einsetzten. So übertrugen sie das Leitwort der FAO "Fiat Panis" ins Deutsche und formulierten die Forderung "alle Menschen sollen satt werden", wobei die Betonung auf "alle" liegt.

Das Welternährungsproblem, welches in einem engen Zusammenhang mit dem Weltbevölkerungsproblem steht, kann, wenn überhaupt, nur auf Grund wissenschaftlicher Forschungsarbeiten und durch Umsetzung ihrer Ergebnisse in die Praxis gelöst werden. Hieraus ist die zweite Aufgabe, die sich die Eiselen-Stiftung gestellt hat, entstanden. Die Stifter gingen von der Erkenntnis aus, dass die Forschung im Dienste der Verbesserung der Welternährungslage bisher unzureichend war. Ebenso war die Bereitschaft privater Institutionen, sich für ihre Intensivierung einzusetzen, gering. Die Eiselen-Stiftung hat auf dem Felde privater Forschungsförderung im Dienste der Verbesserung der Welternährungslage Pionierarbeit geleistet.


Mühlenmodell mit Spielwerk unbekannter Meister um 1870, Holz, Silber, weitere Metalle, Sammlung Museum der Brotkultur, © Museum der Brotkultur Ulm Sie initiiert und unterstützt Forschungsprojekte, die geeignet sind, bei Anwendung ihrer Ergebnisse, zu einer Verbesserung der Ernährungslage in Ländern mit Nahrungsmitteldefiziten beizutragen und/oder die Auswirkungen von Hunger und Armut zu lindern. Das größte geförderte Einzelprojekt war das Forschungsvorhaben "Angewandte Genetik im Dienste der Welternährung", das im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Biotechnologie und Pflanzenzüchtung" an der Universität Hohenheim von 1985 bis 1997 durchgeführt wurde. Mit dem Einsatz von Gentechnologie bei der Saatgutverbesserung sollten unter ungünstigen Anbaubedingungen höhere Erträge und höhere Resistenz gegen Pflanzenkrankheiten und Schädlinge erzielt werden. Die Eiselen-Stiftung förderte diesen Forschungsschwerpunkt zwischen 1985 und 1997 mit mehr als 6 Mio €.

Die Eiselen-Stiftung unterstützt wissenschaftliche Nachwuchskräfte, die sich mit der Lösung einschlägiger Probleme beschäftigen. Diplomanden erhalten Zuschüsse zu den Kosten von Aufenthalten in Entwicklungsländern, Doktoranden Forschungsstipendien. Über das Tropenzentrum der Universität Hohenheim konnten bisher weit über 350 Nachwuchskräfte gefördert werden. Weiterhin erhalten Experten aus Entwicklungsländern Reisekostenzuschüsse, um z. B. an Fortbildungsveranstaltungen in Deutschland wie an der Universität Hohenheim, teilnehmen zu können.


Seit 1986 vergibt die Eiselen-Stiftung alle zwei Jahre einen zurzeit mit 20.000 € dotierten Preis (Josef G. Knoll-Wissenschaftspreis) an wissenschaftliche Nachwuchskräfte, die sich mit Möglichkeiten der Verbesserung der Ernährungslage in Ländern mit Nahrungsmitteldefizit beschäftigen. Insgesamt wurden seit 1986 35 Preisträger ausgezeichnet. 1999 wurde erstmals der H. H. Ruthenberg-Graduierten-Förderpreis von der Eiselen-Stiftung ausgeschrieben. Er wird jährlich an Diplomanden vergeben und ist mit 7.500 € dotiert. 12 Graduierte wurden bisher ausgezeichnet.

 

Darüber hinaus hat die Eiselen-Stiftung internationale Symposien initiiert und finanziert. Zuletzt das Symposium "Sustaining Food Security and Managing Natural Resources in South-East Asia: Challenges for the 21st Century" im Januar 2002, das in Chiang Mai, Thailand, durchgeführt wurde. 240 Teilnehmer aus 24 Ländern nahmen am Symposium teil und diskutierten eine Vielzahl von Themen, in deren Mittelpunkt Armutsminderung, Ernährungssicherung und Ressourcenmanagement standen.

Das bürgerliche Engagement des Stifters und seiner Stiftung zeigt sich aber nicht nur in der Wahl der geförderten Themen, der Kunstsammlung und dem Museum, sondern auch in einer soliden finanziellen Ausstattung, damit die Stiftung langfristig wirken kann. Auf diese Weise führt die Eiselen-Stiftung vor Augen, wie eine private Institution ihren Beitrag leisten kann - sie möchte damit für andere potentielle Stifter Vorbild sein.

 

Andrea Fadani

Dr. Andrea Fadani ist Vorstand der Eiselen-Stiftung, Ulm

 

 

AsKI KULTURBERICHTE 1/2003

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