Nach vielen Anläufen Einzug am Pariser Platz - Die Akademie der Künste in Günter Behnischs Neubau

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Inzwischen war es für Journalisten zum running gag geworden, wenn sie halbjährlich konstatieren konnten, dass aus dem angekündigten Einzug der Akademie in den Neubau wieder einmal nichts wurde.


Debatten um die Glasfassade, Schwierigkeiten mit dem Baugrund, den Bau verzögernde Zahlungsforderungen, Kündigung und Insolvenz der Baufirma – die Liste der Gründe für die vielen Aufenthalte bis zur Fertigstellung des Hauses ist lang. Doch jetzt wurde endgültig ein Schlusspunkt gesetzt. Am 21. Mai 2005 konnte das Haus feierlich eröffnet werden.


Akademie der Künste am Pariser Platz, © Foto: Mayer.adk Der Neubau sei „eine Sensation, nicht mehr und nicht weniger, schrieb Heinrich Wefing in der FAZ, „ein befreiender und beglückender Ort, ein Haus, durch das zu schlendern, treppauf, treppab, von Brücke zu Balkon zu Empore, eine wahre Lust ist. Günter Behnisch und Werner Durth, die beiden Architekten, haben eine rechte Leistungsschau ihrer Kunst inszeniert, ein Feuerwerk von Einfällen, ein schillerndes, heiteres, vielfach ironisch gebrochenes Exempel, was Architektur alles kann, selbst auf einem derart beengten, schwierigen Grundstück wie dem der Akademie am Pariser Platz.“ Das neue Haus sei „Segen und prekärer Ansporn“ für die Akademie. „Sie müsste jetzt, wollte sie ihrer Behausung gerecht werden, mindestens so ideenreich, so überraschend, so ruppig und anregend werden wie die Architektur, die sie umhüllt.“ Adolf Muschg, der Akademiepräsident, hat diese Herausforderung angenommen, freudig und nachdenklich zugleich: „Wir überschreiten eine Schwelle, das ist im Leben einer Institution ein nicht weniger einschneidendes Ereignis als im Leben des Individuums. Es ist ein Schritt ins Offene, aber auch ins Ungewisse; dafür braucht man ein gutes Standbein und ein bewegliches Spielbein; einen tragfähigen Ausgangspunkt und den Mut zur Freiheit.“

In seiner Eröffnungsrede dankte er den Amtsvorgängern Walter Jens und György Konrád. Jens, der zusammen mit Heiner Müller die West mit der Ost-Akademie mit politischem Mut und menschlichem Takt wieder zusammengeführt und darauf bestanden habe, an den Ort zurückzukommen, an dem im Jahr 1933 Mitglieder als Juden, Linke, Unbeugsame verstoßen worden waren. Konrád, dem ungarisch-jüdische Schriftsteller, der an diesem Ort im Mai 2000 den Grundstein gelegt habe, wo Hitler und Gehilfen wie Albert Speer in der Generalbauinspektion die „Entjudung Berlins“ geplant hatten.

Zur Eröffnung des Neubaus sprachen Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die Bürgermeisterin von Berlin, Karin Schubert (in Vertretung für den wegen eines Fußballspiels verhinderten Regierenden Bürgermeister), der Schatzmeister der Gesellschaft der Freunde der Akademie, Rolf E. Breuer, Walter Jens und György Konrád, sowie der Architekt Günter Behnisch. Zu den etwa 700 Gästen zählten neben mehr als 120 Akademiemitgliedern auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Innenminister Otto Schily, mehrere Botschafter, darunter der Vertreter Israels, Shimon Stein, sowie eine große Zahl von Journalisten.

Es war für die Akademie nach dem Festakt zu ihrer 300-Jahr-Feier 1996 das bedeutendste politische Ereignis seit der Vereinigung. Besonderes Gewicht erhielt in diesem Zusammenhang die Übernahme der Institution durch den Bund, die am 1. Mai durch die Unterschrift des Bundespräsidenten Gesetzeskraft erlangte. Die Auflösung der Staatsverträge zwischen den bisherigen Trägerländern Berlin und Brandenburg steht im Herbst bevor.

Die Akademie hat sich nie als regionale, „berlin-brandenburgische“ Institution verstanden. Ein Drittel ihrer 370 Mitglieder hat seinen Wohnsitz im Ausland, nur ein Drittel lebt in Berlin und Brandenburg. Dennoch ist Berlin mehr als ein bloßer „Standort“ – mit ihrem Neubau wurde sie ein Teil der stürmischen Hauptstadtentwicklung.

Was wird von der Akademie der Künste an diesem Ort erwartet? Kulturstaatsministerin Weiss hat es 2003 bei ihrer ersten Rede vor den Akademiemitgliedern so formuliert: „Hier wird kein neuer deutscher Kulturimperialismus ausgeheckt, von hier aus werden keine Missionen in die Welt geschickt, sondern im Gegenteil: hier öffnen sich die Türen. An diesem Ort können wir uns der gemeinsamen europäischen Wurzeln versichern, indem wir sie frei von politischer wie kultureller Bevormundung betrachten: auch indem wir uns mit Künstlerinnen und Künstlern der Vergangenheit auseinandersetzen, deren Beitrag zu den Kapiteln eines gemeinsamen kulturellen Selbstverständnisses noch nicht geschrieben ist. Von hier, von diesem Ort können und müssen künftig Impulse und Debatten ausgehen, die unser Land verändern. Es sollte ‚ein Ort der permanenten Unruhe und des stets neuen, unbefriedigten Fragens’ sein, wie Hans Mayer ihn einst forderte.“ Welche Leistung wird also künftig von dieser Akademie erwartet, die sich nicht mehr in einer „splendid isolation“ sondern auf dem Präsentierteller befindet, woraus ein kaum zu leugnender Erfolgsdruck entsteht. Wie kann sie sich abheben vom vielfältigen Kulturangebot zwischen Lesungen in Literaturhäusern und Debatten in Szeneclubs? „Jetzt muss die Akademie den Zentralismus wollen“, schreibt Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung mit Blick auf die vollzogene Bundesübernahme und die föderalistisch begründeten Widerstände im Bundesrat. „Der verfassungsrechtliche und politische Streit zwischen Bund und Ländern mag ausgehen wie er will: Die Akademie ist durch den Ort, an dem sie nun residiert, wie durch das Gesetz, dem sie ihr rechtliches und finanzielles Fundament verdankt, herausgefordert, sich zu dem ‚anti-föderalen’ Element zu bekennen, das jeder Akademie innewohnt, die diesen Namen ernsthaft für sich reklamiert.“ …

Vom Ensemble der Künste ist das reiche Archiv der Berliner Akademie geprägt. Aber weder ihre Archivschätze noch ihr Standort noch das Bundesgesetz werden sie zur national bedeutsamen Institution machen. Noch die retrospektive Identifikation mit den Ausgeschlossenen von einst. Und auch nicht die ‚Interventionspflicht in öffentlichen Angelegenheiten’ (…). Eine Akademie der Künste kann Akademie nur sein, wenn sie wie Max Liebermann mit Ludwig Justi, dem Direktor der Nationalgalerie, um ästhetische Normen streitet, statt nur kommentierend zu begleiten, was ohnehin geschieht, wenn sie repräsentativ ist, ohne autoritär zu sein. Sie kann eine nationale Institution nur sein, wenn sie etwas will, das national von Belang ist.“

Auf diese lauter werdenden Anforderungen seit Bundesübernahme und Einzug am Pariser Platz muss die Akademie eine Antwort finden. Adolf Muschg beschreibt diese Aufgabe so: „In der Zusammenfassung aller sechs Künste, die sie vereinigt, hat eine Akademie die Kunst, als symbolische Handlung, als gesteigerte Möglichkeit des Menschen, bei der Gesellschaft nicht nur zu „vertreten“ – in der Repräsentation von Kunst lauern Anmaßung und Missverständnis –, sondern sie kann zeigen, gewissermaßen am lebenden Subjekt vorführen, was Kunst, und sie allein, vermag, auch wenn und weil nichts an ihr kalkulierbar ist. Sie ist und bleibt unter allen sich wandelnden Bedingungen der Zivilisation eine Praxis der Freiheit, in deren Kern alle andern Freiheiten des Menschen eingeschlossen sind. Darum ist die Kunst nicht Luxus, sondern Lebensmittel. Sie erinnert leibhaft und sinnlich an die Zweck-Freiheit des rechten Lebens; sie provoziert das Individuum zur Wahrnehmung seiner Autonomie: allen Gewalten, die sie zum Spott machen wollen, allen Sachzwängen, die sie einschränken, zum Trotz. Nur auf diesem Hintergrund darf sie Freiheit und Autonomie auch für sich selbst in Anspruch nehmen.


Manfred Mayer

 

AsKI-Newsletter KULTUR lebendig 2/2005

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