Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden / Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt: Die Sprache und das Sprechen. Ausflüge in die Welt der Worte, Zeichen, Gesten

Unabhängig davon, ob sie gesprochen oder geschrieben, gebärdet oder getastet wird – Sprache ist grundlegend für das menschliche Selbstverständnis. Von der Literatur bis zum Jugendslang macht die Dresdner Ausstellung für den Reichtum empfänglich, der mit den unterschiedlichsten Erscheinungsformen von Sprache in allen unseren Lebensbereichen verbunden ist.

Yerkish, 2002, Detail einer Tastatur mit Lexigrammen in Yerkish, Über die Symbolsprache <Yerkish> kommunizierte die Psychologin und Primatologin Sue Savage-Rumbaugh mit dem Bonobo Kanzi, um die Fähigkeit zum Spracherwerb bei Menschenaffen zu erforschen; © Stiftung Deutsches Hygiene-Museum

Mit Sprache gehen wir täglich um: Wir reden miteinander, wir lesen, schreiben und gestikulieren – und manchmal teilen wir auch durch Schweigen etwas mit. Ähnlich wie das Atmen oder das Gehen erscheint uns das Sprechen dabei als etwas vollkommen Selbstverständliches. Aber ist es das auch? Und wie kommt es, dass nur der Mensch über dieses komplexe und anpassungsfähige Instrument verfügt?

Richard Artschwager, Exclamation Point (Chartreuse), 2008, © the artist / Artists Rights Society, New York, 2016, Courtesy Gagosian Gallery and Sprüth Magers Sprache ist nichts Statisches. Während wir sie im täglichen Miteinander nutzen, verändern wir sie gleichzeitig, wir finden neue Wörter und verlieren andere. Auch die Umbrüche unserer Lebenswelten, die mit den globalen technologischen, kulturellen und ökonomischen Entwicklungen verbunden sind, bleiben nicht ohne Auswirkungen auf die Sprache. Das gilt insbesondere für Gesellschaften, in denen viele Menschen eine Migrationsgeschichte haben und Mehrsprachigkeit oder bilinguale Familien keine Ausnahmeerscheinungen mehr darstellen. Dass es gerade ihre kreative Wandlungsfähigkeit ist, die das Wesen von Sprache ausmacht, können die Besucherinnen und Besucher in dieser Ausstellung auch anhand zahlreicher interaktiver Elemente selbst ausprobieren.

Die erste Abteilung Homo loquens. Zur Sprache kommen betrachtet den sprechenden Menschen aus der Perspektive der Wissenschaften. Während der Ursprung der Sprache in den Mythen vieler Kulturen als gottgegeben erscheint, wird sie seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften systematisch als biologisches und kulturelles Phänomen untersucht. Welche anatomischen und neuro-physiologischen Grundlagen hat das Sprechen? Wie genau lernen Kinder sprechen? Haben auch Tiere eine „Sprache"? Welche Rolle spielen Gestik und Mimik? Entstehen noch heute neue Sprachen?

Die zweite Abteilung Denkbewegungen. Sinn und Sinnlichkeit der Sprache zeigt die Sprache als ein fundamentales Element des Menschseins, mit dem wir dem Denken eine erkennbare und mitteilbare Form geben. Die Entdeckung der Schrift und des Lesens verleiht dem Denken eine sichtbare und materielle Form, mit der sich die Sprache vom Sprechen löst, aber auch von Stimme und Gehör, von Gestik und Blick. Die Schriftsprache hilft uns, Ordnungen zu schaffen und unser Denken zu strukturieren, und sie eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Überlieferung. Am Beispiel der Literatur zeigt die Ausstellung, dass dem Spiel mit der Sprache und den Möglichkeiten, immer wieder neue Gedankenwelten zu erschließen, keine Grenzen gesetzt sind.

Walter Benjamin, Worte und Sätze, Walter Benjamin Archiv, Akademie der Künste, Berlin Mit der menschlichen Fähigkeit zur Kommunikation beschäftigt sich die dritte Abteilung Redehandwerk. Macht und Magie der Sprache. Wir benutzen Sprache nicht nur, um die Welt zu beschreiben und Erwartungen, Botschaften und Gefühle mitzuteilen, sondern setzen sie auch gezielt als Machtinstrument ein – in der Politik ebenso wie im Privaten. Kann Sprache überhaupt neutral sein? Wie verstärken wir die Wirkung unserer öffentlichen Rede? Und wie verändern die digitalen Medien schon heute die Möglichkeiten der Sprache und des Sprechens?

Die letzte Abteilung Sprachheimat(en). Zugehörigkeit und Selbstbestimmung thematisiert, wie der Einzelne bereits über den Spracherwerb in bestimmte Sprachgemeinschaften eingebunden wird, die ihn in sozialer, kultureller und womöglich auch politischer Weise prägen. So tiefgreifend solche Traditionen mit unserer individuellen und kollektiven Identität verwoben sein mögen, so selbstverständlich ist ihr Wandel. Denn die Dynamik von kulturellen Begegnungen, politischen Überzeugungen und technischen Neuerungen wirkt auf die Sprache ein und verändert sie. Jedes Sprachhandeln wird also eine Balance finden müssen zwischen Bewahrung und Innovation, zwischen Zugehörigkeit und Selbstbestimmung.

Neben wissenschaftshistorischen Exponaten und Medien präsentiert die Ausstellung auch kulturhistorisch wertvolle Dokumente u.a. von Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Niklaus Luhmann oder Herta Müller sowie zeitgenössische Kunstwerke von Richard Artschwager, Carlfriedrich Claus, Max Ernst, Slavs and Tartars, Nancy Spero oder Bill Viola. Außerdem sind in der Ausstellung zahlreiche interaktive Elemente zu entdecken, an denen man sich spielerisch mit sprachlichen Phänomenen auseinandersetzen kann. Eine Besonderheit besteht darin, dass die Exponate und Themengebiete nicht nur durch klassische Beschriftungen erläutert werden, sondern auch mittels Audio-Texten auf Deutsch und in Leichter Sprache sowie in Videos in Deutscher Gebärdensprache. Darüber hinaus sind ausgewählte Filme und Videos mit Untertiteln und Audio-Deskriptionen versehen. Zahlreiche Tastobjekte ermöglichen zudem einen sinnlichen Zugang zur Welt der Sprache. Diese inklusiven Angebote bieten interessante Perspektiven für alle Besuchergruppen und ermöglichen auch Menschen mit Seh- und Höreinschränkungen oder geistigen Behinderungen einen eigenständigen Besuch der Ausstellung.

SPRACHE. Welt der Worte, Zeichen, Gesten

Deutsches Hygiene-Museum, Dresden
Ausstellung, bis 20. August 2017
www.dhmd.de
Begleitbuch „Sprache. Ein Lesebuch von A bis Z"
Hrsg. v. Colleen M. Schmitz u. Judith Elisabeth Weiss für das Deutsche Hygiene-Museum und die Akademie für Sprache und Dichtung
Wallstein Verlag, Göttingen 2016, ca. 280 S., ca. 24,90 €
ISBN: 978-3-8353-1964-6

AsKI KULTUR lebendig 2/2016

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