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„Spiel und spielerische Kreativität
hat den Menschen in seiner existenziellen Grundlage nicht unwesentlich
bestimmt: den Menschen allein als Individuum, aber auch den Menschen in
der Gruppe oder gar im Wettkampf. Der Mensch, ens sociale, zoon politikon,
spielend und spielerisch", so Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard,
Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, von
2001 bis 2002 amtierender Vorsitzender des AsKI e.V. und maßgeblicher
Verfechter dieses Themas als Basis für eine Gemeinschaftsausstellung des
AsKI, in seinem Geleitwort zum Ausstellungs-Katalog. Weiter heißt es: „Stets
war der Mensch neugierig und als Gemeinschaftswesen auf Vermittlung
angewiesen, auf Sprache und Verständigung, in der Vermittlung von
Zeichen, aber eben über und durch das Spiel. Dies gilt für die Ur- und
Frühgeschichte ebenso wie für die Antike, das Mittelalter, die Neuzeit -
bis in unser 21. Jahrhundert."
Nicht nur als handelndes Subjekt,
sondern als Objekt in der Betrachtung der Künste findet sich der
spielende Mensch wieder. Dies bildete eine wunderbare Basis für ein
gemeinschaftliches Projekt der in ihrer wissenschaftlichen Vielfalt im
AsKI-Verbund vereinten Institute. Zur Gemeinschaftsausstellung haben sich
dementsprechend unterschiedliche Institute mit den Forschungsbereichen
Literatur, klassische Antike, Bildende Kunst des 20. Jahrhunderts und
Kulturgeschichte zusammengefunden. Die von sechs AsKI-Mitgliedsinstituten
- Goethe-Museum Düsseldorf, Museum der Brotkultur Ulm,
Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Winckelmann-Museum Stendal, Novalis-Museum
Wiederstedt gemeinsam mit dem Museum für Sepulkralkultur Kassel -
erarbeiteten Beiträge liefern der Forschung neue Einsichten. So
facettenreich die Forschungsgebiete der teilnehmenden Institute sind mit
Goethe und Novalis, der klassischen Antike und Winckelmann bis zu
Skulpturen und Plastiken von Gerhard Marcks sowie zur Kulturgeschichte des
Brotes wie auch der des Todes, so vielfältig sind die Ergebnisse ihrer
Forschungen und deren visuelle Umsetzung.
Die reichhaltigen eigenen
Sammlungsbestände lieferten die unterschiedlichsten Artefacte zum Thema.
Diese Vielfalt kündigt sich jeweils in den Titeln der Katalogbeiträge
zum Katalog an: ,Goethe und das Spiel' von Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar
Hansen, ,Brot und Spiel` von Dr. Oliver Seifert, ,Tänzerinnen und Tänzer
im Werk von Gerhard Marcks' von Dr. Veronika Wiegartz, ,Von Troja nach Rom
oder Vom Spielen im Krieg und vom Krieg im Spiel' von Agnes Kunze M.A.,
,Das Experiment mit dem Zufall oder Vom „Spiel der intellectuellen
Kräfte"' von Dr. Gabriele Rommel und ,Game over - zum Kontext von
Spiel und Tod' von Ulrike Neurath-Sippel.
Allen Kabinettausstellungen und
Beiträgen gemeinsam ist die vorrangig historische Sicht auf das Thema,
gemäß dem gewählten Titel ,Homo ludens'. Homo ludens versteht sich als
ein Konstrukt, als eine kulturanthropologische Konzeption des 20.
Jahrhunderts, und ist beispielsweise keineswegs ein Begriff etwa aus der
Antike, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag.
Aufschlussreiche Einsichten dazu liefert der Beitrag „Homo ludens - Der
spielende Mensch - the playful (wo)man" von Prof. Dr. Rainer Buland,
Institut für Spielforschung und Spielpädagogik Mozarteum Salzburg.
Eine wichtige Quelle war allen Beteiligten die Publikation ,Homo ludens'
des niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga. So stellt denn
auch der 2. Teil des Ausstellungstitels - ,Der spielende Mensch' - keine
unmittelbare Übersetzung dar, sondern ist vielmehr eine erweiterte,
erklärende Hinführung des interessierten Kataloglesers und
Ausstellungsbesuchers in diese Gedankenwelt. Dabei
macht die sprachlich geprägte Struktur diese Gedankenwelt ,Homo ludens'
ganz wesentlich aus.
Ein besonderer Glücksfall ist es, dass das Museum für Sepulkralkultur in
Kassel seine Ausstellungserfahrungen zum Thema Spiel und Tod einbringt.
Teilaspekte davon werden vertieft mit der Ausstellung des Novalis-Museums
in Wiederstedt gemeinsam präsentiert. Immer wieder besteht in den
Ausstellungen auch die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und - zu
spielen.
Die Wege zum Thema führen Sie zu den AsKI-Instituten von Nord nach Süd:
von Bremen nach Ulm, und von West nach Ost: von Düsseldorf bis nach
Stendal und Wiederstedt bei Eisleben.
Diese Gemeinschaftsausstellung, die
zeitgleich am 1. Advent 2003 deutschlandweit an den fünf Instituts-Orten
begann, endet mit unterschiedlichen Terminen im Februar 2004.
In den Ausstellungen erwarten Sie:
Goethe und das Spiel
Goethes Umgang mit dem Spiel gliedert sich in die Bereiche
Kinderspiele, Volksleben, Geselligkeit und Kunst als geistigem Spiel
beherrschter Materialität. In der Goethezeit entwickelt sich der
Kindergarten ebenso wie entwicklungsgerechtes Spielzeug. Die anregende,
erprobende, entspannende, ablenkende oder sogar heilende Kraft des Spiels
wird in der Spannweite von historischem Spielzeug aus dem Goethehaushalt
vom Dichter selbst wie auch von seinem Enkel verdeutlicht durch
Kupferstiche, Gemälde und Almanache bis zu dichterischen Werken in
Handschrift, Erstdruck und Illustration; Weihnachten, Karneval und
Jahrmarkt liefern dabei lebendige Exponate.
Eine besondere Ebene finden wir in diesem Zusammenhang in den so genannten
Gewitterspielen.
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Zauberkasten mit Gegenständen aus
dem Besitz der Enkel Goethes
Goethe-Museum Düsseldorf
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Spiele ums Brot
zeigt mittels kulturhistorisch interessanter und auch ,leckerer'
Objekte verschiedene Aspekte und Gedankenebenen wie Brot und Spiele -
Weltspiele, Spiele rund ums Brot im Jahresreigen, Spiel-Zeug -
traditionsreiches Kinderspielzeug zum Thema Backen und Brot, wie auch
Ver-Spielte Welt - Image des Brotes. Dabei werden sowohl die
Erwachsenenwelten als auch die Kinderwelten exemplarisch vorgestellt. Rare
Objekte wie die Feldbäckerei, der Bäckerladen im Puppenstubenformat,
Windmühlen mit Spielwerk, aber auch Fremdartiges wie etwa die Kornmumie,
ein Tisch mit Speisen oder Bäckerei als Grabbeigaben aus chinesischen wie
ägyptischen Dynastien zeigen die Spannweite der Möglichkeiten, sich dem
Thema zu nähern. Der Tallsack aus dem Riesengebirge und viele in
Vergessenheit geratene Riten, Sitten und Gebräuche leben spielerisch
wieder auf.
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Mühlenmodell mit Spielwerk unbekannter Meister
um 1870 Holz, Silber, weitere Metalle
Sammlung Museum der Brotkultur
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Tänzerinnen und Tänzer im Werk von
Gerhard Marcks Figürliche Arbeiten und Graphiken verdeutlichen, wie
sehr das spielerische Element den Tanz prägt und ihn damit zu einem
wichtigen Gesichtspunkt des Homo ludens macht. Mit dem Tanz verbinden sich
feste Regeln, ausgedrückt mittels Bewegung, Gesten, Blicken und Gefühlen
eines musikalisch verbundenen Miteinander. Vom ursprünglich kultischen
Bereich ausgehend bis in den als ,erbaulich' charakterisierten
Lebensbereich erfasste er alle Gesellschaftsschichten vom Höfischen Tanz
über den Volks- und Gesellschaftstanz bis zum Theaterabend unserer Zeit.
Marcks experimentiert mit seinen Schuhplattlern, Almtänzern, spanischen
und griechischen Tänzerinnen und Tänzern mit dem Zusammenspiel von Natur
und Abstraktion, was wiederum einen künstlerischen Aspekt zum Homo ludens
liefert. Die Verbindung von Tanz und Spiel in seinem Oeuvre wurde
überdies damit erstmals in der Marcks-Forschung einer eingehenden
wissenschaftlichen Betrachtung unterzogen.
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Gerhard Marcks
Almtanz
1954, Bronze
Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
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Von Troja nach Rom oder Vom Spielen
im Krieg und vom Krieg im Spiel
Dies ist ein bereits bei Homer ablesbares Spannungsfeld: Spiel, Kampf,
Krieg und Macht. Der kulturgeschichtliche Faden reicht dabei von den
Leichenspielen über die Gladiatorenspiele, die Trojaspiele römischer
Zeit bis zu den Nachwirkungen im Mittelalter und in der Neuzeit. Viele
Spiele der Antike waren mit Sportarten verbunden. Manches davon ist noch
heute Grundlage von Spielen und Spielfiguren, seien es Brettspiele,
Steckenpferd-Reiter, Zinnsoldaten oder Marionetten. Einbezogen werden in
die Ausstellung auch Karikaturen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich
kritisch mit dem trojanischen Krieg auseinandersetzen.
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Weihrelief für einen Wagensieg
Marmor; gefunden 1835 bei der Skala Oropou
attisch, Anfang 4. Jh. v. Chr.
Antikensammlung der Staatlichen Museen
Preußischer Kulturbesitz
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Das Experiment mit dem Zufall
Hier wirken zwei AsKI-Institute auf drei Spielebenen des Hauses
zusammen, zum einen die Novalis-Gesellschaft und als Gast das Museum für
Sepulkralkultur, Kassel. Auf der 1. Spielebene empfängt den Besucher das
klassische (archaische) Labyrinth, das Spiel mit der Suche nach dem Weg,
dem Ausweg.
Auf der 2. Spielebene erwartet Sie das ,Schlemihl-Spiel' nach Adalbert von
Chamisso. Die wundersame Geschichte des Peter Schlemihl, der seinen
Schatten verkauft, ein Teufelspakt, der die Grundelemente jeder
spielerischen Situation liefert.
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Kleine Weltkugel mit Leporello „Erdenbewohner"
21 und 7 handkolorierte Lithographien, 18. Jh.
Sammlung Gudrun Scholtz-Knobloch
vormals Spielzeug- und Kinderwelt-Museum Steinhude
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Auf der 3. Spielebene macht ein
Spielteppich für Jung und Alt das Gut und Böse erlebbar. Die Hölle wird
,betretbar'. Gezeigt werden überdies des ,Teufels Gebetbuch' als
sinnbildliche Warnung vor dem sündhaften Spiel, die Verbindung von Tarot
und Tarock als Möglichkeit der Zukunftsdeutung sowie verschiedene
,Spiralspiele' und ,Himmel und Hölle' als Sinnbilder für Sterben, Tod
und Jenseits. Spiel und Spielzeug im Totenbrauchtum geben einen Eindruck
im Kontext von Spiel und Tod.
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Reise in die Ewigkeit Feld 47: Hölle (Detail)
O. & M. Hausser Ludwigsburg
Cartonage-Spielbrett um 1910
Museum für Sepulkralkultur, Kassel
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In den Kabinettausstellungen zeichnet
man überdies den Gedanken des Labyrinths nach, ein Thema, das schon für
sich allein einer eingehenden Betrachtung wert wäre. Die Idee des
Labyrinths, verbunden mit dem Motiv des menschlichen Fingerabdrucks, einem
Labyrinth nicht unähnlich, führt wieder zurück und zum Gedanken des
,Homo' ludens.
Der Udo van Meeteren Stiftung
Düsseldorf gilt unser besonderer Dank für die großzügige finanzielle
Unterstützung der Ausstellungspublikation. Das Netzwerk der Institute und
deren Engagement gerade für dieses Thema hat neben dem amtierenden
Vorstand unter Vorsitz von Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen ebenso
sein Vorgänger im Amt, Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, mit Vehemenz und
Ausdauer befördert. Dafür sei allen an dieser Stelle besonders gedankt. |