Stiftung Buchkunst: Buch Gestalten. Made in China

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Jüngst wurde der erste Laptop mit Bambusgehäuse vorgestellt – die Computerwelt bedient sich taktiler Elemente als Verpackungshilfe, die bisher eher dem Buch zugeschrieben waren.

 

Feng Jicai:  Chinese New Year Picture Collections by Woodblock Printing: Yang Jia Bu  part. Zhonghua Book Company, Beijing 2005; Design: Jiang Yan, Beijing Zum Beispiel diesem: Halbierte, mattrot lackierte Bambusstäbchen bilden eine Buchdecke und zitieren mit zeitgenössischen Gestaltungsformen eine alte chinesische Buchform, bei der aus Bambushalmen gefertigte schmale, mit Schnüren verbundene Täfelchen als Schreibfläche dienten. Kulturhistorisch ist Bambus in China vor 3.500 Jahren der Vorläufer von Papier. Attraktiv für Auge und Hand, präsentiert sich das Buch als dreidimensionales Objekt, dessen Wirkung durch die Verbannung des Titels von den Buchdeckeln auf die drei rot gefärbten Buchkanten, die Schnitte, noch verstärkt wird. Markant und eigenwillig ausgestattet, dokumentiert dieses Buch die Arbeit der SGDA (Shenzhen Graphic Design Association) von 1995-20051. Das rote Objekt, gestaltet von Zhang Dali (Shenzhen), ist eines der Bücher einer umfangreichen Sonderausstellung, die die Stiftung Buchkunst im Frühjahr 2009 erstmalig in Europa zeigte.

 

China, Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, würde in Deutschland seine Literatur präsentieren – doch welche Vorstellung haben wir jenseits der literarischen Inhalte von der zeitgenössischen Buchgestaltung im Land der Mitte? Gibt es die chinesische Gestaltung? Wie unterscheidet sie sich angesichts der grundlegend anderen Tradition des Schreibens und Lesens, des Schriftsystems in annähernd quadratischen Bildzeichen, von der Buchgestaltung im Westen? Welche Einflüsse hinterlässt die Tradition des chinesischen Blockbuches in der Konzeption der Buchstruktur und der buchbinderischen Form heutzutage? Wie stark nähern sich die Buchgestaltung Asiens und des Westens durch internationalen Austausch an oder durch junge Designer/innen, die an westlichen Hochschulen studierten?

 

Gao  Chunming: Chinese Traditional Brocade and Embroidery Patterns. Guwuxuan  Publishing House, Shanghai 2005; Design: Yuan Yinchang, Shanghai

Für die Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main, mit der die Stiftung Buchkunst einen interkulturellen Akzent setzte, hatte Lü Jingren (Beijing) die inhaltliche Auswahl übernommen. Als renommierter Buchgestalter und Professor an der Akademie für Kunst und Design der Tsinghua Universität Beijing, u. a. 2002 unter die Top Ten der Excellent Designer of China gewählt, engagiert er sich für die Vermittlung buchgestalterischer Themen.

 

Vernetzt mit namhaften Gestaltern Ostasiens – sei es der südkoreanische Typograf Ahn Sang-so oder der bekannte Tokyoter Designer Sugiura Kohei, mit dem er in Kobe/Japan ein Zentrum für asiatische Buchgestaltung aufbaut – wählte Lü Jingren für die Ausstellung in Frankfurt am Main exemplarisch Bücher von vierzig herausragenden chinesischen Buchgestalterinnen und -gestaltern. Mit literarischen Büchern, mit Büchern zur traditionellen Kalligrafie oder zu aktuellem Design, mit Sachbüchern, zahlreichen Kunstkatalogen oder kleinauflagigen Künstlerbüchern zeigte die Ausstellung facettenreich die große Bandbreite sowohl unterschiedlicher Anforderungen an die Umsetzung von Inhalten als auch die große Vielfalt verschiedener gestalterischer Haltungen. Dabei spannte sich der Bogen von traditioneller Gestaltung im Sinne der großen chinesischen Buchkultur bis zu experimentellen, objektartigen Buchformen.

 

Gao Chunming: Chinese Traditional Brocade and   Embroidery Patterns. Guwuxuan Publishing House, Shanghai 2005; Design:   Yuan Yinchang, Shanghai Schwerpunkt der Ausstellung war die Darstellung der unterschiedlichen gestalterischen Handschriften der drei Designerinnen und siebenunddreißig Designer. Je nach Buchthema, Generation der Gestalter, aber auch ihrer Herkunft in China, spiegelt die Buchgestaltung, die hier an 160 zum Teil mehrbändigen Titeln zu sehen war, die spannende Vielfalt zwischen Tradition und Innovation.

 

Nach der Öffnung Chinas in den 1980er-Jahren entfaltete sich die chinesische Gestaltung experimentierfreudig und frisch und brachte nach dem langen Winter der chinesischen Kulturrevolution eine neue Blüte für das Design. Die Ausstellung zeigte ausschließlich Bücher der letzten zehn Jahre. Die Gestalter verwenden das Buch als Bühne. Das Buch als Spiel. Je stärker die Persönlichkeit, desto ausdrucksstärker die Buchgestaltung. Mit dieser Aussage Lü’s liest sich der Titel des Katalogs, der die Ausstellung begleitet, mit anderer Konnotation: A Play of Book – das Buch als Form des Ausdrucks und der Variation: 40 Designer/innen mit eigener Position. So lag es nahe, in der Ausstellung die verschiedenen Charaktere sichtbar zu machen. Und so waren die Bücher nicht nach Inhalten oder Genres geordnet, sondern nach gestalterischen Positionen. Selbstverständlich gibt der Inhalt – wie bei der Peking-Oper ein fest vorgeschriebener Text – auch bei der Buchgestaltung die Wahl der Mittel vor. Doch die typografische Realisierung, die Visualisierung, verantworten die Gestalter/innen mit ihrem Textverständnis, dem konzeptionellen Können, dem Gespür für Farben, Kombinationen, Proportionen und Haptik und stellen auf typografischer Ebene Bezüge zum Inhalt her.

In der Ausstellung begegneten sich exotische Fülle und gekonnte Reduktion – üppige Materialien standen im Kontrast zu einfacher, aber herausragender Gestaltung. Buchgestaltung ist Ausdruck der Gesellschaft. Östliche und westliche Gestaltung sind sich dabei längst begegnet.

 

Uta Schneider

 

AsKI-Newsletter KULTUR lebendig 2/2009

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