Am 11. März 1931, vor mehr als siebzig Jahren, starb der deutsche Filmregisseur
Friedrich Wilhelm Murnau nach einem Autounfall in
Santa Barbara, Kalifornien. Er war damals 42 Jahre
alt, hatte 21 Filme gedreht und galt als Regisseur mit Weltgeltung: "Nosferatu",
"Der letzte
Mann", "Faust", "Sunrise", "Tabu". Seine letzten
Filme entstanden schon nicht mehr in Deutschland. 1926 ging Murnau nach Amerika, um in
Hollywood Karriere zu machen. Dort setzte man in diesen deutschen Filmgenius große
Erwartungen, die an der Kasse allerdings nicht erfüllt
wurden. Er hat das Kino eher immateriell bereichert.
Murnau - das war sein Künstlername. Eigentlich hieß er Friedrich Wilhelm Plumpe, kam
1888 in Bielefeld zur Welt, machte in Kassel sein Abitur, studierte in Berlin und Heidelberg
Kunstgeschichte und Literatur und engagierte sich
im Studententheater. Ab 1913 gehörte er zum
Ensemble der Reinhardt-Bühnen in Berlin. Da
nannte er sich bereits Murnau - nach dem Ort in
Oberbayern, der ihm bei einem Besuch so gut gefallen hatte. Den Ersten Weltkrieg überlebte er
als Kriegsfreiwilliger und Flieger. Er kehrte
anschließend nach Berlin zurück - und drehte 1919
seinen ersten Film: "Der Knabe in Blau", dem
in schneller Folge fünf weitere Titel folgten.
Leider sind diese ersten Filme von Murnau nicht
erhalten, wir können uns nur aus der
zeitgenössischen Kritik ein Bild von ihnen machen. Zu
Murnaus Darstellern gehörten damals schon Conrad
Veidt, Fritz Kortner und Eugen Klöpfer.
"Der Gang in die Nacht", ein Melodram um
einen Augenarzt, eine Tänzerin und einen blinden
Maler, ist der älteste erhaltene Murnau-Film, im
Januar 1921 in Berlin uraufgeführt. Wie so oft bei
diesem Regisseur standen große Darsteller im
Mittelpunkt, hier waren es Olaf Fönss, Erna
Morena und Conrad Veidt. Willy Haas, der als
Filmkritiker früh die große Bedeutung Murnaus
erkannte, schrieb im "Film-Kurier": "Es ist das Wunderbarste, dessen unser Herz überhaupt fähig ist:
eine neue Musik schlägt leise in uns die Augen auf."
Mit "Nosferatu. Eine Symphonie des
Grauens" schuf Murnau sein erstes klassisch
gewordenes Werk, das Urbild aller Vampir-Filme,
gedreht nach Bram Stokers Roman. Max Schreck, Gustav von Wangenheim und Greta Schroeter
waren die Hauptdarsteller. Bela Balazs, Filmtheoretiker der zwanziger Jahre, schwärmte
in seinem Buch "Der sichtbare Mensch": "Gewiß
ist, daß keine geschriebene und gesprochene
Dichtung das Gespenstische, Dämonische und
Übernatürliche so zum Ausdruck bringen kann wie
der Film."
Für Murnaus folgende Filme "Der
brennende Acker", "Phantom" und "Die Finanzen des
Großherzogs" schrieb Thea von Harbou die
Drehbücher. Sie war damals eigentlich mit einem
anderen bedeutenden Filmregisseur der Weimarer Republik liiert: mit Fritz Lang. Zeitgleich
entstanden dessen Filme "Dr. Mabuse, der Spieler"
und "Die Nibelungen". Es waren die Inflationsjahre - die deutsche Filmkunst florierte mehr als die
Wirtschaft.
Emil Jannings war Hauptdarsteller in den drei Murnau-Filmen aus der Mitte der zwanziger
Jahre: "Der letzte Mann", "Tartüff" und "Faust".
Die Tragikomödie um einen alternden
Hotelportier, der zum Toilettenmann degradiert wird, ist Murnaus Meisterwerk. Willy Haas schrieb nach der Premiere im
"Film-Kurier" enthusiasmiert
und Goethe variierend: "Kinder, von hier und
heute beginnt eine neue Epoche in der Geschichte
der Kinematographie." Der Film war auch in
Amerika erfolgreich. Die Molière-Komödie vom
Erbschleicher Tartüff erweiterte Murnaus
Drehbuchautor Carl Mayer um eine Rahmenhandlung aus
dem Filmmilieu, die Haupthandlung verlegte er ins Preußen des Alten Fritz.
"Eine deutsche
Volkssage" war der Untertitel zum "Faust"-Film
mit Gösta Ekman als Titelfigur, Jannings als Mephisto und Camilla Horn als Gretchen. Ein
Lichtspiel und ein Schattenspiel. Eric Rohmer, der
französische Regisseur, hat darüber eine
Dissertation geschrieben.
Als der "Faust"-Film im Oktober 1926
uraufgeführt wurde, war Murnau schon auf dem
Weg nach Amerika. Dorthin hatte ihn der Chef des großen Fox-Studios mit einem
Vier-Jahres-Vertrag gelockt. Nur seinen ersten Film, "Sunrise", nach dem Roman von Hermann
Sudermann, konnte Murnau ohne Eingriffe des Studios
drehen, dann wurden ihm die kommerziellen Erwartungen der Produzenten und der rasche
Wechsel vom Stummfilm zum Tonfilm zum Verhängnis. Man nahm ihm bei "The Four Devils"
(der Film ist leider nicht erhalten) und bei "City
Girl" (Drehbuch: Berthold Viertel) die Fertigstellung
aus der Hand. Es wirkt wie eine Flucht aus der Realität, dass Murnau dann ein Projekt auf einer
Südseeinsel realisierte: "Tabu", begonnen mit
dem Dokumentaristen Robert Flaherty, nach einem Streit mit dem Co-Regisseur allein zu Ende
geführt. Diese Liebeserklärung an eine ferne
Kultur war für die Filmkritikerin Frieda Grafe "eine
Kosmogonie des Kinos: die Entstehung seiner Formen aus gleißenden, glitzernden
Wasseroberflächen." (Süddeutsche Zeitung, Juli 1975).
Die Premiere von "Tabu" hat Murnau nicht mehr erlebt.
Er war einer der Großen des Stummfilms, beeinflusst von Malerei, Literatur und
Schauspiel. Sein Beitrag zur Entwicklung einer
spezifischen Filmsprache ist früh erkannt worden. Er
arbeitete mit den besten Kameraleuten seiner Zeit
zusammen: Fritz Arno Wagner, Karl Freund, Carl Hoffmann, Charles Rosher, Floyd Crosby.
Die prominentesten Schauspieler drängte es in
seine Filme. Und für viele Nachgeborene in
Europa, zum Beispiel für François Truffaut, Eric Rohmer, Jacques Rivette und Jean-Luc Godard, für
Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Wim
Wenders, war er die Inkarnation deutscher Filmgeschichte.
Das Filmmuseum Berlin zeigt ab Januar 2003 eine Ausstellung zu Leben und Werk von
Friedrich Wilhelm Murnau. Erstmals werden in
diesem Zusammenhang verschiedene Exponate aus dem Nachlass des Regisseurs zu sehen sein.
Zur Berlinale im Februar 2003 präsentiert das
Filmmuseum eine Retrospektive der zwölf
erhaltenen Filme in restaurierten Kopien, begleitet von
verschiedenen Rahmenveranstaltungen. Ein Höhepunkt wird die Vorführung des Films
"Der
letzte Mann" in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit einer neu komponierten Musik
von Detlev Glanert sein. ZDF/Arte und die
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung sind an diesem
Ereignis partnerschaftlich beteiligt.
Das Filmmuseum Berlin publiziert zur Ausstellung und Retrospektive ein Murnau-Buch mit
Beiträgen heutiger deutscher Filmemacher - u.
a. Dominik Graf, Ulrike Ottinger, Helma Sanders-Brahms, Tom Tykwer, Wim Wenders -
Essays (von Thomas Koebner, Daniela Sannwald,
Janet Bergstrom), Dokumenten und Daten sowie einem Ausstellungsteil.
Murnau ist immer wieder neu zu entdecken. Siebzig Jahre nach seinem Tod bietet das
Filmmuseum Berlin dafür ausführlich Gelegenheit.