Kulturstiftung Hansestadt Lübeck – Buddenbrookhaus: präsentiert erste Projektergebnisse

Als Co-Kuratorinnen und -Kuratoren waren die Jugendlichen einerseits aufgefordert, ihre Ansprüche an eine Ausstellung zu formulieren und Feedback zu Konzept und Gestaltungsentwurf zu geben, andererseits konzipierten und gestalteten sie auch selbst Ausstellungsmodule für die Sonderausstellung. Diese gehört zu einer Reihe von sogenannten Laborausstellungen, die Themen und Gestaltungselemente für die neue Dauerausstellung des Buddenbrookhauses erproben. Durch das Projekt „Literatur als Ereignis" sind so von Anfang an auch Jugendliche an der Neukonzeption des Hauses beteiligt, denn die entwickelten Module werden später in die neue Dauerausstellung übernommen.

Im ersten Projektjahr setzten sich die Jugendlichen zunächst mit der Familie Mann und dem Roman „Buddenbrooks", später verstärkt mit den Themen der aktuellen Laborausstellung „Heimat, Flucht und Exil" auseinander; sie entwickelten eigene Ideen für die Ausstellung und nahmen an einem Workshop für Ausstellungsgestaltung teil. Es wurden dabei vier Module entwickelt und umgesetzt: Eine Gruppe gestaltete eine Klangcollage für den Eingangsbereich, die zweite entwickelte ein interaktives Spiel, in dem die Besucherinnen und Besucher Gegenstände auswählen und in einen Koffer packen können, die sie selbst ins Exil mitnehmen würden. Eine weitere Gruppe verfasste einen alternativen Einbürgerungstest, in dem sie Wissen abfragt, das sie persönlich für relevant hält. Die vierte Gruppe führte Interviews mit einem jugendlichen Geflüchteten. Dafür wurden Kooperationen mit dem freien Radio „Offener Kanal Lübeck" sowie Chaotikum e.V., einem Verein für Informationsfreiheit und Internetsicherheit, eingegangen, in deren Räumen die Jugendlichen Ton- und Videoaufnahmen schnitten und das Spiel wie auch den Einbürgerungstest programmierten.

Die Arbeit an den eigenen Ausstellungsmodulen baute auf der Expertise der Jugendlichen auf. Sie waren angehalten, die historischen Sachverhalte in Bezug zu ihrer eigenen Gegenwart und Lebenswelt zu setzen und genau diesen persönlichen Blick in die Ausstellung einzubringen. Die Beiträge der Jugendlichen wurden vom kuratorischen Team als gleichberechtigt in die Ausstellung eingebunden, wobei Anpassungen gemeinsam ausgehandelt wurden. Die so entstandenen Module bilden die Stärken sowie das ganz spezifisches Wissen der Jugendlichen ab und ergänzen auf diese Weise die kuratorische Arbeit um eine zeitgenössische Interpretation.

Yahlina Flüh, Gesa Mainhardt und Marten Krienke (v.l.n.r.) vor ihrer Installation <Koffer packen> im Buddenbrookhaus in Lübeck am 10.06.2016, © Foto: Olaf Malzahn / Buddenbrookhaus

Erfahrungen des ersten Projektjahres

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlangte das Projekt großes Durchhaltevermögen und ein hohes Maß an Selbstorganisation ab. Das selbstbestimmte und freie Arbeiten an eigenen Projekten war zwar ein Anreiz, doch taten sich viele zu Beginn schwer damit, ergebnisoffen und eigenverantwortlich zu arbeiten. Das „individuelle Arbeiten" wurde teilweise aber auch positiv aufgenommen. Sehr geschätzt wurde die Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern, wodurch vielfältige Einblicke in unterschiedliche Bereiche und Methoden möglich waren. Vor allem aber wurden die Jugendlichen in ihrer Selbstwirksamkeit bestärkt: Dass ihre Projekte Teil einer Ausstellung werden und nicht in der Schublade verschwinden, dass sie mit ihren Vorstellungen ernst genommen werden und dass sie den Entstehungsprozess einer Ausstellung „aus dem Nichts" begleiten, war für sie der größte Gewinn. Das Buddenbrookhaus wiederum profitiert von den Ideen der Jugendlichen und deren Engagement. Ihnen sind die gegenwartsbezogenen und handlungsorientierten Elemente der Ausstellung „Fremde Heimat" zu verdanken, die von den Besucherinnen und Besuchern besonders gut angenommen werden.

Ausblick

Im nächsten Projektjahr soll die Frequenz der Treffen in der Projektphase höher sein, damit ein festerer Rahmen für die Projektarbeit gegeben ist. Damit soll auch dem Problem, dass der Arbeitsaufwand zwischen den Projektgruppen und innerhalb dieser ungleich verteilt war, etwas entgegengewirkt werden.

Das Arbeiten mit ‚Laien' ist für das kuratorische Team ungewohnt und erfordert eine große Offenheit und Dialog- bzw. Kompromissbereitschaft. Doch nur, wenn sich das Museum auf diesen Austausch einlässt, kann es sich als gesellschaftlich relevanter Ort behaupten. Für die Jugendlichen wiederum steht am Ende eines erfolgreichen Projektes die Erfahrung, mit den persönlichen Ansprüchen und Bedürfnissen ernst genommen worden zu sein. Sie lernen, sich als Subjekte zu begreifen – auch jenseits des Museums. Kommen die (bildungs-)bürgerlich geprägte Institution Museum und ihre bisher unterrepräsentierten Besuchergruppen in einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt zusammen, verhandeln sie Deutungskompetenzen neu und lösen damit den Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe ein. Das zweite Projektjahr hat nun begonnen, so dass Jugendliche die Umgestaltung des Buddenbrookhauses bis zur Neueröffnung begleiten und mitgestalten.

Ann Luise Kynast

Projektkoordination "Literatur als Ereignis"


AsKI KULTUR lebendig 2/2016

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