Museen sind Orte, in der wir der Geschichte begegnen.
Das ist auch die Erwartung, wenn Besucher und Besucherinnen das
geschichtsträchtige Gebäude des 1898 eröffneten,
ältesten Postmuseums der Welt betreten. Doch
welche Überraschung: Drei Roboter bewegen sich
durch den prächtigen Lichthof, erzählen die
Geschichte des Hauses, fordern auf zum Spiel und
begrüßen Sie: "Schön, dass Sie gekommen sind!"
"Komm-rein", "Mach-mit" und
"Also-gut"
sind drei kommunikative Typen, die dem Publikum sofort klarmachen: Hier wird die Geschichte
umgedreht. Hier geht es um Gegenwart und Zukunft und nicht nur um Vergangenheit. Hier geht es
um moderne Kommunikationsgeschichte und nicht nur um traditionelle Postgeschichte.
Mit neuem Namen und neuem Programm wurde das Museum für Kommunikation Berlin
am 17. März 2000 wieder eröffnet. In der
Auseinandersetzung mit einem wilhelminischen
Prachtbau, einer 130-jährigen
Sammlungsgeschichte, einem technisch und nostalgisch
orientierten Selbstverständnis entstand mit dem
Anspruch einer zeitgemäßen, modernen Gestaltung
und der Erwartung, neue Besucherkreise zu erschließen, eine völlig neue Konzeption.
Ausgangspunkt der konzeptionellen Überlegungen war, dass Kommunikation ein
Schlüsselbegriff der Gegenwart und Zukunft ist. Der
Einsatz elektronischer Kommunikationsmittel hat
alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert - und
mit diesem Wandel auch die Kommunikationskultur.
Der postgeschichtliche Kanon musste erweitert, neue Themen erarbeitet werden: nicht
mehr das Schreibgerät, sondern das Schreiben
von Briefen, nicht mehr das Telefon, sondern das
Telefonieren, nicht die neuen Medien, sondern die veränderten Lebens-, Arbeits- und
Kommunikationsbedingungen durch die neuen Medien waren zu thematisieren.
Eine weitere Überlegung war, dass ein Museum für Kommunikation auch ein Museum
der Kommunikation sein musste, d. h. ein Forum
für die Geschichte und Zukunft der
Kommunikation und ein Ort, der Kommunikation stiftet, ein
Ort, an dem man sich begegnet, austauscht und vergnügt.
Der zentrale Lichthof ist architektonischer und inhaltlicher Schlüsselraum. Von hier
erschließt sich das ganze Haus über die Galerien - und
von den Galerien aus ist er Orientierungsraum, in
dem man sich immer wieder verortet. In ihn treten Besucher und Besucherinnen wie in einen dreidimensionalen Bildschirm: Blaue Neonschriften,
die schon außen über dem Portal die
Aufmerksamkeit erwecken, heben sich - gesetzten
Links gleich - deutlich als moderne Botschaft vom historischen Bau ab. Es sind assoziative
Begriffe, die als ein nicht chronologisch geordnetes
Leitsystem auf die dahinterliegenden Ausstellungsbereiche verweisen und vermitteln, dass
Kommunikation zuallererst Sprache ist, die sich gerade durch die neuen Medien ständig verändert.
Verändert hat sich auch der Umgang mit
Raum und Zeit und damit der Blick auf die
Geschichte: Die Chronologie traditioneller Geschichtsdarstellung wurde deshalb aufgegeben; nicht
eine lineare Darstellung von der Vergangenheit in
die Gegenwart bis zur Zukunft, sondern das Spannungsverhältnis von Gegenwartsthemen zu
Vergangenheit und Zukunft macht den konzeptionellen Neuansatz aus.
Dementsprechend befinden sich in den Galerien des 1. und 2. Obergeschosses
thematisch orientierte Ausstellungseinheiten, die die
Veränderungen des gesamten Lebens durch die
Medien reflektieren.
Sie gehen aus von sechs zentralen Fragestellungen:
Den Galerien vorgelagert sind Räume, die
die 130-jährige Sammlungsgeschichte in
einzelnen Exponatgruppen dokumentieren. Das breite
Angebot von Exponaten knüpft an die auf den
Galerien angespielten Fragen und Themen an und hat die technische Entwicklung der Medien
zum Schwerpunkt. Auf diese Weise ergänzen
sich Galerien und Sammlungssäle: hier aktuell,
kulturgeschichtlich und interaktiv, dort
traditionell, technikgeschichtlich und kontemplativ.
Im Zwischen-Raum von Galerien und Sammlungssälen - im Festsaal mit seiner Öffnung
zum Lichthof - nimmt eine Postkutsche den Dialog
der Räume auf. Von Stefan Sous in Form einer Explosionszeichnung aufgehängt, ist sie Symbol
für den Prozess der Beschleunigung des
Verkehrs. Auf diese Weise wird die Erfahrung von
Geschwindigkeit als künstlerischer Reflexion
der Auflösung des Gegenstandes in der
Moderne, aber auch das Verfahren der Rekonstruktion
von Geschichte als Puzzle von Fragmenten
sinnfällig. Als zerlegtes Ganzes zeigt sie, wie die
Einzelteile miteinander kommunizieren - der
alltäglichen Funktion enthoben, wird sie zum
Objekt der Anschauung und Reflexion.
Die Schatzkammer im Untergeschoss zeigt einzelne Raritäten: die älteste Postkarte der
Welt, den ersten Telefonapparat von Reis, die
Blaue Mauritius, aber auch ein Fadentelefon von
Josef Beuys. Hier geht es aber nur vordergründig um
Wertvolles im Sinne von kostbar, berühmt oder
einmalig. Vielmehr soll deutlich werden, durch welche Besetzungen und Zuschreibungen
Dinge wertvoll geworden sind. Sie sind Symbole des technischen Fortschritts, Dokumente
biografischer Selbstvergewisserung und
Sammelleidenschaft, Zeugnisse der Kunst- und
Design-Geschichte - und eben auch der Postgeschichte.
Im Gegensatz zur Ausstellung in den Sammlungssälen, in denen das massenhaft
hergestellte technische Kulturgut auch immer in
Exponatgruppen präsentiert wird, sind die Objekte in
der Schatzkammer als Einzelobjekte in wertvoller
und kostbarer Ausstattung ausgestellt. Beim Herantreten leuchtet das Objekt auf, und es wird
eine Geschichte erzählt - ein theatralischer Akt
des Erschließens des Wert- und Geheimnisvollen.
"Wunderbare Werbewelten", "Ein offenes
Geheimnis. Post- und Telefonkontrolle in der
DDR" (bis 19. Januar 2003 auch im Museum für
Kommunikation Frankfurt am Main, danach von
März bis Juli 2003 im Museum für
Kommunikation Hamburg), "Botschaft der Dinge", "Biokommunikation" - dies alles sind Themen von
gezeigten und geplanten Wechselausstellungen, die
das breite Spektrum visueller, politischer,
sozialer, interkultureller oder auch ,tierischer'
Kommunikation spiegeln und zur Diskussion stellen.
Aber auch die Computer- und Kommunikationsgalerie mit ihren museumspädagogischen
Angeboten zum spielerischen Erwerb kommunikativer
Kompetenzen, Veranstaltungsreihen mit Vorträgen,
Tagungen, Filmen, Lesungen und Konzerten bis hin zu Abendveranstaltungen vom
"get together"
bis zum "gesetzten Essen" machen das Museum
zu einem Ort für Kommunikation auch im
unterhaltsamen Sinne.