Homo Ludens - Der spielende Mensch
Eine Gemeinschaftsausstellung des AsKI e.V. von sechs Museen zeitgleich an fünf Orten
Sabine Jung

© Foto: Franz Fechner, Bonn

„Spiel und spielerische Kreativität hat den Menschen in seiner existenziellen Grundlage nicht unwesentlich bestimmt: den Menschen allein als Individuum, aber auch den Menschen in der Gruppe oder gar im Wettkampf. Der Mensch, ens sociale, zoon politikon, spielend und spielerisch", so Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, von 2001 bis 2002 amtierender Vorsitzender des AsKI e.V. und maßgeblicher Verfechter dieses Themas als Basis für eine Gemeinschaftsausstellung des AsKI, in seinem Geleitwort zum Ausstellungs-Katalog. Weiter heißt es: „Stets war der Mensch neugierig und als Gemeinschaftswesen auf Vermittlung angewiesen, auf Sprache und Verständigung, in der Vermittlung von Zeichen, aber eben über und durch das Spiel. Dies gilt für die Ur- und Frühgeschichte ebenso wie für die Antike, das Mittelalter, die Neuzeit - bis in unser 21. Jahrhundert."

Nicht nur als handelndes Subjekt, sondern als Objekt in der Betrachtung der Künste findet sich der spielende Mensch wieder. Dies bildete eine wunderbare Basis für ein gemeinschaftliches Projekt der in ihrer wissenschaftlichen Vielfalt im AsKI-Verbund vereinten Institute. Zur Gemeinschaftsausstellung haben sich dementsprechend unterschiedliche Institute mit den Forschungsbereichen Literatur, klassische Antike, Bildende Kunst des 20. Jahrhunderts und Kulturgeschichte zusammengefunden. Die von sechs AsKI-Mitgliedsinstituten - Goethe-Museum Düsseldorf, Museum der Brotkultur Ulm, Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Winckelmann-Museum Stendal, Novalis-Museum Wiederstedt gemeinsam mit dem Museum für Sepulkralkultur Kassel - erarbeiteten Beiträge liefern der Forschung neue Einsichten. So facettenreich die Forschungsgebiete der teilnehmenden Institute sind mit Goethe und Novalis, der klassischen Antike und Winckelmann bis zu Skulpturen und Plastiken von Gerhard Marcks sowie zur Kulturgeschichte des Brotes wie auch der des Todes, so vielfältig sind die Ergebnisse ihrer Forschungen und deren visuelle Umsetzung. 

Die reichhaltigen eigenen Sammlungsbestände lieferten die unterschiedlichsten Artefacte zum Thema. Diese Vielfalt kündigt sich jeweils in den Titeln der Katalogbeiträge zum Katalog an: ,Goethe und das Spiel' von Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen, ,Brot und Spiel` von Dr. Oliver Seifert, ,Tänzerinnen und Tänzer im Werk von Gerhard Marcks' von Dr. Veronika Wiegartz, ,Von Troja nach Rom oder Vom Spielen im Krieg und vom Krieg im Spiel' von Agnes Kunze M.A., ,Das Experiment mit dem Zufall oder Vom „Spiel der intellectuellen Kräfte"' von Dr. Gabriele Rommel und ,Game over - zum Kontext von Spiel und Tod' von Ulrike Neurath-Sippel. 

Allen Kabinettausstellungen und Beiträgen gemeinsam ist die vorrangig historische Sicht auf das Thema, gemäß dem gewählten Titel ,Homo ludens'. Homo ludens versteht sich als ein Konstrukt, als eine kulturanthropologische Konzeption des 20. Jahrhunderts, und ist beispielsweise keineswegs ein Begriff etwa aus der Antike, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Aufschlussreiche Einsichten dazu liefert der Beitrag „Homo ludens - Der spielende Mensch - the playful (wo)man" von Prof. Dr. Rainer Buland, Institut für Spielforschung und Spielpädagogik Mozarteum Salzburg.
Eine wichtige Quelle war allen Beteiligten die Publikation ,Homo ludens' des niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga. So stellt denn auch der 2. Teil des Ausstellungstitels - ,Der spielende Mensch' - keine unmittelbare Übersetzung dar, sondern ist vielmehr eine erweiterte, erklärende Hinführung des interessierten Kataloglesers und Ausstellungsbesuchers in diese Gedankenwelt. Dabei macht die sprachlich geprägte Struktur diese Gedankenwelt ,Homo ludens' ganz wesentlich aus. 
Ein besonderer Glücksfall ist es, dass das Museum für Sepulkralkultur in Kassel seine Ausstellungserfahrungen zum Thema Spiel und Tod einbringt. Teilaspekte davon werden vertieft mit der Ausstellung des Novalis-Museums in Wiederstedt gemeinsam präsentiert. Immer wieder besteht in den Ausstellungen auch die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und - zu spielen. 
Die Wege zum Thema führen Sie zu den AsKI-Instituten von Nord nach Süd: von Bremen nach Ulm, und von West nach Ost: von Düsseldorf bis nach Stendal und Wiederstedt bei Eisleben.

Diese Gemeinschaftsausstellung, die zeitgleich am 1. Advent 2003 deutschlandweit an den fünf Instituts-Orten begann, endet mit unterschiedlichen Terminen im Februar 2004.

In den Ausstellungen erwarten Sie:

Goethe und das Spiel
Goethes Umgang mit dem Spiel gliedert sich in die Bereiche Kinderspiele, Volksleben, Geselligkeit und Kunst als geistigem Spiel beherrschter Materialität. In der Goethezeit entwickelt sich der Kindergarten ebenso wie entwicklungsgerechtes Spielzeug. Die anregende, erprobende, entspannende, ablenkende oder sogar heilende Kraft des Spiels wird in der Spannweite von historischem Spielzeug aus dem Goethehaushalt vom Dichter selbst wie auch von seinem Enkel verdeutlicht durch Kupferstiche, Gemälde und Almanache bis zu dichterischen Werken in Handschrift, Erstdruck und Illustration; Weihnachten, Karneval und Jahrmarkt liefern dabei lebendige Exponate.
Eine besondere Ebene finden wir in diesem Zusammenhang in den so genannten Gewitterspielen.

© Foto: Walter Klein, Düsseldorf
Zauberkasten mit Gegenständen aus
 dem Besitz der Enkel Goethes
Goethe-Museum Düsseldorf

Spiele ums Brot
zeigt mittels kulturhistorisch interessanter und auch ,leckerer' Objekte verschiedene Aspekte und Gedankenebenen wie Brot und Spiele - Weltspiele, Spiele rund ums Brot im Jahresreigen, Spiel-Zeug - traditionsreiches Kinderspielzeug zum Thema Backen und Brot, wie auch Ver-Spielte Welt - Image des Brotes. Dabei werden sowohl die Erwachsenenwelten als auch die Kinderwelten exemplarisch vorgestellt. Rare Objekte wie die Feldbäckerei, der Bäckerladen im Puppenstubenformat, Windmühlen mit Spielwerk, aber auch Fremdartiges wie etwa die Kornmumie, ein Tisch mit Speisen oder Bäckerei als Grabbeigaben aus chinesischen wie ägyptischen Dynastien zeigen die Spannweite der Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern. Der Tallsack aus dem Riesengebirge und viele in Vergessenheit geratene Riten, Sitten und Gebräuche leben spielerisch wieder auf.

© Museum der Brotkultur Ulm
Mühlenmodell mit Spielwerk unbekannter Meister
 um 1870 Holz, Silber, weitere Metalle
 Sammlung Museum der Brotkultur

Tänzerinnen und Tänzer im Werk von Gerhard Marcks Figürliche Arbeiten und Graphiken verdeutlichen, wie sehr das spielerische Element den Tanz prägt und ihn damit zu einem wichtigen Gesichtspunkt des Homo ludens macht. Mit dem Tanz verbinden sich feste Regeln, ausgedrückt mittels Bewegung, Gesten, Blicken und Gefühlen eines musikalisch verbundenen Miteinander. Vom ursprünglich kultischen Bereich ausgehend bis in den als ,erbaulich' charakterisierten Lebensbereich erfasste er alle Gesellschaftsschichten vom Höfischen Tanz über den Volks- und Gesellschaftstanz bis zum Theaterabend unserer Zeit. Marcks experimentiert mit seinen Schuhplattlern, Almtänzern, spanischen und griechischen Tänzerinnen und Tänzern mit dem Zusammenspiel von Natur und Abstraktion, was wiederum einen künstlerischen Aspekt zum Homo ludens liefert. Die Verbindung von Tanz und Spiel in seinem Oeuvre wurde überdies damit erstmals in der Marcks-Forschung einer eingehenden wissenschaftlichen Betrachtung unterzogen.

© Gerhard-Marcks-Stiftung Bremen
Gerhard Marcks
Almtanz
1954, Bronze
Gerhard-Marcks-Haus, Bremen 

Von Troja nach Rom oder Vom Spielen im Krieg und vom Krieg im Spiel
Dies ist ein bereits bei Homer ablesbares Spannungsfeld: Spiel, Kampf, Krieg und Macht. Der kulturgeschichtliche Faden reicht dabei von den Leichenspielen über die Gladiatorenspiele, die Trojaspiele römischer Zeit bis zu den Nachwirkungen im Mittelalter und in der Neuzeit. Viele Spiele der Antike waren mit Sportarten verbunden. Manches davon ist noch heute Grundlage von Spielen und Spielfiguren, seien es Brettspiele, Steckenpferd-Reiter, Zinnsoldaten oder Marionetten. Einbezogen werden in die Ausstellung auch Karikaturen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich kritisch mit dem trojanischen Krieg auseinandersetzen.

© Antikensammlung der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Weihrelief für einen Wagensieg
Marmor; gefunden 1835 bei der Skala Oropou
 attisch, Anfang 4. Jh. v. Chr.
Antikensammlung der Staatlichen Museen
 Preußischer Kulturbesitz 

Das Experiment mit dem Zufall
Hier wirken zwei AsKI-Institute auf drei Spielebenen des Hauses zusammen, zum einen die Novalis-Gesellschaft und als Gast das Museum für Sepulkralkultur, Kassel. Auf der 1. Spielebene empfängt den Besucher das klassische (archaische) Labyrinth, das Spiel mit der Suche nach dem Weg, dem Ausweg.
Auf der 2. Spielebene erwartet Sie das ,Schlemihl-Spiel' nach Adalbert von Chamisso. Die wundersame Geschichte des Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkauft, ein Teufelspakt, der die Grundelemente jeder spielerischen Situation liefert.

© Foto: Christoph Sandig, Leipzig © Forschungsstätte für Frühromantik und Novalis-Museum Schloß Oberwiederstedt
Kleine Weltkugel mit Leporello „Erdenbewohner"
21 und 7 handkolorierte Lithographien, 18. Jh.
Sammlung Gudrun Scholtz-Knobloch
vormals Spielzeug- und Kinderwelt-Museum Steinhude 

Auf der 3. Spielebene macht ein Spielteppich für Jung und Alt das Gut und Böse erlebbar. Die Hölle wird ,betretbar'. Gezeigt werden überdies des ,Teufels Gebetbuch' als sinnbildliche Warnung vor dem sündhaften Spiel, die Verbindung von Tarot und Tarock als Möglichkeit der Zukunftsdeutung sowie verschiedene ,Spiralspiele' und ,Himmel und Hölle' als Sinnbilder für Sterben, Tod und Jenseits. Spiel und Spielzeug im Totenbrauchtum geben einen Eindruck im Kontext von Spiel und Tod.

© Museum für Sepulkralkultur, Kassel
Reise in die Ewigkeit Feld 47: Hölle (Detail)
 O. & M. Hausser Ludwigsburg
Cartonage-Spielbrett um 1910
 Museum für Sepulkralkultur, Kassel 

In den Kabinettausstellungen zeichnet man überdies den Gedanken des Labyrinths nach, ein Thema, das schon für sich allein einer eingehenden Betrachtung wert wäre. Die Idee des Labyrinths, verbunden mit dem Motiv des menschlichen Fingerabdrucks, einem Labyrinth nicht unähnlich, führt wieder zurück und zum Gedanken des ,Homo' ludens.

Der Udo van Meeteren Stiftung Düsseldorf gilt unser besonderer Dank für die großzügige finanzielle Unterstützung der Ausstellungspublikation. Das Netzwerk der Institute und deren Engagement gerade für dieses Thema hat neben dem amtierenden Vorstand unter Vorsitz von Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Volkmar Hansen ebenso sein Vorgänger im Amt, Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, mit Vehemenz und Ausdauer befördert. Dafür sei allen an dieser Stelle besonders gedankt.

Ausstellungsorte:

  • Goethe-Museum Düsseldorf 
    Goethe und das Spiel
    30.11.03 - 25.01.2004

  • Museum der Brotkultur, Ulm
    Spiele ums Brot
    30.11.03 - 01.02.2004

  • Gerhard-Marcks-Haus, Bremen
    Tänzerinnen und Tänzer im Werk von Gerhard Marcks
    30.11.03 - 08.02.2004

  • Winckelmann-Museum, Stendal
    Von Troja nach Rom oder Vom Spielen im Krieg und vom Krieg im Spiel
    30.11.03 - 15.02.2004

  • Novalis-Museum, Wiederstedt
    Das Experiment mit dem Zufall
    30.11.03 - 29.02.2004
    Zu Gast im Novalis-Museum:
    Museum für Sepulkralkultur, Kassel
    Game over - zum Kontext von Spiel und Tod

Informationen über die Ausstellung, die Institute, die Anreisewege sowie eine Übersicht über Rahmenprogramm und vieles mehr finden Sie im Internet unter www.homoludens.info


Zur Gemeinschaftsausstellung ist der Katalog 
Homo ludens - Der spielende Mensch erschienen.
Hrsg. v. Volkmar Hansen u. Sabine Jung
128 Seiten mit zahlreichen farbigen und s/w Abbildungen
ISBN 3-930370-07-7
Für EUR 16,50 über den AsKI-Onlineshop zu beziehen.


Revision: 17/10/2006 - 11:31 - © AsKI e.V.