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Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum, Marbach
Heike Gfrereis / Dietmar Jaegle
Franz Kafka gehört zu jenen Schriftstellern, deren nicht ganz einfach zu verstehendes Werk man gern vor einem Lebenshintergrund zu begreifen versucht.
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Zementfabrik in Podol
bei Prag (um 1900) |
Kafkas Konflikt mit dem Vater, die Angst vor der engen Bindung an Frauen, die Vorherrschaft des Unbewussten - solche Aussagen ziehen sich leitmotivisch durch die zahlreiche Sekundärliteratur zu Franz
Kafka. Nüchtern besehen dienen sie dazu, den eigentümlichen Stil von Kafkas Texten und deren befremdliche Geschichten psychologisch zu erklären, jene Eigentümlichkeiten, die
diese Texte den Träumen so vergleichbar machen: die abgehakt-atemlosen, zugleich lakonisch formulierten Satzgefüge etwa, die vermeintlich ins abstruse Nirgendwo laufenden Handlungen, die unter Zwang agierenden, sich auf geheimnisvoll-duldsame Weise opfernden Figuren oder auch die immer wieder auftauchenden Sprachbilder, die in ihrem jeweiligen Kontext ganz unterschiedliche Assoziationen evozieren.
Wer Kafkas Erzählungen und Romane liest
und sie in klare Begriffe zu übersetzen versucht,
scheitert an deren Sperrigkeit und - so könnte
man sagen - ihrer ,Schrägheit', ihrer eindeutigen
Vieldeutigkeit. Das latent knirschende Getriebe
dieser Texte verdankt sich einer Machart, die
Kafka selbst in anderem Zusammenhang 1913 so beschreibt: "Dieser Flaschenzug im Innern.
Ein Häkchen rückt vorwärts, irgendwo im
Verborgenen, man weiß es kaum im ersten
Augenblick, und schon ist der ganze Apparat in
Bewegung.
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Innenansicht der Teppichfabrik
Ginzkey in Maffersdorf (1898) |
Einer unfassbaren Macht unterworfen, so wie
die Uhr der Zeit unterworfen scheint, knackt es
hier und dort und alle Ketten rasseln eine nach
der andern ihr vorgeschriebenes Stück herab." - Technische Bilder, mechanische Welt: Kafka, Klassiker der Moderne, lauschte der
Klangwelt der ersten Flugzeugpioniere ebenso wie
einem Grammophon mit Enrico Carusos erster Schallplatteneinspielung der "Aida". Er benutzte
Telefon, Schreibmaschine und Diktiergerät, griff
zur Kamera und fuhr Motorrad. "Vor einiger Zeit
stand auf einem Korridor, über den ich immer zu
meinem Schreibmaschinisten gehe, eine Bahre, auf der Akten und Drucksorten transportiert
werden, und immer wenn ich an ihr vorübergieng,
schien sie mir vor allem für mich geeignet und auf
mich zu warten."
In der Ausstellung "Kafkas Fabriken"
beleuchtet das Schiller-Nationalmuseum in Marbach
am Neckar eine Facette von Kafkas Leben, die einen ungewohnten, sachlichen Blick auf
bekannte Texte wie die "Strafkolonie", den "Prozeß",
den "Verschollenen", das "Urteil" oder die "Verwandlung" eröffnet und sie im besten Fall neu
lesen lehrt. 14 Jahre lang, von 1908 bis zu seiner
Pensionierung 1922, war Franz Kafka als Beamter in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für
das Königreich Böhmen in Prag" tätig. Was er in
dieser Eigenschaft gemacht, gesehen, in
Händen gehalten haben könnte, wie die Welt seiner Fabriken ausgesehen hat, ist knapp hundert Jahre später kaum mehr vorstellbar. Die
Ausstellung folgt Kafkas Arbeitswegen, seinen Reisen in
die großen Steinbrüche und Fabriken
Nordböhmens, die spezialisiert waren auf die Herstellung
von Tuch, Glas und Maschinenbau.
"Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen
wie
betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in
die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern
rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter,
alles was man herunter gibt, darüber stürzt
man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den
Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr
sich auf die Treppe werfen." Szenen wie diese
sind Szenen einer Arbeitswelt, die Kafkas
berufliches Leben bestimmt hat. Zu seinen Aufgaben
gehörte es, die Tätigkeiten der Fabrikarbeiter in
,Unfallgefahrenklassen' einzuteilen, die häufigen
Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu
begutachten und einzustufen. Er schlug
Unfallverhütungsmaßnahmen vor und formulierte die
Vorzüge der runden Sicherheitshobelwelle, hörte
sich die "bitteren Klagen" der Gablonzer
Unternehmer über zu hohe Beiträge ebenso an wie das
Lärmen der riesigen Transmissionsriemen, saß
nicht nur im elfenbeinernen ,Schloß des
Schriftstellers, sondern mühte sich auch - mit Akten und
Lohnlisten, im Kontor und auf dem Bürostuhl. Er
hat sich bewerben, Karriere machen müssen und schließlich sogar eine eigene Art entwickelt,
,blau' zu machen: "dort im Bureau ist die wahre
Hölle, eine andere fürchte ich nicht mehr."
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Die Ausstellung "Kafkas Fabriken"
wurde von zwei ausgewiesenen Kafka-Kennern
erarbeitet, die Wissenschaftlichkeit mit Gespür für Detail
und Witz zu verbinden wissen: Klaus Wagenbach,
seit 1950 leidenschaftlicher Kafkaforscher und
nach eigener Aussage "dienstälteste
Kafka-Witwe", und Hans-Gerd Koch, Redaktor der
Kritischen Ausgabe. Die Exponate, die sie ausgewählt
haben, waren in dieser Konstellation bislang noch nie zusammen zu sehen: Manuskripte aus
den umfangreichen Kafkabeständen der Archive
in Oxford und Marbach, zahlreiche Leihgaben aus Prag, umfangreiches, bisher nicht zugängliches
Material aus dem privaten Archiv von Klaus Wagenbach und eben auch: so kuriose wie
rare Fundstücke aus Kafkas Fabriken. Sogar
Kafkas Käfer können die Besucher bei genauem
Hinschauen entdecken.
Im Rahmen der Ausstellung stellten am 11. Dezember 2002 Hans-Gerd Koch und der
Schauspieler und Regisseur Hanns Zischler ihren
Film "Ein Besuch bei Kafkas Nichte" vor, den sie
1997 in London mit Marianne Steiner, der letzten
lebenden Augenzeugin Kafkas, gedreht haben: "Wenn sie sprach, lebte wie auf leichten
Flügeln der Klang, der Ton und Duktus des
wasserklaren Prager Deutsch wieder auf." (Zischler) |
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"Kafkas Fabriken" im Schiller-Nationalmuseum Marbach (bis 16. Februar 2003)
Zur Ausstellung erscheint das letzte von Friedrich
Pfäfflin ausgestattete Marbacher Magazin, die Nummer
100 dieser Reihe, bearb. von Hans-Gerd Koch und
Klaus Wagenbach unter Mitarbeit von Klaus Hermsdorf,
Peter-Ulrich Lehner und Benno Wagner, mit
zahlreichen Abbildungen. Ca. 150 Seiten, 8,15 €. Weitere Informationen: Schiller-Nationalmuseum
und Deutsches Literaturarchiv, Museumsabteilung
Tel. 07144/848-601, Telefax 848-690
Homepage http://www.dla-marbach.de |
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Dr. Heike Gfrereis ist Leiterin der
Museumsabteilung des Schiller-Nationalmuseums, Marbach
Dr. Dietmar Jaegle ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter des Schiller-Nationalmuseums, Marbach |
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