Vor 300 Jahren gründete der Theologe August Hermann Francke (1663-1727) vor den Toren Halles eine Armen- und Waisenanstalt, deren beeindruckendes Gebäudeensemble bis heute erhalten geblieben ist. Getragen von pietistischer Frömmigkeit setzte Francke mit seinen Stiftungen – die aus einem mehrgliedrigen Schulsystem, aus Wirtschaftsbetrieben, Gütern und wissenschaftlichen Instituten bestanden – den sozialen Problemen seiner Zeit ein Beispiel praktischer Nächstenliebe entgegen. Die pädagogischen Anstrengungen und die religiöse Erziehung begründeten den Ruf des halleschen Waisenhauses als „Neues Jerusalem“ in ganz Europa. Die erste protestantische Mission, die Diakonie, die Realschule in Deutschland, Millionen deutschsprachige Volksbibeln und eine Vielzahl der gängigen evangelischen Kirchenlieder haben ihren Ausgangspunkt in den Franckeschen Stiftungen. Im 19. Jahrhundert und über die Zeit des Nationalsozialismus bestanden die Stiftungen als christlich geprägte und humanistische Schulstadt fort. In der DDR verloren sie ihre Selbstständigkeit und verfielen baulich.
In die 1991 wieder gegründeten Franckeschen Stiftungen ist heute neues Leben eingezogen. Mit großzügiger Unterstützung von Bund, Land, Stadt sowie privaten Spendern werden die historischen Gebäude saniert. Über 4.000 Menschen lernen, arbeiten und leben heute wieder auf dem Gelände der historischen Schulstadt. Mit ihren eigenen musealen Schätzen sowie Bibliothek, Archiv und mehreren pädagogischen Einrichtungen, aber auch mit den über 25 Partnern auf dem Gelände bilden die Franckeschen Stiftungen heute ein einzigartiges Zentrum kultureller, pädagogischer, wissenschaftlicher, sozialer und christlicher Aktivitäten - ein lebendiger kultureller Bildungskosmos an historischer Stätte. Dies eröffnet einmalige Vernetzungschancen.
1995 konnte das Historische Waisenhaus als kulturelles Zentrum der Stiftungsarbeit eröffnet werden. Ausgehend von wichtigen Anlässen der Stiftungsgeschichte bildet jährlich ein bestimmtes Jahresthema den Grundgedanken eines kulturellen und wissenschaftlichen Programms, das aus Konferenzen, Vorträgen, Konzerten, Ausstellungen und museumspädagogischer Arbeit besteht. Dauer- und Wechselausstellungen geben im Historischen Waisenhaus Auskunft über die Geschichte der Stiftungen. Glanzlichter der historischen Sammlungen sind die Kunst- und Naturalienkammer aus dem 18. Jahrhundert - die letzte vollständig erhaltene frühmuseale Sammlung der Barockzeit - sowie die barocke Kulissenbibliothek.
Die Franckeschen Stiftungen zählen heute zu den kulturellen Leuchttürmen von nationaler Bedeutung und stehen auf der deutschen Vorschlagsliste für das UNESCO-Weltkulturerbe.


