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Ausstellung in der Kunsthalle in Emden
Nils Ohlsen
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Lucian Freud, Women Holding Thumb, 1992
Öl/Lw, Sammlung Lambrecht-Schadeberg
Rubens-Preisträger der Stadt Siegen im Museum
für Gegenwartskunst Siegen |
Der Akt ist eines der ältesten und
faszinierendsten Motive in der bildenden Kunst
überhaupt. Von der Rolle des antikisierenden Ideals oder
passiven Modells für christliche und
mythologische Themen befreit, erlebt das Motiv in der
Kunst des 20. Jahrhunderts eine bis dahin ungeahnte differenzierte
Erweiterung seiner inhaltlichen und formalen
Ausdrucksmöglichkeiten. Die
künstlerische Auseinandersetzung mit dem nackten
Körper erhält damit einen neuen Sinn: Der
Begriff "Akt" steht im 20. Jh. für die ganze Breite
künstlerischer Darstellungen des nackten
Körpers vom naturalistischen Abbild bis zur
Imagination, von der Vergewisserung des eigenen Körpers
bis zum entgrenzenden Experiment.
Der Kult um Ernährung, Sport, Schönheit
und Sexualität hat in den westlichen
Wohlstandsgesellschafen großen Einfluss auf den Alltag
gewonnen - die Beschäftigung mit dem eigenen Körper nimmt einen zentralen Platz im
privaten Leben ein. Nach der technischen steht die
gentechnische Eroberung des Körpers offenbar
kurz bevor. Die medizinischen Fortschritte
eröffnen ungeahnte Möglichkeiten der Heilung und
Veränderung des Körpers.
Doch trotz der Bilderflut nackter Körper in
den Massenmedien hat der Akt in der Kunst nichts von seiner Brisanz verloren, trotz des
radikalen Bruchs mit der akademischen Kunst
bleiben weit zurückreichende Traditionen der Aktdarstellung bis in die Gegenwart tragfähig
und bilden eine stete Quelle für künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Körper.
Das Motiv des unbekleideten Körpers bietet geradezu
unerschöpfliche Möglichkeiten, die Sicht
des Menschen auf sich selbst, seine Ideale, Ängste,
Hoffnungen und Träume darzustellen. In dem
gleichen Maße, wie der körperlich aktiv
arbeitende Mensch im 20. Jahrhundert durch Industrialisierung und
Rationalisierung an Bedeutung verliert, avanciert der Körper in der
Kunst zum zentralen Thema: Sein drohendes Verschwinden in der Arbeitswelt scheint seine
Rehabilitierung in der Kunst zur Folge zu haben. Die Künstler suchen nach immer neuen
Ausdrucksformen, die sich mit dem Körper in
den verschiedensten Kontexten befassen.
Nicht zuletzt durch die Kunst ist der Körper
im 20. Jahrhundert zum "Ort der persönlichen
Identität" geworden. Im Spannungsfeld stets
wechselnder ästhetischer, moralischer,
wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Normen ist die
Aktkunst eine Reflexionsfläche und ein
Impulsgeber für Entwürfe und ein kontinuierliches
Korrektiv der Definition des Menschen. Als einzig
verbleibender Ort des vermeintlich Wahren und
Authentischen ist der Körper des Menschen,
dessen Fühlen und Erleben im 20. Jahrhundert in
das Zentrum des Interesses gerückt. Wie im
Leben wird der Körper auch in der Kunst immer
wieder auf die abenteuerliche Reise zwischen
Experiment und Vergewisserung geschickt.
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Bettina Rheims
4 juillet II, Paris 1991
(Aus der Serie Chambre Close)
c-print
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Die in den letzten drei Jahren vorbereitete Ausstellung vereint gleich mehrere Superlative:
Bei Nutzung aller Räume der im Jahre 2000
erweiterten Kunsthalle ist sie die bislang größte
Schau der Kunsthalle in Emden. Mit über 200
Leihgaben aus internationalen Museen und Privatbesitz von mehr als 90 namhaften Künstlern
gibt die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Vielfalt der Aktkunst des 20. Jahrhunderts
bis in die Gegenwart. Unter den präsentierten
Künstlern finden sich bekannte Namen wie Paul
Cézanne, Auguste Renoir, Paula Modersohn-Becker, Pierre Bonnard, Pablo Picasso, Man
Ray, Ernst Ludwig Kirchner, Imogen Cunningham, Egon Schiele, Suzanne Valadon, Edvard
Munch, Otto Dix, Alberto Giacometti, Willem de
Kooning, Yves Klein, Tom Wesselmann, Louise
Bourgeois, Francis Bacon, Henry Moore, Kiki Smith,
Lucian Freud, Marlene Dumas, Nobuyoshi Araki,
Bettina Rheims und Bill Viola, aber auch
zahlreiche bislang weniger bekannte Künstler, deren
Arbeiten ganz neue Perspektiven auf die Thematik
eröffnen.
Zugunsten einer spannungsreichen Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher
Kunstwerke sieht die Ausstellung bewusst von einer
chronologischen und stilistischen Gliederung ab. So treten hochkarätige
Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen der klassischen Moderne in einen Dialog mit
Fotografien, Videoarbeiten und Installationen der Gegenwart. Die
Ausstellung macht Konstanten, Brüche und
Innovationen erkennbar und untersucht, auf welche Weise die Kunst des 20.
Jahrhunderts mit dem Motiv des nackten Körpers umgeht, welche Fragen
die Künstler beschäftigen, welche
Möglichkeiten sie sich erarbeiten, wie sie den Körper
einsetzen und nicht zuletzt, welche Tabus sie brechen.
Eine Gliederung in sieben Themenschwerpunkte sowie ein weit gefächertes
museumspädagogisches Angebot, eine Audioführung
und ein ausführlicher Ausstellungskatalog
begleiten den Besucher auf seinem Weg durch die
faszinierende Vielfalt des "Aktes in der Kunst des
20. Jahrhunderts". |
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Der Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts
(bis 26. Januar 2003) Serviceangebot: Verschiedene Führungen,
Audioführung, spezielles Programm für Schulklassen und
diverse Kreativ-Workshops; Info und Anmeldung
unter: Tel. 04921/975080,
Internet: www.kunsthalle-emden.de
E-Mail: kunsthalle@kunsthalle-emden.de
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, rund
300 Seiten mit ca. 220 Farbabbildungen. Preis an der Museumskasse ca. 35,- €. |
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Dr. Nils Ohlsen
ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter der Kunsthalle in Emden |
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